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Marburg Auszubildendem droht Abschiebung
Marburg Auszubildendem droht Abschiebung
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17:00 10.08.2019
Irfan Mohammad (22) strahlt, wenn er an seine Ausbildung am UKGM denkt. Aber seine ungewisse Zukunft in Deutschland belastet ihn sehr. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Wenn Irfan über seine Patienten spricht, strahlt er übers ganze Gesicht. „Wenn Menschen Schmerzen haben und ich kann ihnen helfen, indem ich singe oder ihnen sage, dass sie keine Angst haben müssen, dann macht mich das sehr glücklich“, betont der 22-Jährige. Lächelnd räumt er Kekse auf den Tisch in dem spärlich eingerichteten Gemeinschaftsraum. Irfan wohnt wie viele andere UKGM-Auszubildende in Pflegeberufen im als „Röpke-Bunker“ betitelten Wohnheim in der Wilhelm-Röpke-Straße.

Er überschlägt sich in seiner Gastfreundschaft. „Das mache ich so gerne, es ist Teil meiner Kultur“, sagt er und schenkt seinem Gast ein Glas Wasser ein. „Ich kann auch für dich kochen.“ Mark Müller, stellvertretender Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) des UKGM, lehnt das Koch-Angebot dankend ab. Er ist da, um dem jungen Pakistani zu helfen. Er will Irfans offenbar drohende Abschiebung verhindern.

Abgelehnter Asylantrag liegt vor

Der abgelehnte Asylantrag des Regierungspräsidiums Gießen liegt der OP vor. „Irfan hat sich super integriert. Er ist sehr beliebt auf Station. Es wäre fatal, wenn jemand, der sich solche Mühe gibt und aus einer schwierigen Situation kommt, nun wieder in diese schwierige Situation zurück muss“, sagt Müller.

Irfan ist im Jahr 2015 aus Pakistan geflohen. Es gab Probleme, sagt er. Der junge Mann, der eben noch freudig strahlte, als er über seine Arbeit mit Patienten sprach, wird plötzlich ganz ruhig. Er senkt seinen Blick, spricht leise, reibt unentwegt seine Hände. 

Die Geschichte, die er aus seiner Heimat erzählt, ist verworren. Sein Vater sei Landwirt gewesen. Mit einem „korrupten Politiker“ habe es Streit um Land gegeben, weshalb sein Bruder ermordet worden sei. Daraufhin habe sein Onkel den angeblich dafür verantwortlichen Politiker getötet und somit wohl eine ganze Partei gegen sich aufgebracht.

Abschiebung

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1.754 Menschen aus Hessen abgeschoben. Diese Zahl hatte das Ministerium bereits Anfang des Jahres mitgeteilt. 2 462 Menschen reisten freiwillig aus. Im Jahr 2017 waren 1.148 Menschen abgeschoben worden, 2.908 gingen freiwillig. Bei der Zahl der Abschiebungen lag im vergangenen Jahr Algerien (125) vor Albanien (115), Afghanistan (103) und dem Iran (101). Bei den freiwilligen Ausreisen rangierte Albanien (271) vor Serbien (262), dem Irak (177), Mazedonien (174), der Türkei (126) und Pakistan (117).
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 17 220 Asylverfahren in Hessen abgeschlossen. 360 Menschen wurden als Asylberechtigte anerkannt, bei fast 6.900 wurde der Antrag abgelehnt. Knapp 9.500 erhielten einen Flüchtlingsstatus. 2017 war die Zahl der abgeschlossenen Fälle noch mehr als doppelt so hoch gewesen.
Quelle: dpa

„Mein Papa hat wegen meinem Onkel ganz viel Geld gezahlt, aber die Polizei hat meinen Onkel trotzdem gehängt“, berichtet Irfan. Er ist sich sicher: Auch er werde getötet, wenn er zurück nach Pakistan muss. „Ich habe Angst um mein Leben.“

Die Tür im Gemeinschaftsraum des Röpke-Bunkers geht auf. „Oh, hallo Irfan, sorry, ich wollte nicht stören“, sagt eine junge Frau lächelnd und schließt die Tür wieder. Irfan ist beliebt, er liebt es, für seine Freunde zu kochen. „Auch auf Station hat er nur gute Bewertungen bekommen“, betont Mark Müller von der JAV. Der 24-Jährige kann nicht verstehen, warum jemand, der so viel Freude an der Krankenpflege hat, offenbar abgeschoben werden soll. 

Zwar ist Pakistan noch kein sicheres Herkunftsland, aber das könnte sich bald ändern. Die Bundesregierung möchte Asylverfahren beschleunigen und mehr Abschiebungen möglich machen. Deshalb will sie auch mehr Herkunftsländer von Migranten als sicher einstufen – unter anderem auch Pakistan, da es zu den Staaten gehört, die eine Anerkennungsquote von weniger als fünf Prozent haben.

Er hat in kurzer Zeit viel gelernt

Für Mark Müller wäre eine mögliche Abschiebung Irfans falsch. „Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem in Krankenhäusern. Allein aufgrund des demographischen Wandels gibt es immer mehr Patienten, aber wir haben immer weniger Personal“, kritisiert Müller. Viele junge Menschen, die in der Pflege anfingen, hörten nach fünf Jahren schon wieder auf, weil die Arbeitsbedingungen so schlecht seien.

„Wir brauchen solche Menschen wie Irfan dringend, damit wir weiterhin gewährleisten können, dass Patienten menschenwürdig versorgt werden können“, betont Müller. Irfan sei an der Arbeit sehr freundlich und fleißig. Der 22-Jährige spricht gut deutsch, obwohl er erst 2016 mit einem VHS-Kurs für Deutsch angefangen hat. Er besuchte die Theodor-Heuss-Schule in Wetzlar und hat seinen Hauptschulabschluss anerkannt bekommen.

Er hat in kurzer Zeit viel gelernt. Doch er wollte mehr. Wollte Menschen helfen. Irfan ist gläubig, sagt mehrmals, wie dankbar er Gott ist, dass die Menschen in Deutschland so nett zu ihm sind. Eigentlich ist er Muslim. „Aber ich glaube auch an Jesus“, sagt er. Deshalb habe er sich auch in Wetzlar in einer freien evangelischen Gemeinde engagiert. „Ich lese den Koran und lese auch die Bibel. Letztendlich geht es doch darum, dass wir alle Menschen sind.“

Mit der Ausbildungsstelle zum Krankenpflegehelfer ist für Irfan ein Traum in Erfüllung gegangen. „Ich habe zu Hause in Pakistan schon immer meinem Opa geholfen und wollte so etwas dann hier unbedingt weitermachen“, erzählt er. Doch die einjährige Ausbildung reicht nicht, um in Deutschland zu bleiben. „Diese Ausbildung wird zur Duldung nicht anerkannt“, erklärt Gewerkschafter Müller, der deshalb eine Online-Petition für den 22-Jährigen gestartet hat.

2.268 Menschen haben die Petition bislang unterzeichnet. Sie richtet sich an die Härtefallkommission im Hessischen Landtag. Mittlerweile sei die Angelegenheit im Petitionsausschuss angekommen. Müller hofft, dass sie dort ein wenig ruhen kann. Bis zum 1. Januar 2020.

Dann trete eine neue Vorschriftsänderung im Aufenthaltsgesetz in Kraft, die eine einjährige Ausbildung als Duldungsgrund anerkenne. „Darauf hoffen wir“, betont Müller, der Irfan deshalb auch am 21. August nach Wetzlar begleiten will. Dann nämlich hat Irfan einen Termin in der Ausländerbehörde. „Er hat Angst, dass er dann dort festgenommen wird“, weiß Müller.

Irfan möchte seine Ausbildung abschließen

Irfan nimmt die drohende Abschiebung in seine politisch instabile Heimat sehr mit. Seit rund 70 Jahren herrscht im Himalaya-Gebiet ein Konflikt zwischen Pakistan und Indien. Seitdem Britisch-Indien 1947 unabhängig und in Indien und Pakistan geteilt wurde, streiten die beiden Länder um die gesamte Herrschaft über Kaschmir. Zwei Kriege wurden deswegen bereits geführt. Aktuell scheint sich der Konflikt wieder zuzuspitzen.

Irfan frisst die Ungewissheit, ob er dorthin zurück muss, auf. Er ist traurig. Kann nicht schlafen. Sich nicht konzentrieren. Er hat sich Hilfe gesucht, aber es macht ihm zu schaffen, dass er nicht richtig lernen kann. Schließlich will er seine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer doch gut abschließen, um dann weiterzulernen.

Denn am liebsten möchte er noch eine dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger anschließen. „Ein Patient mit Lungenkrebs hat mal zu mir gesagt, dass ich so nett bin, dass er sich wünschte, ich wäre Arzt“, erinnert sich Irfan. Und als er das sagt, sind seine eigenen Sorgen vergessen. Beim Gedanken an seine Patienten kann er nicht anders. Er muss wieder lächeln.

Nadine Weigel