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Marburg Dem Eierstockkrebs auf der Spur
Marburg Dem Eierstockkrebs auf der Spur
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09:18 10.01.2021
Das Zentrum für Tumor- und Immunbiologie der Philipps-Universität auf den Lahnbergen. Quelle: Foto: Philipps-Universität/Markus Farnung
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Marburg

Neue Therapieansätze sind daher dringend erforderlich. In einem von der Wilhelm-Sander-Stiftung geförderten Forschungsprojekt hat eine Marburger Forscherallianz jetzt ein Signalmolekül im Bauchwasser der Betroffenen entdeckt, das im Zusammenhang mit einem kurzen rückfallfreien Überleben steht und die Immunzellen in der Tumormikroumgebung hemmt. Dies teilte die Philipps-Universität mit. Die zugrundeliegenden molekularen Veränderungen liefern demnach eine Basis für die Entwicklung neuer Therapieoptionen.

Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) werde in der Regel erst spät entdeckt, bilde schon früh Metastasen im Bauchraum und die verfügbaren therapeutischen Wirkstoffe seien meist nicht dauerhaft wirksam, heißt es in der Pressemitteilung. Ovarialkarzinome seien zudem häufig von einem bösartigen Bauchwasser (Aszites) begleitet, das tumorfördernde Signalmoleküle enthalte.

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Wie diese Signalmoleküle den klinischen Verlauf des Eierstockkrebs beeinflussen, haben jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Dr. Sabine Müller-Brüsselbach, Arbeitsgruppenleiterin am Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung (IMT) der Philipps-Universität Marburg, sowie Dr. Silke Reinartz und Professor Dr. Uwe Wagner von der Marburger Klinik für Gynäkologie, gynäkologische Endokrinologie und Onkologie untersucht. Ziel der Arbeiten des Forscherteams war es, eine Basis für neue prognostische und therapeutische Ansätze für die Behandlung des Ovarialkarzinoms zu entwickeln.

Weltweit einmalige Datenbank im Aufbau

„Es ist heute unzweifelhaft, dass Tumore nur dann wachsen und metastasieren können, wenn Tumorzellen in ihrer Aktivität durch umliegende normale Zellen unterstützt werden“, erklärt das Forscherteam. Hierzu zählen in erster Linie Immunzellen sowie Zellen des Bindegewebes.

Die so entstehende Tumorumgebung beeinflusse auch den klinischen Verlauf und das Überleben in entscheidender Weise. Beim Ovarialkarzinom sind die Fresszellen des Immunsystems, die Makrophagen, von besonderer Bedeutung. Sie würden über Signalmoleküle „umerzogen“ und würden als Folge die Tumorzellen nicht mehr eliminieren, sondern in ihrer Bösartigkeit fördern.

Im Rahmen des über zwei Jahre geförderten Projektes machten die Marburger Forscherinnen und Forscher eine wichtige Entdeckung: „Wir konnten eine bestimmte Fettsäure (Arachidonsäure) im Aszites der Patientinnen mit deren rückfallfreiem Überleben in Zusammenhang bringen und nachweisen, dass Arachidonsäure als Signalmolekül wirkt, welches die Aktivität der Makrophagen hemmt“, erklärt Sabine Müller-Brüsselbach die wichtigsten Befunde ihrer Untersuchungen.

Diese Forschungsergebnisse wurden im renommierten Journal Theranostic veröffentlicht. Von besonderer Bedeutung sei dabei, dass es pharmakologische Wirkstoffe gebe, die solche Veränderungen verhindern könnten. Ob diese Wirkstoffe auch die für die Makrophagen und den Krankheitsverlauf negative Wirkung der Arachidonsäure unterbinden können, untersuchen die Wissenschaftler in aktuell laufenden Arbeiten.

Die Forschungsergebnisse des Marburger Teams sind das Resultat einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung und der Klinik für Gynäkologie, deren Laboratorien im Zentrum für Tumor- und Immunbiologie (ZTI) unmittelbar benachbart sind.

Das Team habe ein erfolgreiches Konzept für eine enge Verzahnung von Klinik und Forschung entwickelt. Bei der Operation wird mit Einverständnis der Patientin Bauchwasser entnommen und in die Forschungslaboratorien am ZTI übermittelt, dort aufgearbeitet und detaillierten Analysen unterzogen. Das Bauchwasser sei als Untersuchungsmaterial besonders wertvoll, da es sehr viele Tumor- und Immunzellen enthalte.

Nicht zuletzt aufgrund der Erfolge dieser Arbeiten realisieren die Forscherinnen und Forscher am Marburger ZTI zurzeit ein wichtiges infrastrukturelles Projekt: „Wir arbeiten am Aufbau einer Bio- und Datenbank speziell für Tumorzellen, Immunzellen und andere Bestandteile des Aszites von Ovarialkarzinom-Patientinnen“, sagt Professor Dr. Rolf Müller, Leiter des ZTI. Diese Bio- und Datenbank sei weltweit einmalig und von allen beteiligten Kooperationspartnern online abrufbar.

Von unseren Autoren

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