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Marburg Verarmt die Natur?
Marburg Verarmt die Natur?
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07:58 11.06.2020
Naturschützer kämpfen darum, den Höhenzug „Marburger Rücken“ westlich der Stadt als Naturschutzgebiet ausweisen zu lassen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der Marburger Rücken ist „nicht schutzwürdig“, zumindest nicht genug, um diesen als Naturschutzgebiet zu deklarieren – zu diesem Ergebnis kommt nach Prüfung die Obere Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Gießen (RP).

Demnach erfülle der westlich von Marburg zwischen Goßfelden im Norden und Niederweimar im Süden gelegene Höhenzug „in weiten Teilen“ nicht die im Bundesnaturschutzgesetz für Naturschutzgebiete geforderten Kriterien.

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Dazu zählt unter anderem „der besondere Schutz von Natur und Landschaft, um Lebensgemeinschaften bestimmter Tier- und Pflanzenarten zu erhalten, entwickeln oder wiederherzustellen“. Das sei hier laut RP nicht gegeben.

Dem widersprechen Marburger Naturschützer und wollen gegen die Behördenentscheidung Einspruch einlegen. Die Prüfung auf Schutzwürdigkeit überhaupt auf den Weg gebracht hatten Anfang des Jahres unabhängig voneinander zwei private Antragsteller:

Professor Dr. Martin Kraft vom Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie (Mio) sowie Anne Vanessa Kersten, Mitglied im Vorstand des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Ortsverein Marburg, die den Antrag als Privatperson gestellt hatte.

Bedeutung als „historische Kulturlandschaft“

Die Ablehnung des RP stößt bei Kersten auf Unverständnis, sie sieht für den Marburger Rücken diverse staatliche Schutzziele als erfüllt an, allen voran der Schutz von Biotopen und Lebensraum für gefährdete Tierarten: Denn das Gebiet nutzen nachweisbar verschiedenste Vogelarten als Brutgebiet, Rastplatz oder Korridor, darunter Rotmilan, Turmfalke, Schwarzspecht, Waldohreule oder der Wendehals, der in Hessen vom Aussterben bedroht ist, sagt Kersten. Ebenso heimisch seien Wildkatze, Haselmaus oder Feldhase.

Alleine die Bedeutung für den Vogelzug sei bereits ausreichend für eine Unterschutzstellung, schon der Landschaftsplan Südwest für Marburg stufe den Bereich mit Blick auf den Artenbestand als „empfindlich“ ein.

Ebenfalls geht es darin um eine kulturhistorische Bedeutung, der Plan weist den Marburger Rücken als „historische Kulturlandschaft“ aus. Eine bedeutsame Schönheit und besondere Eigenart – ein weiteres Kriterium für Schutzgebiete – sei somit ebenfalls gegeben und stütze die Argumentation der Naturschützer noch.

Bauvorhaben als Störfaktor

Dem Gebiet im Marburger Westen komme auch als Teil eines Biotop-Netzwerks eine hohe ökologische Bedeutung zu: Denn der Tierwelt nützt die menschliche Grenzziehung wenig, die Flächen seien nicht nur Nahrungsquelle, sondern auch „Wanderkorridore“ zu angrenzenden Bereichen, die bereits als Schutzraum ökologisch höher bewertet sind, wie Heiliger Grund, kleine Lummersbach – bereits anerkanntes Naturschutzgebiet – neuer Hasenkopf, Schülerhecke und Soldatengraben.

Würden nun Teile dieses Netzwerks gekappt, etwa durch Wohnungs- oder Straßenbau, werden sie isoliert, die Natur „verarmt“. In seiner Gesamtheit drohe dem Marburger Rücken nun durch geplante Baugebiete – Hasenkopf und Rotenberg – eine „Zerstörung“. Der Schutz der Landschaft sei „unbedingt notwendig, damit die dort (noch) vorkommenden Lebensstätten und Biotope langfristig erhalten werden können“, sagt Kersten, die das auch in einer Stellungnahme an das RP übermittelt hat.

Eine Feldlerche. Diese und viele andere Vogelarten nutzen laut Prof. Martin Kraft den Marburger Rücken und seine Seitentäler als Brutgebiet. Quelle: Andreas Neuthe/dpa

Das gerade in den letzten beiden Jahren heiß diskutierte Vorhaben der Stadt Marburg, am Hasenkopf am Stadtwald ein neues großes Wohngebiet zu schaffen, ist indes ein Grund für die gestellten Schutzgebiet-Anträge Anfang des Jahres, sei aber nicht der Auslöser:

Die Idee, verschiedene Flächen mit jeweils unterschiedlichem Status rund um Marburg, kleine Lummersbach, Heiliger Grund, Hasenkopf, als schutzwürdig einzustufen und zu vernetzen, sei schon „mehr als 40 Jahre alt“, sagt auch Martin Kraft. Die Hasenkopf-Debatte habe das Ganze nun wieder befeuert.

Die Ablehnung des Marburger Rückens als Naturschutzgebiet betrachtet auch Kraft als „rechtlich und fachlich nicht haltbar“. „Mir ist das unbegreiflich, man kann doch nicht sagen, das Ganze ist nichts wert“, moniert der Naturschützer. Dabei wäre die Vernetzung der einzelnen Gebiete, von Wald, Wiesen, offenen Flächen mitsamt Feldern als Lebensraum-Mix ideal.

Kraft kritisiert Prüfung

Auch die rechtliche Einordnung im Vergleich zu bestehenden Schutzbereichen stößt auf Widerspruch, so sei etwa die geschützte kleine Lummersbach bei Cyriaxweimar aus ornithologischer Sicht „weit weniger wertvoll“ als nicht geschützte Gebiete wie Hasenkopf oder Heiliger Grund sowie weitere Seitentäler des Marburger Rückens.

Zugvögel nutzen die Flächen bevorzugt als Rastplätze, Feldlerche, Rebhuhn, Braun- oder Schwarzkehlchen als Brutstätten, „es ist enorm, was da alles schon gebrütet hat“. Kraft kritisiert eine seiner Meinung nach unzureichende Prüfung der Flächen und außerdem, dass die Anträge verschiedener Antragsteller im Februar und März nicht getrennt, sondern zusammengefasst wurden.

Behörde: rechtliche Einordnung ausreichend

Wie das RP mitteilt, wurden beide als ein Antrag behandelt, da diese „weitestgehend identisch in der Zielsetzung waren und im Wesentlichen den gleichen Flächenumfang umfassten“. Für die Prüfung waren „die Flächen eingehend vor Ort angesehen und aufgrund der aktuellen Aktenlage in Text und Karte bewertet worden. Außerdem sind diese an mehreren Terminen nochmals im Detail vor Ort begangen worden.“

Für ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet reiche das Prüfergebnis nicht. Außerdem kommt die Behörde zu dem Schluss, dass die bisherige rechtliche Einordnung ausreichend sei, „um dieses Gebiet mit seiner Artenvielfalt wie auch die Zug- und Rastvögel zu schützen“.

Gerade dieser Teil der Begründung, dass die betroffenen Flächen als bereits hinreichend geschützt betrachtet werden, sorgt auch beim BUND Marburg für Unverständnis, der eine fehlende Zukunftsstrategie, was den Rückgang der Artenvielfalt angeht, kritisiert: Das RP beschränke sich eher auf die „Erhaltung“ von Schutzgebieten – selbst wenn diese kaum noch schutzwürdige Flächen aufweisen – nicht jedoch auf die „Wiederherstellung und Entwicklung“, teilt der Vorstand mit.

Heiliger Grund ist Hoffnungsträger

Dabei sei auch dies tragender Teil des gesetzlichen Auftrags. Laut BUND sollten vielmehr Schutzgebiete dort ausgewiesen werden, „wo schützenswerte Ansätze bereits/noch vorhanden sind“, wo ökologisches Potenzial sichtbar ist. Das sei hier der Fall, etwa durch das Vorkommen bestimmter Tierarten oder die Streuobstwiesen im Heiligen Grund. Diesem gesetzlichen Auftrag werde die Behörde aber nicht gerecht, kritisiert der Vorstand.

Noch hegen die Naturschützer eine gewisse Hoffnung, zumindest noch einen kleinen Sieg zu erringen: Auch der Verein Mio will Widerspruch einlegen und hofft, dass wenigstens ein kleiner Teil des Marburger Rückens als Naturschutzgebiet ausgewiesen wird, „mit ein bisschen Glück zumindest der Heilige Grund“, sagt Kraft. Das böte wiederum die Chance, dass auch der Hasenkopf neu bewertet werden könnte, denn zwischen beiden Gebieten bestehe ein naturschutzrechtlich wichtiges „Beziehungsgefüge“.

Von Ina Tannert

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