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Marburg Kirche will bessere historische Einordnung
Marburg Kirche will bessere historische Einordnung
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10:00 20.04.2022
Das Grab von Paul von Hindenburg in der Elisabethkirche ist derzeit nicht zugänglich.
Das Grab von Paul von Hindenburg in der Elisabethkirche ist derzeit nicht zugänglich. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

In der Debatte um das Hindenburg-Grab in der Elisabethkirche spricht sich die Evangelische Kirche dafür aus, zur besseren Einordnung vor Ort fundierte Informationen über den umstrittenen Reichspräsidenten anzubieten. „Momentan ist das Grab wegen der Innenrenovierung ohnehin nicht zugänglich“, sagte der Propst des Sprengels Marburg, Dr. Volker Mantey, der OP. „Unser Vorschlag ist, die Jahre der Innenrenovierung zu nutzen, zusammen mit Fachleuten darüber zu sprechen: Wie wollen wir diese Geschichte zum Nachlesen dokumentieren?“ Mantey nannte in diesem Zusammenhang den Marburger Neuhistoriker Professor Eckart Conze, der zur Debatte beitragen könne, wie der heutige Stand der Forschung ist. Die Kirche biete sich gerne als Plattform für Expertengespräche zu diesem Thema an.

Die aktuelle Debatte war durch eine Liste von „positiven Orten der Demokratiegeschichte“ der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ausgelöst worden. Darin war das Grab des früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg enthalten. Conze bezeichnete dies als „Skandal“. Hindenburg sei für den Tod von Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg verantwortlich, habe am Scheitern der Weimarer Demokratie mitgewirkt und Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die Landeszentrale hat inzwischen die Liste von ihrer Internetseite entfernt und sich dafür entschuldigt.

„Es hat mich zunächst sehr überrascht, weil man schon sehr weit um die Ecke denken muss, wenn man das Grab von Reichspräsident Hindenburg als ,Lernort der Demokratie’ bezeichnen will“, sagte Mantey dazu. „Er hat ja eher an der Beseitigung der Demokratie mitgewirkt.“

Doch aus der Geschichte lernen kann man nicht nur an positiven Beispielen. Die Person Hindenburg, sagte Mantey, sei in zweierlei Hinsicht sehr aktuell: Mit der Dolchstoßlegende habe er eine Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt, wie dies auch heute Politiker von Ex-US-Präsident Donald Trump bis zum russischen Präsidenten Wladimir Putin täten. Zweitens sei Hindenburg demokratisch gewählt worden und habe dennoch aus dem Amt heraus versucht, die Demokratie zu beseitigen – auch das gebe es heute wieder.

Conze hatte im Gespräch mit der OP Ende März einen „kritisch-kreativen Umgang“ mit dem Hindenburg-Grab angeregt, um „die Aura einer möglichen Heroisierung zu brechen“. Das greift Propst Mantey nun auf, indem er eine Debatte unter Expertinnen und Experten über den künftigen Umgang mit dem Grab anregt.

Blumen und Buttersäure am Grab

Mantey betonte, die Kirche sei 1946 nicht gefragt worden, ob dort die letzte Ruhestätte der Eheleute Hindenburg sein solle – dies hätten die Alliierten damals angeordnet. In der Elisabethkirche gebe es heute eine historische „Spannung“ zwischen dem von den Nazis als „entartet“ diffamierten Kreuz des Bildhauers Ernst Barlach und dem Grab des Mannes, der dafür gesorgt hatte, dass Hitler Reichskanzler wurde.

Seine Wahrnehmung sei, dass die Elisabethkirche mit dem Grab „ihren Frieden gefunden“ habe, sagte der Propst. Allerdings gebe es am Grab immer wieder Vorkommnisse offenbar mit Hindenburg-Anhängern und -Gegnern: „Die Küster haben mir berichtet, dass es Menschen gibt, die dort Blumen ablegen. Gelegentlich gab es auch mal ,Anschläge’ mit Buttersäure oder Schmierereien am Grab.“ Gedenkveranstaltungen mit Reden habe es früher am Grab auch gegeben, inzwischen seien sie verboten.

Auch solche Vorfälle, hofft Mantey, könnten seltener werden, wenn es vor Ort mehr geschichtliche Informationen gibt: „Eine angemessene Dokumentation sollte immer das Ziel haben, zur Versachlichung beizutragen“, sagte der Propst.

Hindenburgs Grab

Eigentlich wurde der letzte Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934), in Ostpreußen bestattet – im Denkmal der Schlacht bei Tannenberg. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs brachte die deutsche Wehrmacht die Särge von Hindenburg und seiner Frau allerdings in ein Salzbergwerk im thüringischen Bernterode, damit sie nicht der sowjetischen Roten Armee in die Hände fielen. Dort fanden die US-amerikanischen „Monuments Men“ 1945 die Särge und lagerten sie zunächst im Marburger Landgrafenschloss. Von dort aus wurden sie im August 1946 in die Nordturm-Kapelle der Elisabethkirche gebracht.

Hindenburg gehört zu den umstrittensten Persönlichkeitender deutschen Geschichte. Einerseits war er der letzte demokratisch gewählte Präsident der Weimarer Republik, andererseits ebnete er mit der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler und dem Erlass von Verordnungen den Nationalsozialisten den Weg in die Diktatur. 1932 wurde er auch mit Unterstützung der SPD wiedergewählt, die auf diese Weise einen Wahlsieg von Hitler verhinderte. Hindenburg sträubte sich auch zunächst dagegen, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen – tat dies aber am 30. Januar 1933 schließlich doch. Nach Hindenburgs Tod übernahm Hitler auch das Präsidentenamt.

Als Generalfeldmarschallhatte Hindenburg zudem nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg die „Dolchstoß-Legende“ verbreitet: Laut dieser Verschwörungstheorie sei die deutsche Armee „im Felde unbesiegt“ geblieben, habe aber von „vaterlandslosen“ Zivilisten in der Heimat einen „Dolchstoß von hinten“ erhalten.

Von Stefan Dietrich