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Marburg „Keine Erkrankung zeigt sich so individuell wie die Demenz“
Marburg „Keine Erkrankung zeigt sich so individuell wie die Demenz“
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19:58 24.09.2020
Die Experten der OP-Telefonaktion zum Thema Demenz: Elisabeth Bender (von links), Dr. Frank Dannhoff, Astrid Fichte, Dr. Anne Wächtershäuser und Dr. Anna Stach. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Fünf Experten beantworteten am Welt-Alzheimertag die Fragen der OP-Leser. Dabei wurde deutlich: Je früher sich Betroffene und Angehörige Hilfe suchen, desto besser können Hilfsangebote greifen und auch koordiniert werden. Rund 1,6 Millionen Menschen sind derzeit in der Bundesrepublik an Demenz erkrankt – Tendenz steigend: Bis 2060 rechnet die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft mit einer Verdoppelung dieser Zahl. Kein Grund also für eine Stigmatisierung der Erkrankten – doch das sei leider immer noch an der Tagesordnung, wissen die Experten.

Bei den Anrufen wurde klar: Alzheimer und Demenz sind hoch emotionale Krankheiten. Denn es ist nicht nur einfach das Vergessen von Dingen – auch Persönlichkeitsveränderungen können mit der Krankheit einhergehen.

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Und das zehrt an den Kräften der Angehörigen, die in den meisten Fällen die Pflege übernehmen. So zum Beispiel bei einer Anruferin, die den Tränen nahe von der Erkrankung ihrer Mutter erzählt – sie sei völlig am Ende, erklärt sie Dr. Anne Wächtershäuser und Elisabeth Bender von der Alzheimer-Gesellschaft. Die beiden sind sich einig: Es muss eine ausführlichere Beratung her, als sie diese jetzt am Telefon leisten können – sie wollen die Anruferin persönlich im BiP beraten.

Vergesslich ist doch jeder mal

Diplom-Pädagogin Anne Wächtershäuser erläutert nach dem Gespräch: „Manchmal warten die Angehörigen zu lange, bis sie sich Hilfe holen. Dann knallt es auch schon bei ganz normalen Alltagssituationen.“ Denn die Nerven liegen blank. Doch wann ist es Zeit, sich Hilfe zu holen? Denn vergesslich ist doch jeder mal – ist das immer gleich ein Anzeichen von Demenz? „Nein, auf keinen Fall“, versichert sie. „Aber wenn alltägliche Dinge nicht mehr richtig laufen und es Auffälligkeiten gibt, wie beispielsweise Orientierungslosigkeit, oder jemand, der immer aktiv war, sich plötzlich nicht mehr raustraut“, zählt sie auf.

Elisabeth Bender erhalte ebenfalls häufig Anfragen, „in denen die Menschen erzählen, dass sie vergesslich sind – sie verlegen ständig Schlüssel oder Brille, vergessen Namen. Einige Menschen sind dann sehr ängstlich, denken gleich, sie hätten Demenz – dann frage ich nach, wie die Lebenssituation gerade aussieht.“ Denn auch Stress oder Kummer könnten dazu führen, „dass man Wortfindungsstörungen hat oder Dinge verlegt. Übrigens: Das Namensgedächtnis altert als Erstes – das ist durchaus normal.“ Doch wenn man Dinge vergesse, obwohl man sie in den Kalender eintrage, „oder beispielsweise permanent zur Bank geht oder jeden Tag ein Brot kauft, dann sind das durchaus kritische Anzeichen“.

Erste Anzeichen sind nicht immer leicht zu erkennen

Das könne auch Alleinstehenden, die keine Angehörigen mehr hätten, bewusst werden, „gerade am Anfang der Erkrankung ertappt man sich selbst bei solchen Dingen“, fügt Anne Wächtershäuser hinzu.

Dann gebe es zwei Möglichkeiten: sich dem Thema aktiv zu stellen und den Gesundheitszustand abklären zu lassen „oder die Schwächen so gut wie möglich zu verdrängen und vor der Außenwelt zu verbergen, weil man die Krankheit nicht möchte“. Doch das sei eine schlechte Option. Wichtiger sei es, frühzeitig Hilfe zu suchen. Auch wenn die ersten Anzeichen nicht immer leicht zu deuten seien. Denn, so Elisabeth Bender: „Keine Erkrankung zeigt sich so individuell wie die Demenz – jeder geht anders damit um und hat andere Ausfallerscheinungen.“ Ein wichtiges Warnsignal sei aber: „Mit der Demenz gehen Alltagsfähigkeiten verloren – das, was Sie mal konnten, bröckelt weg.“

Das mache die Situation auch für Angehörige schwierig, „vor allem, wenn beispielsweise Kinder weiter weg wohnen und den Erkrankten nur alle paar Wochen sehen. Denn dann kann er sich vielleicht noch gut zusammenreißen und den Anschein erwecken, alles gut im Griff zu haben.“ Doch irgendwann „bricht das Kartenhaus dann zusammen“, sagt Elisabeth Bender.

Wichtig sei daher, schon früh fachärztlichen Rat einzuholen und die Symptome abklären zu lassen. „Denn nicht immer muss es sich um Demenz handeln – es gibt auch andere Krankheiten mit ähnlichen Symptomen, die sich entsprechend behandeln lassen“, sagt Anne Wächtershäuser.

Vollmacht muss bei klarem Verstand getroffen werden

Entsprechend gefragt war während der Telefonaktion auch Dr. Frank Dannhoff, stellvertretender Klinikdirektor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg. „Ein Anrufer wollte etwa wissen, ob seine Medikation in Ordnung ist – ich habe nichts Schlimmes rausgehört, aber geraten, das in der Neurologie abklären zu lassen“, erzählt er. Auch Aggressivität von Erkrankten sei Thema gewesen. „Auch dabei ist die Bandbreite riesengroß: Es gibt aggressive Tendenzen bei Erkrankten, die man nachvollziehen kann, weil beispielsweise pflegende Angehörige hektisch oder ungeduldig sind – oder den Erkrankten bevormunden“, so der Arzt. Er hat einen Tipp parat: „Wenn der Patient immer nur auf seine Fehler hingewiesen und korrigiert wird, dann ist das problematisch. Man sollte viel eher Dinge erwähnen, die er im Leben geleistet hat, oder seine Stärken – dann sieht er seine Ressourcen, das kann sich positiv auswirken.“

Es gebe aber auch Aggressivität, die durch die Veränderungen im Hirn verursacht würden, „das ist natürlich für alle im Umfeld schwierig, denn die Tendenzen sind nicht vorhersehbar“.

Netzwerk in Kreis gut ausgebaut

Die Experten waren sich unisono einig, dass das Netzwerk rund um Demenz und Alzheimer im Landkreis schon sehr gut aufgestellt sei. Benötigt würde jedoch beispielsweise noch ein Angebot für jüngere Erkrankte. Wünschenswert wäre zudem, dass die Hausärzte schon erste Warnzeichen einer frühen Demenz erkennen würden und diese ihre Patienten dann an Fachärzte weiterleiteten, „um möglichst früh einen Zugang zu Hilfsangeboten zu bekommen“. Auch dort gelte es, die Angehörigen ins Boot zu holen „und ihnen zu vermitteln, dass man versteht, welch schweres Paket sie auf den Schultern haben“, sagt Astrid Fichte vom Pflegestützpunkt.

Zu den Hilfsangeboten gehört auch eine Beratung rund um Vorsorgevollmacht und Betreuung – Dr. Anna Stach vom Betreuungsverein verdeutlicht dazu: „Die Vollmacht muss bei klarem Verstand getroffen werden“ – daher gelte auch dort: möglichst früh handeln. Handeln musste ein Anrufer jedoch nicht, dessen dementer Elternteil immer noch Auto fahren möchte. „Die Krankheit muss nicht der Führerscheinstelle gemeldet werden“, erläutert sie. Ihr Rat: Das Auto auch dann, wenn die erkrankte Person nicht mehr fahren könne, nicht zu verkaufen, wenn es nicht nötig sei. „Denn dann ist zumindest das Gefühl der möglichen Mobilität und Freiheit noch vorhanden.“

Von Andreas Schmidt