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Marburg Debatte über Rathausbild von Carl Bantzer
Marburg Debatte über Rathausbild von Carl Bantzer
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16:59 19.03.2022
"Der Weg Des Lebens" von Carl Bantzer im Marburger Rathaus (Festsaal).
"Der Weg Des Lebens" von Carl Bantzer im Marburger Rathaus (Festsaal). Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Am Samstag, 9. April, wird das Rathausbild „Der Weg Des Lebens“ im Rahmen einer Ausstellung verhängt – für eine befristete Zeit (die OP berichtete mehrfach). An dem Bild, das über das Gemälde aus dem Jahr 1930 gehängt werden soll, arbeiten die Dozentinnen der Marburger Kunstwerkstatt, Randi Grundke und Maria Pohland, seit sieben Wochen mit Marburger Kindern und Jugendlichen.

Ihr Thema: „Rathausbild – Zukunft“. „Es geht darum, sich gemeinsam und kreativ Gedanken zu machen: Was sollte unbedingt zukünftig in Marburg vorhanden sein, was das Leben in der Stadt weiterhin lebens- und liebenswert macht. Wie könnte sich Marburg verändern, wie könnten die Menschen aussehen, die darin wohnen, lernen und arbeiten“, so die Kunstwerkstatt.

Die Debatte

Das große Gemälde von Carl Bantzer, das der Marburger Magistrat 1927 bei dem damals und bis heute wohl bedeutendsten Marburger Maler in Auftrag gab, irritiert immer wieder Besucherinnen und Besucher. Schon Anfang der 2000er-Jahre gab es Forderungen, das Bild zu entfernen. Und ginge es nach der Marburger Künstlerin Maria Pohland, würde „Der Weg Des Lebens“ in ein Museum wandern. Sie und ihre Kollegin Randi Grundke hätten mit der Aktion auch eine Debatte über das Bild und seine Inhalte anstoßen wollen, sagte Maria Pohland zum Auftakt der „Zukunfts“-Aktion der OP. Das ist ihnen gelungen. Viele Marburgerinnen und Marburger nehmen Anteil an der Debatte, bei der OP sind zahlreiche Leserzuschriften eingegangen – die mit Abstand meisten waren Pro-Bantzer.

Stadtparlament, Marburg, Abwahlversuch, Kahle. Foto: Tobias Hirsch Quelle: Tobias Hirsch

Kahle: „Das Gemälde ist ein provokanter Anblick“

Auch der ehemalige Marburger Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Die Grünen), von 2001 bis 2005 hauptamtlicher Stadtrat und von 2005 bis 2017 Bürgermeister, Jugend- und Baudezernent der Stadt, hat in seiner Amtszeit heftige Debatten um das Bantzer-Gemälde erlebt. Im Jahr 2014 hat er vor Schülerinnen und Schülern aus Marburg und Poitiers einen Vortrag über das Gemälde gehalten, den er der OP zur Verfügung gestellt hat:

„Ab 2002 habe ich bei Empfängen und Festveranstaltungen im Historischen Saal des Rathauses häufig das große Wandbild zum Anlass genommen, auf die Herkunft des Gemäldes hinzuweisen, das von Carl Bantzer stammt und mit dem gegenüber hängenden großen Gemälde von Otto Ubbelohde korrespondiert“, so Kahle damals. In dem Vortrag offenbarte er auch, dass er bei einer Führung gesagt habe, dass ihn das Bild an einen „Nazi-Schinken“ erinnere. Damals habe es nach einem Bericht von unserer früheren Kollegin Brigitte Bohnke „zahlreiche Reaktionen“ gegeben – so wie heute. Der Magistrat habe daraufhin die Kunsthistorikerin Ulla Merle mit einer Broschüre über das großformatige, „herausfordernde Bild“ beauftragt, so Kahle. Das Gemälde sei „ein provokativer Anblick“.

Eine Schenkung an die Stadt

Er schloss seinen Vortrag versöhnlich: „Es ist ein sehr dominantes Bild – das möglicherweise nicht mehr dort hängen würde, wenn es nicht die gutmeinenden, national gesinnten und großzügigen Spender Carl und Albert Strauß (vom jüdischen Bankhaus Strauß, Anm. d. Red.) gewesen wären, die es der undankbaren Stadt geschenkt haben und die nur durch Flucht sich und ihren Familien das Leben retten konnten. Daran in unserer besten Stube zu erinnern, ist vielleicht schon mehr, als man von einem alten Kunstwerk erwarten kann.“

Kahle stellte in seinem Vortrag fest: „Entgegen dem offensichtlich vorgetragenen Pathos der im oberen Bild zu sehenden Figuren, die nach Bantzers Aussage Männer verschiedener Stände im besten Alter darstellen, ist die Gesamtaussage des Bildes existenzialistisch. Das menschliche Leben wird begriffen als ein, wie es im Titel heißt, ,Weg des Lebens’, der letztlich unergründlich ist, aus dem Nichts kommt und im Nichts endet.“

Er verwies auch auf die Geschichte der von den Nazis vertriebenen Familie Strauß: Leider habe sich Marburg den beiden Schenkern gegenüber nicht dankbar gezeigt. „In Marburg waren Ideen des Nationalsozialismus besonders stark vertreten, antisemitische Gesinnung und Aktionen gegen Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft waren nach 1933 bald an der Tagesordnung. Also verließen Carl und Albert Strauß Marburg und Deutschland Richtung Vereinigte Staaten; ihr Bankhaus und ihre bedeutende Bildersammlung wurde ihnen zum Spottpreis abgenommen.“

Von Uwe Badouin

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