Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Datenschutz bremst Corona-Schutzschild aus
Marburg Datenschutz bremst Corona-Schutzschild aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 04.01.2021
Unter www.covid-online.de können Menschen anhand eines Fragebogens unter anderem einschätzen lassen, ob sie an Covid-19 erkrankt sind. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Vor dem Hintergrund der weiterhin steigenden Corona-Zahlen wird nun diskutiert, den Lockdown zu verlängern – hauptsächlich aus einem Grund: Das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

Ein Baustein, der dabei helfen soll, ist die Web-App „covid-online“: Sie wurde im Frühjahr von einem Team von Wissenschaftlern rund um die Professoren Martin Hirsch und Bernd Schieffer, den Notfallmediziner Dr. Andreas Jerrentrup und weiteren Ärzten, Studierenden und Akteuren des Gesundheitssystems entwickelt.

Anzeige

Unter www.covid-online.de gibt es einen Online-Fragebogen, in dem Menschen, die Angst haben, an Corona erkrankt zu sein, ihre Symptome und einige weitere Daten wie Alter, Vorerkrankungen und mehr eintragen können – natürlich anonym. Im Hintergrund errechnet ein ausgeklügelter Algorithmus dann nicht nur die Wahrscheinlichkeit, ob die Person an Covid-19 erkrankt ist – sondern auch, wie hoch das Risiko ist, im Falle einer Erkrankung einen schweren Verlauf zu erleiden. Die App stieß bundesweit auf viel Beachtung, denn sie ist nicht nur regional im Landkreis anwendbar. Und so verwundert es nicht, dass binnen weniger Tage die Zugriffszahlen bereits die Millionenmarke geknackt hatten.

Doch warum die App? „Gerade in der ersten Phase der Pandemie haben die Leute, die über das Virus noch nicht aufgeklärt waren, nach Informationen gegiert“, erläutert Professor Bernd Schieffer. „Die konnten wir so aus den Krankenhäusern raushalten.“ Im Sommer seien die Zugriffszahlen gesunken, „denn es gab eine Entspannung und die Leute waren aufgeklärter“, so Schieffer. Sowohl covid-online.de als auch andere Apps hätten Informationen in die Welt getragen – die Klicks hätten sich bei um die 150 Zugriffe je Tag eingependelt. Dann kam die zweite Welle. Und damit stiegen auch die Zugriffszahlen wieder an, steigen seither wieder kontinuierlich leicht an.

Zahlreiche Krankenhäuser hätten mittlerweile – so wie auch das UKGM – die wichtigsten Fragen aus covid-online.de quasi zusammengefasst und würden damit bereits am Eingang von Krankenhäusern oder zur Notaufnahme eine Schnell-Anamnese vornehmen. Und das auf Papier. Warum nicht per Tablet und App? „Weil covid-online.de noch nicht als Medizinprodukt zugelassen ist. Denn das ist ein Prozess, der viele Monate dauert“, sagt Schieffer.

Schutz für Gesundheitssystem

In Shanghai laufe das beispielsweise anders: Dort sei die Software aus Marburg im Einsatz, „um damit Firmen und Wohnhäuser zu schützen.“ Schieffer ist sich sicher: „Wenn man den simplen Fragebogen mit der Fiebermessung kombiniert, sind wir zu 98 Prozent in dem Bereich, in dem man eine hohe Ansteckungsgefahr des Patienten ausschließen kann.“ Das sei ja auch im Frühjahr die Grundidee der App gewesen: Das Gesundheitssystem zu schützen – „und das geschieht bestenfalls durch die Prävention“, so Schieffer.

Dieser „Corona-Schutzschild“, der so geschaffen wird, könnte jedoch noch wesentlich mehr. „Dabei steht uns aber die Datenschutz-Grundverordnung im Moment im Weg. Zwar kann der Mensch, der die App eigenverantwortlich nutzt, sagen, wie es ihm geht. Aber wir dürfen noch nicht den Link zwischen App und Klinik herstellen, dass die Klinik weiß, wo sich ein Hotspot entwickelt“, erläutert der Mediziner.

Eigentlich wäre das ein Leichtes, wie Dr. Leander Melms aus dem Projektteam erläutert. Denn er hat die Zugriffe auf die Webseite anonymisiert analysiert und wissenschaftlich ausgewertet. Dabei kam heraus: „Immer dort, wo es zu Corona-Hotspots kam, wurde einige Tage zuvor verstärkt unsere Webseite genutzt, weil die Menschen wissen wollten, ob sie an Covid-19 erkrankt sind oder nicht.“

Hotspots vorhersehen und so schneller reagieren zu können, indem man etwa zusätzliche Kapazitäten schafft – das wäre also ein Ziel des Covid-Online-Teams. „Da können wir aber nur hoffen, dass sich in Puncto Datenschutz etwas tut“, konstatiert Schieffer. Dann sei der Schutzwall wesentlich effizienter. Denn: „Durch ein aktives Tracking von Patienten mittels App wäre beispielsweise die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter wesentlich leichter.“

Natürlich seien die Patientendaten und das Vertrauen in deren Sicherheit extrem wichtig. „Wenn die Daten live übermittelt werden könnten, dann ist das in einer Pandemie das höchste Gut, das wir haben – denn es schützt andere“, so Schieffer.

Dennoch ist für ihn „dieses Leuchtturm-Projekt das erste Puzzle-Teil in einem von künstlicher Intelligenz gestützten, regionalen Versorgungskonzept“. Warum? „Weil wir gemeinsam mit dem Regionalmanagement Mittelhessen, der THM und der Uni Gießen einen Antrag über das Ausrollen von 5G-Datenstraßen in Nordhessen gestellt haben, außerdem arbeitet Dr. Jerrentrupp mit seinen Partnern an der Digitalisierung sämtlicher Geräte im Rettungsdienst – das passt also alles zusammen.“

Von Andreas Schmidt