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Marburg Deniz Yücels Dank an Marburg
Marburg Deniz Yücels Dank an Marburg
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16:51 17.11.2019
Deniz Yücel (links) schildert eindringlich seine Erfahrungen mit der Inhaftierung in einem türkischen Gefängnis. Manfred Paulsen stellt Fragen.  Quelle: Melanie Weiershäuser
Marburg

Schweiß tropft von der Stirn, die Brust steht unter Wasser. Er öffnet die oberen beiden Hemdknöpfe, darunter schimmert das Scheinwerferlicht auf der benetzten­ Haut. Deniz Yücel kämpft. Er ist krank, hat Medikamente­ eingenommen, die sein Fieber senken sollen. Die Lesung zu seinem im Oktober erschienen Buch „Agentterrorist“ abzusagen, kommt nicht infrage: „Nicht in Marburg.“ Der Journalist ist dankbar, unterstreicht das nicht nur mit Worten, auch mit Gesten. Er faltet die Hände vor seinem Bauch, presst die Lippen aneinander und verbeugt sich vor dem Publikum in der Waggonhalle.

Deniz Yücel kam 1973 in Flörsheim zur Welt, studierte Politikwissenschaften in Berlin und arbeitete fortan als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen. Seit 2015 schrieb er als Türkei-Korrespondent für die Tageszeitung „Die Welt“. Er schwärmt für Istanbul und den Fußballverein Besiktas, weiß aber auch um die Probleme: „Um die Meinungs- und Pressefreiheit stand es in der Türkei noch nie gut.“ Sie sei bloß „mal mehr, mal weniger stark eingeschränkt“.

Zu spüren bekam es Yücel erstmals bei einer Pressekonferenz an der türkisch-syrischen Grenze. Er stellte eine Frage, erhielt aber keine Antwort. Stattdessen wurde er verhaftet. Zwei Stunden wurde er festgehalten, saß bei der Anti-Terror-Einheit. „Natürlich die Anti-Terror-Einheit, darunter fangen die gar nicht erst an“, schmunzelt er, um sich dann an den Kopf zu fassen: „Und das, weil ich eine Frage gestellt habe.“

Nach dem Putschversuch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016, auf den neben Verhaftungen auch Eingriffe in die Medienlandschaft folgten, holte Deniz Yücel seine Freunde in einem Café in Berlin-Neukölln zusammen. Eine Stimmung des Abschieds lag in der Luft. „Ich habe geahnt, dass ich jetzt Probleme in der Türkei bekommen könnte.“

Obwohl seine Freunde auf ihn einredeten, obwohl sein Chefredakteur es ihm ausdrücklich freistellte – Yücel machte sich erneut auf den Weg: „In der ­Situation ist es umso wichtiger, dass wir Journalisten den Mächtigen auf die Finger schauen und ihnen das Feld nicht überlassen.“

Später wurde tatsächlich nach Yücel gefahndet. Der Vorwurf lautete Terrorpropaganda und Volksverrat. Tatgegenstand waren Zeitungsartikel. Über die ernste Angelegenheit plauderte der Journalist flapsig und grinste: „Totalitäre Regime haben ­immer etwas zutiefst Witziges an sich, oder?“

Kurzzeitig tauchte Yücel in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters in der Türkei unter. Als klar wurde, dass auf ­diplomatischem Wege keine Abhilfe möglich ist, stellte er sich und saß vom 27. Februar 2017 bis 16. Februar 2018 in Untersuchungshaft.

Der türkische Präsident Recep Erdogan habe Yücel immer „dieser Agent, Terrorist“ genannt. Doch worum ging es wirklich bei der Inhaftierung? „Es ging um Abschreckung, andererseits darum, einen außenpolitischen Konflikt anzuzetteln, um Wählerstimmen zu gewinnen.“ Am 24. Juni 2018 waren Wahlen in der Türkei. „Erdogan ist nicht der Erste, der auf die Idee kam.“

In einer von zwei Passagen, die Deniz Yücel aus seinem aktuellen Buch vorliest, beschreibt er die Umstände im Gefängnis. Er skizziert es mit Humor, der „Dinge, die man nicht ändern kann, leichter erträglich macht“. Geholfen habe ihm die Welle der Solidarisierung. „Das hat mir Kraft gegeben, auch als ich von der Kundgebung in Marburg gehört habe.“

Kraft gegeben habe ihm außerdem sein Streben nach Freiheit, „damit meine ich aber nicht die Zeit vor und nach dem Gefängnis“. Seine Definition: „Freiheit bedeutet, nicht aufzugeben, wenn demokratische Werte gefährdet werden, sondern gerade dann für diese zu kämpfen.“

von Christoph Heuser