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Marburg Gewerkschafter zögern mit Forderung nach Inflationsausgleich
Marburg Gewerkschafter zögern mit Forderung nach Inflationsausgleich
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19:08 01.05.2022
Hunderte Menschen gingen am Tag der Arbeit in Marburg auf die Straße.
Hunderte Menschen gingen am Tag der Arbeit in Marburg auf die Straße. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause gingen heute (1. Mai) rund 450 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auf die Straße, um anlässlich des traditionellen Tags der Arbeit am 1. Mai an die Forderungen der abhängig Beschäftigten zu erinnern. Bemerkenswert: Neben den demonstrationserfahrenen Menschen mittleren und höheren Alters beteiligten sich auch zahlreiche junge Menschen an dem Umzug, teils mit eigenen Redebeiträgen während einer Auftaktkundgebung am Deserteursdenkmal.

„Die Krise hat die Jugend schwer getroffen“, sagte der DGB-Kreisvorsitzende Pit Metz, mit seinen knapp 70 Jahren selbst ein „alter Hase“, sprach die Unterfinanzierung der Universität, die Situation am UKGM und die Mietenexplosion in der Stadt an. Metz verurteilte die Pläne zur Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine und die Bildung eines 100 Milliarden Euro schweren „Sondervermögens“ für die technische Modernisierung der Bundeswehr. Stattdessen müsse „alle Kraft in Friedensverhandlungen“ gegeben werden, damit der „furchtbare Krieg endlich beendet werden kann“, sagte Metz.

In der jüngeren DGB-Geschichte hat es in Marburg noch keine Demonstration zum 1. Mai gegeben, an der gleich sieben Vertreterinnen und Vertreter der Gewerkschaftsjugend sprachen – bis zum Sonntag.

Und das bringt durchaus frischen Wind in den gelegentlich als angestaubt erlebten Gewerkschaftsbund, etwa wenn ein Jugendvertreter forderte, bei den Tarifverhandlungen die Löhne und Gehälter an die Inflation anzupassen und die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich einzuführen – uralte gewerkschaftliche Forderungen, die aber in dieser Entschlossenheit heute nur noch selten ausgesprochen werden.

Kein Wunder, hat sich doch auch eine der kampfgestähltesten Gewerkschaften noch nicht festgelegt: Die IG Metall zögert noch, den Inflationsausgleich zum Thema für die Tarifverhandlungen ab Herbst zu machen.

Im April lagen in Deutschland die Verbraucherpreise vor allem wegen der galoppierenden Energiekosten um 7,4 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Inzwischen steigt auch die sogenannte Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel deutlich. Das ist meilenweit von den 1,7 Prozent entfernt, um die die Tarifverdienste im vergangenen Jahr zugelegt haben.

Auch der Hauptredner in Marburg, der Vorsitzende des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen, Michael Rudolph, legte sich nicht auf konkrete Lohn- und Gehaltsforderungen für die laufenden und in diesem Jahr noch folgenden Tarifverhandlungen fest, sondern beließ es bei allgemeinen Forderungen.

Scharfe Kritik am Land

„Wir müssen denen helfen, die abzusaufen drohen angesichts der Krise“, sagte der Gewerkschaftsfunktionär und pochte auf die Umsetzung des Tariftreue-Gesetzes: „Öffentliches Geld darf nur an Betriebe gehen, die ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach Tarif bezahlen.“

Rudolph kritisierte in diesem Zusammenhang scharf die hessische Landesregierung, die in dieser Frage „die Arbeit verweigert“. Zudem pochte der Landesvorsitzende auf die Umsetzung des Mindestlohns von 12 Euro und das Ende der sachgrundfreien Befristung von Arbeitsverträgen. „Sachgrundfreie Befristungen sind nichts anderes als eine Verlängerung der Probezeit durch die Hintertür.“

Marburg wäre nicht Marburg, wenn nicht die Auseinandersetzung um das seit 15 Jahren privatisierte UKGM Thema am 1. Mai wäre – zumal wenige Tage vor den Betriebsratswahlen, die von Dienstag bis Donnerstag stattfinden.

Ilona Kraft-Peil, Krankenschwester, freigestelltes Betriebsratsmitglied und Spitzenkandidatin der Liste „Verdi – Wir – mit Euch – zusammen“, berichtete von dem Arbeitsalltag am UKGM mit Arbeitsverdichtungen, Stationsschließungen und Zukunftsängsten der Beschäftigten. Sie forderte, endlich einen Entlastungstarifvertrag zu vereinbaren. Rudolph verlangte von der Landesregierung, bessere Personalstandards festzuschreiben und das UKGM zurück in staatliches Eigentum zu führen.

Und dann ist ja in knapp zwei Wochen noch die Landratswahl in Marburg-Biedenkopf – ein Umstand, der einige Kandidatinnen und Kandidaten zur Teilnahme an der Demonstration motivierte. Zu Wort kamen aber nur zwei Kommunalpolitiker. Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) forderte, die Klimakrise dürfe nicht zu einer neuen sozialen Frage werden, Wohnen sei ein Menschenrecht, und die Stadt sei bei den laufenden Tarifverhandlungen „an der Seite der Erzieherinnen“.

Und Vize-Landrat Marian Zachow (CDU) erinnerte an die verstorbene Landrätin Kirsten Fründt, die in der Kreisverwaltung die sachgrundlose Befristung schon abgeschafft habe. Der Christdemokrat teilte noch mit, dass „wir in Krisen immer erfolgreich waren, wenn starke Gewerkschaften laut werden“.

Von Till Conrad

01.05.2022
01.05.2022