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Marburg Atomkraft spaltet auch Marburg
Marburg Atomkraft spaltet auch Marburg
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07:59 03.08.2022
Monatlich gibt es in Marburg kleine Anti-Atom-Demonstrationen – hier die Demo zum zehnten Jahrestags des Unglücks von Fukushima im März 2021.
Monatlich gibt es in Marburg kleine Anti-Atom-Demonstrationen – hier die Demo zum zehnten Jahrestags des Unglücks von Fukushima im März 2021. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Marburg

Angesichts gedrosselter russischer Erdgas-Lieferungen wird der Ruf nach einem längeren Betrieb der drei noch laufenden deutschen Atomkraftwerke immer lauter. „Mit Blick auf die sich abzeichnende Energiekrise darf keine technisch vertretbare Option außer Acht gelassen werden, um die möglichen katastrophalen Folgen zu vermeiden“, sagt der Marburger CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Bamberger.

Auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer hält einen Streckbetrieb – ohne den Kauf neuer Brennstäbe – für vertretbar. Doch in Marburg und Umgebung stößt die Idee bei Grünen und Klimaliste auf Ablehnung.

„Es ist weiterhin grüner Konsens, dass es kein Zurück zur Atomkraft geben kann, sondern dass ein Ausbau der Erneuerbaren Energien erforderlich ist“, sagt Stefanie Theiss, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kreistag, auf OP-Anfrage. Sie gibt allerdings zu, die Debatte um möglicherweise gestreckte Atom-Laufzeiten sei für die Grünen „keine einfache Diskussion“. Sollte es im Herbst beim Bundesparteitag eine Entscheidung darüber geben, müssten die heimischen Grünen das Thema vorher intern diskutieren. „Ich persönlich bin dagegen“, stellt sie klar, „weil ich nicht sehe, wie es unsere Gas-Probleme lösen soll.“

Kein Endlager für Atommüll

Erdgas wirdvor allem zum Heizen eingesetzt. Es trägt aber auch rund 10 Prozent zur Stromproduktion in Deutschland bei. Wenn man länger Atomenergie nutzt, könnte man also mehr Gas zum Heizen verwenden.

Ein Problem ist aber die Endlagerung des Atommülls. Bisher gibt es kein Endlager. Weil bestimmte radioaktive Abfälle noch viele tausend Jahre strahlen, soll das Endlager eine Million Jahre lang sicher sein.

Das sieht auch die Fraktionsvorsitzende der Klimaliste im Kreistag, Dr. Jana Groth, so. In der öffentlichen Debatte gehe es vor allem um Strom, dabei werde Gas vor allem für Heizwärme benötigt. „Wir empfinden diese Debatte als nicht glücklich“, sagt sie. Natürlich gebe es durch den Gasmangel eine schwierige Krise. Die Lösung sei aber nicht, zur Atomkraft zurückzukehren: „Das ist ein Signal, ganz schnell in Erneuerbare Energien zu investieren und die Planungs- und Bewilligungsprozesse zu beschleunigen.“

Auch die Marburger Gruppe von „Fridays for Future“ lehnt eine Laufzeitverlängerung ab. „Es ist absurd, dass wir wenige Monate vor dem geplanten Ausstieg aus der Atomkraft darüber diskutieren, diese weiterhin zu nutzen“, erklärt Jonas Jehrke und fordert zugleich die Einhaltung des Zeitplans beim Kohleausstieg. Strom aus erneuerbaren Energien sei auch wirtschaftlicher als Strom aus Atomkraft.

Laufzeit-Streckung – aber kein Zurück zur Atomkraft?

Filipp Bezold von „Make Damage Visible“ hält hingegen gestreckte Laufzeiten für eine Option: „Aus meiner Sicht ist die aktuell diskutierte Streckung der Laufzeiten von Atomkraftwerken eine geeignete Maßnahme, um im anstehenden Winter eine mögliche Lücke in der Energieversorgung zu überbrücken“, sagt er. Dabei betont Bezold, dass hierdurch der Atomausstieg nicht infrage gestellt werden dürfe. Es gehe allein darum, Zeit zu gewinnen, um die Energiewende weiter voranzutreiben.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Bau-Staatssekretär Sören Bartol will nach eigener Aussage als Pragmatiker das Ergebnis des Stresstests zur Energie-Versorgungssicherheit abwarten. „Ich bin gegen einen generellen Wiedereinstieg in die Atomenergie“, stellt er klar. „Allerdings gibt es Regionen in Deutschland, die jetzt vor dem Problem stehen, dass sie mit weniger russischem Gas ihre Energieversorgung nicht aufrechterhalten können.“ Die Erfahrungen der letzten Monate zeigten, dass nichts kategorisch auszuschließen sei. Die Bundesregierung werde handeln, verspricht Bartol.

Als „gefährliches Spiel mit dem Feuer“ kritisiert die Humanistische Union (HU) in einer Mitteilung die Atomdebatte. Längere Laufzeiten könnten den Energiebedarf nicht befriedigen. „Stattdessen schaffen solche Scheindebatten erhebliche Probleme und gefährden den gesellschaftlichen Frieden“, erklärte der HU-Regionalvorsitzende Franz-Josef Hanke.

Hans-Horst Althaus, der mit derzeit wenigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern an jedem ersten Montag im Monat gegen Atomkraft demonstriert, bleibt trotz Gas-Krise dabei: „Grundsätzlich ist Atomkraft unbeherrschbar.“ Er verweist auf das Problem des Atommülls. „Wir brauchen die sechs Prozent Atomstrom nicht so dringend, wenn wir Strom sparen würden, dass wir jetzt die Atomkraft weiterbetreiben müssten.“ Bestätigt fühlt er sich nun darin, dass der Protest trotz des beschlossenen Atomausstiegs nötig ist: „Ich habe schon vor vielen Jahren vorausgesagt, dass der Atomausstieg am Ende eine Zitterpartie wird.“ Ob die Demonstrationen nun wieder mehr Zulauf bekommen – da will er keine Prognose wagen.

Von Stefan Dietrich