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Marburg Deckt Drogenhandel Raubüberfall auf?
Marburg Deckt Drogenhandel Raubüberfall auf?
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11:59 26.11.2021
Mit einem zusammengerollten 50-Euro-Geldschein wird ein weißes Pulver, das Kokain imitieren soll, symbolisch konsumiert.
Mit einem zusammengerollten 50-Euro-Geldschein wird ein weißes Pulver, das Kokain imitieren soll, symbolisch konsumiert. Quelle: Achivfoto:
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Marburg

Am Mittwoch begann vor der 3. Großen Jugendkammer des Marburger Landgerichts eine Verhandlung bei der sich ein 38-Jähriger wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie einen Raubüberfall, den der Angeklagte im Jahr 2003 in Neustadt verübt haben soll. Damals wurde in den Abendstunden des 22. Januar eine Mitarbeiterin eines Getränkemarktes beim Transport der Einnahmen überfallen.

Täter richtet ungelandene Pistole auf Kassiererin

Der Täter richtete eine ungeladene Pistole auf die Kassiererin, forderte mit den Worten „Überfall, Geld her!“ die Herausgabe der Beute, riss der Frau schließlich den Kasseneinsatz aus den Händen und flüchtete mit knapp 1.700 Euro. So schilderte Staatsanwalt Jonathan Poppe beim Verlesen der Anklage die Tat.

Der Grund weshalb erst jetzt jemand wegen dieser Tat vor Gericht steht, ist, dass damals kein Täter zu fassen war, wohl aber dessen mutmaßliche Fingerabdrücke und DNA gesichert sind. Diese passten jedoch bisher zu keinem der erkennungsdienstlich erfassten Menschen. Das änderte sich, nachdem Polizisten den gelernten Industriemechaniker Ende Mai des Vorjahres in Marburg nach Hinweisen auf einen bevorstehenden Drogenhandel festnahmen.

Geschehen in der Nähe des Edeka-Marktes

Zum Geschehen in der Nähe des Edeka-Marktes im Stadtteil Richtsberg und der Vorgeschichte schweigt der in Neustadt lebende Angeklagte weiterhin. Dagegen beantwortete er am ersten Verhandlungstag die Fragen des Vorsitzenden Richters Gernot Christ, nachdem dieser ihn auf die Möglichkeit eines Geständnisses und einer Exploration durch einen Psychiater aufführte und auf die Beweislage hinwies: Rund 23 Gramm Kokain trug der Arbeitssuchende bei der Festnahme in zwei Tüten bei sich und bei einer Hausdurchsuchung fanden Polizisten diverse Utensilien zum Portionieren von Drogen. Hinzu kommen noch aus den ausgelesenen Handys des Beschuldigten die Protokolle über Chatinhalte in Telegram und WhatsApp sowie das beschlagnahmte Falschgeld – einhundert 50-Euro-Scheine.

Dabei handele es sich um Spielgeld, das mit einem deutlichen Hinweis versehen sei und er im Internet bei „Wish“ bestellt habe. Dieses wollte er seiner Tochter für deren Verkaufsecke schenken, wozu es vor seiner Verhaftung wegen einer Lieferverzögerung nicht mehr kam. Beim zweiten vorgeworfenen Erwerb von Falschgeld handelte es sich um einen Versuch, um zu sehen, „ob es so etwas wirklich gibt“, sagte der Vater zweier Kinder. Die 15 Euro habe er überwiesen, die vier 50-Euro-Scheine aber nicht erhalten.

Auf Fragen von Christ, des Staatsanwalts sowie des Psychologen erklärte der 38-Jährige, im Alter von 17 Jahren mit dem Konsum von Cannabis begonnen zu haben, ab 2019 kam Kokain hinzu. Nach seiner Verhaftung sei er seit August des vergangenen Jahres abstinent. Zuvor verkonsumierte er zwei bis drei Gramm Kokain in der Woche, hauptsächlich am Wochenende. Auf Kokain sei er gekommen, als er im Januar 2019 einer Rockergang beitrat. Die Droge „war im Klub gang und gäbe“, sagte der 38-Jährige. Deren Mitglieder hätten ihn im August 2020 „zusammengeschlagen“, was zu zwei Rippenbrüchen und einer schweren Kopfverletzung führte, und ihn aus dem Klub rausgeschmissen. Das bei der Festnahme gefundene Messer habe er seit seiner Klubzeit zur Selbstverteidigung immer dabei.

Kokain sei für Eigenbedarf erstanden worden

In Marburg hätten er und ein Bekannter das Kokain für den Eigenbedarf erstanden. Dem Partner, der ihm Geld schuldet, sowie weiteren guten Freunden habe er die Droge zum Einkaufspreis überlassen, wollte damit kein Geld verdienen. Er habe Angst vor Repressionen und wolle deshalb niemanden belasten, keine Namen nennen.

Der ebenfalls am Richtsberg festgenommene 37-Jährige sprach offen davon, süchtig zu sein. „Ich habe nichts unter Kontrolle, er noch einiges“, sagte er und auch einige Male „willkürlich“ mit ihm Kokain konsumiert zu haben. Die restlichen Antworten reichten von „keine Ahnung“, über „kann mich nicht erinnern“ bis zur Verschwiegenheit. Die ehemalige Ehefrau machte als Zeugin keine Angaben, die geladenen Ermittler schilderten die Ereignisse rund um die Festnahme.

Die Verhandlung wird heutigen am Freitag ab 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt. Dann steht der Raubüberfall im Vordergrund.

Von Gianfranco Fain

26.11.2021
25.11.2021