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Marburg Räumt Bismarck sein Straßenschild für eine Frau?
Marburg Räumt Bismarck sein Straßenschild für eine Frau?
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20:54 26.07.2020
Luisa-Biland-Platz in Marburg. Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer und Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach enthüllten am 23. Juni 2012 das Schild neben dem Theater.  Quelle: Uwe Badouin/Archiv
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Marburg

Eine Umbenennung der Bismarckstraße, perspektivisch auch des Bismarckturms? Die Forderung der Didf-Jugend, statt an den ehemaligen Reichskanzler an jüngste Opfer rechter Gewalt in Deutschland zu erinnern, wird in Marburg heiß diskutiert. Zumal Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) sich auf OP-Anfrage offen für eine Debatte gezeigt hat. Fakt ist: Die Bismarckstraße wäre nicht die erste auf Geschichtserkenntnissen fußende Umbenennung in der Universitätsstadt.

So wurde vor drei Jahren der Walter-Voß- in Katharina-Eitel-Weg umbenannt – weil Voß der Nazi-Nähe überführt wurde. Der Magistrat verfolgt seit Jahren bei Straßennamensgebungen ein identitätspolitisches Ziel – allerdings eher auf Gleichstellung, auf eine vermehrte Würdigung Marburg prägender Frauen bezogen.

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Denn von den 80 zwischen 1992 und 2011 neu benannten Straßen entfiel ein Viertel auf Männernamen. 60 Prozent wurden mit Naturnamen, nur 16 Prozent mit weiblichen Namen besetzt. Blick auf die Gesamtstatistik: Von den rund 840 Straßen, Wegen, Gassen und Plätzen in Kernstadt und Außenstadtteilen tragen die wenigsten einen Frauennamen. Nach Angaben der Stadtverwaltung sind derzeit von der Gesamtzahl 166 nach Personen benannt, 19 erinnern an weibliche Personen.

Statt Ex-Reichskanzler Gedenken an Rechtsterror-Opfer?

Seit 2012 sind demnach nur der Louisa-Biland-Platz und der Johanna-Wyttenbach-Weg hinzugekommen. Es sei aber weiterhin das Ziel, etwa am Hasenkopf oder Oberen Rotenberg, eventuell im Temmlergebiet „neu entstehende Straßen, Wege, Gassen und Plätze zu benennen“ – mit dem Fokus auf ein zumindest ausgeglichenes Männer-Frauen-Verhältnis, heißt es aus dem Rathaus auf OP-Anfrage. Eine Kernforderung auch heimischer Frauenrechtlerinnen wie Professorin Marita Metz-Becker oder Dr. Marlis Sewering-Wollanek: Prägenden Töchtern der Stadt solle nicht nur abseits – wie eben im Stadtwald, wo es eine Ballung weiblicher Namen gibt – sondern viel häufiger im Stadtzentrum gedacht, ihr Wirken dort sichtbar gemacht werden. So, wie das bei Elisabeth Blochmann und Luisa Haeuser in der Innenstadt geschehen ist. Eine 50:50-Quote sei „kein Muss, aber ein langfristiges Ziel“ sagten sie in der Vergangenheit.

Fakt ist: Die letzte namentlich benannte war die in Wehrda liegende Tom-Mutters-Straße, also die Würdigung eines Mannes. Im Sinne der angestrebten Quote wäre nun eine Frau an der Reihe – entweder aus der langen Liste der historischen Figuren, oder eine weibliche Verstorbene im Sinne der Didf-Jugend, die Gedenken an ein aktuelles Rechtsterror-Opfer fordert. Konkret wären das die in Hanau erschossene Mercedes Kierpacz oder Michèle Kiesewetter (2007 mutmaßlich vom NSU getötete Polizistin). Die seit 1990 erste von Nazis getötete Frau heißt Bashide Arslan – mit ihr starben 1992 bei einem Brandanschlag in Mölln ihre Nichten Yeliz Arslan und Ayşe Yilmaz.

Für die Kommunalpolitik wäre das ein Abweichen der Linie: Denn Umbenennungen mit nicht-regionalen Namen soll es eigentlich nicht mehr geben. Das ist die Lehre aus den Friedrichsplatz-Protesten vor einigen Jahren gewesen, wo sich die Identifikation der Anwohner in Protesten gegen einen Neu-Namen richtete. Wegen der Bismarckstraße könnte es jedenfalls in und außerhalb des Stadtparlaments eine Wiederholung des Südviertel-Stress’ geben.

Von Björn Wisker

26.07.2020
26.07.2020