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Marburg Das stille Leid der Verschickungskinder
Marburg Das stille Leid der Verschickungskinder
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07:58 28.07.2020
Verschickt, gequält, gedemütigt: Willi Schmidt wurde als Kind in Horror-Kuren geschickt und erlebte dort Schreckliches – genauso wie Torsten und Claudia (im Hintergrund), die aber anonym bleiben möchten. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Sie kennen sich nicht. Doch sie eint das gleiche Schicksal. Sie alle haben in ihrer Kindheit Schreckliches erlebt. Willi, Claudia und Torsten sind sogenannte Verschickungskinder.

Sie wurden in jungen Jahren in Kur- und Freizeitheime geschickt, wo sie statt der versprochenen Erholung vor allem eines erfuhren: Leid.

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„Das Schlimmste war der Kontrollverlust, auch körperliche Gewalt kannte ich von zu Hause nicht“, sagt Willi Schmidt. Der Marburger Theatermacher geht offen mit seinen Erlebnissen um. Für seine beiden Leidensgenossen sind die Erinnerungen zu persönlich. Sie wollen deshalb lieber anonym bleiben.

„Der Junge ist für sein Alter zu zart gebaut, schwächlich. Eine Kur täte ihm gut.“ Mit diesen Worten eines Arztes der Marburger Uniklinik wird der heute 60-jährige Willi als kleiner Junge nach Bad Karlshafen geschickt.

Ohrfeigen – so lange, bis alle still sind

In ein Heim voller Nonnen, die es mit der Nächstenliebe nicht so genau nehmen. Sie zwingen den kleinen Jungen, Hagebuttentee hinunterzuwürgen, obwohl dieser Brechreiz bei ihm auslöst. Sie reiben mit einem Waschlappen so fest zwischen seinen Beinen, dass ihm die Tränen ins Gesicht schießen. Für diese Tränen bekommt er eine Ohrfeige.

Körperliche Gewalt ist in Bad Karlshafen an der Tagesordnung. Mit Grauen erinnert sich Willi daran, dass es abends im großen Schlafsaal Ohrfeigen hagelte, wenn eines der Kinder redete. „Dann kommen die Nonnen durch unsere Reihen zwischen den Betten gerast und geben uns Ohrfeigen, egal ob man ruhig gewesen ist oder nicht. Das geht so lange, bis alle still sind, bis alle ihr Weinen ins Kissen gedrückt haben, damit es verstummt“, erinnert sich Willi in einem bewegenden Text an das Grauen in Bad Karlshafen.

Geschönter Brief nach Hause

Auch an seinen zweiten Aufenthalt – diesmal in St. Peter Ording an der Nordsee einige Jahre später – hat Willi Schmidt schlimme Erinnerungen: Vor allem, dass er nicht die Wahrheit in den Briefen nach Haus schreiben durfte, hat den Marburger bis heute geprägt.

„Der Chef persönlich hat mir einen neuen Brief diktiert: ,Mir geht es hier sehr gut. Das Wetter ist schön. Das Essen ist gut. Die Betreuer sind nett.’“ Also das genaue Gegenteil von dem, was der kleine Junge empfunden hat. Er versteht die Welt nicht mehr, denn zu Hause hat er gelernt, dass er niemals lügen darf. Und nun? Wird ihm das Lügen aufgezwungen.

Ähnlich verstörende Erinnerungen hat auch Claudia an ihre Verschickungszeit. Sie ist vier Jahre alt, als sie im Jahr 1962 nach Wyk auf Föhr geschickt wird. Sie erinnert sich noch gut. Ihr Vater fährt mit ihr mit dem Zug gen Norden. „Ich war stolz wie Bolle, dass mein Papa allein mit mir in den Urlaub will“, erinnert sich die heute 62-Jährige. Doch dort angekommen, gibt ihr Vater sie ab. Verschwindet.

Osterpäckchen wurde einkassiert

„Ich war so allein, ich dachte, meine Eltern wollen mich nicht mehr“, sagt Claudia. Es folgen Wochen voller Einsamkeit und Kälte. In Claudias Fall war es keine kirchliche, sondern eine staatliche Einrichtung. Die Betreuerinnen, „Tanten“ genannt, sind kalt und unbarmherzig. Das kleine Mädchen wird zum Essen gezwungen. Ein Päckchen, das ihr die Eltern zu Ostern schicken, wird ihr von den Tanten entrissen.

Irgendwann bei einer Wanderung mit den Tanten und den anderen Kindern kommt ihr plötzlich eine Frau mit Kinderwagen entgegen und nennt ihren Namen. Zu Claudias Entsetzen ist es ihre Mama mit ihrem Geschwisterchen. Ihre Mutter war an die See nachgereist. Doch der Kontakt zwischen Eltern und Kind war untersagt, die vierjährige Claudia darf nicht zu ihrer Mama.

Später, als die Marburgerin erwachsen ist, gibt ihre Mutter zu, dass es ein Fehler war, ihre Tochter allein wegzuschicken. Denn bei der Abholung der Tochter wird die Mutter selbst Zeugin, wie ihr Kind misshandelt wurde. „Sie hatten mich bei strömenden Regen stundenlang in den Sandkasten gesetzt.“ Fragmente dieser traumatischen Erinnerungen haben sich in ihre Seele gebrannt und Wunden hinterlassen. Das einst fröhliche, aufgeweckte Kind ist nach der Kur verstört, entwickelt Ängste.

Sechs Wochen in Empathielosigkeit

So geht es auch Torsten. Der schwer asthmakranke Junge ist ebenfalls vier Jahre alt, als er in den Zug nach Büsum gesetzt wird. „Ich habe mich restlos ausgeliefert gefühlt“, sagt er heute. Er dachte, er würde seine Eltern nie wiedersehen. Heimweh und Angst plagen ihn. Der eigentlich längst trockene Junge beginnt, sich wieder einzunässen.

„Ich bin in einem nassen Bett aufgewacht und heulend zur Nachtwärterin gelaufen. Die hat mich angeschrien und befohlen, dass ich zurück ins nasse Bett muss. Dort habe ich dann entsetzlich gefroren“, erzählt Torsten. Empathielosigkeit und Kälte prägen seinen sechswöchigen Aufenthalt.

Trotz der schrecklichen Erlebnisse beim ersten Mal muss er noch mehrere Male zur „Kur“. Jeder Aufenthalt ist geprägt von strengem Ton und nicht kindgerechter Behandlung. Mit acht Jahren wird er nach Bad Reichenhall geschickt, wo ihm die „Tanten“ bei Ankunft die Asthmamedikamente wegnehmen und so Panik bei dem stark lungenkranken Jungen auslösen. Ein anderes Mal macht er auf einer Wanderung in die Hose und wird zur Strafe hart mit eiskaltem Wasser abgeduscht und dabei beschimpft.

„Das war halt damals so“

All diese Demütigungen hinterlassen Spuren bei Torsten. Lange hat er mit Alpträumen zu kämpfen, hat Angst vor der Dunkelheit. Er wird zum Einzelgänger.

Erst vor einem halben Jahr hat der 53-Jährige mit seiner Mutter über all dies gesprochen. Ihre Reaktion war nicht wie erhofft. „Sie hat entrüstet reagiert, warum ich nach 48 Jahren mit so etwas ankommen würde“, erzählt er. Doch die Aussage „das war halt damals so“, will er nicht durchgehen lassen.

Genauso wenig wie Claudia, Willi Schmidt und all die anderen Verschickungskinder, die bis in die 80er-Jahre unter den verordneten Kuraufenthalten gelitten haben. Die Opfer wollen nicht länger schweigen. Autorin Anja Röhl, selbst Verschickungskind, initiierte eine Internetseite, auf der bereits dreitausend Opfer Zeugnis über ihre Erlebnisse abgelegt haben. Eine Initiative hat sich gegründet, die Aufarbeitung fordert. Denn auch Todesfälle soll es gegeben haben.

„Das hatte doch alles politische Methodik“

Die drei Marburger kämpfen dafür, dass das Thema an die Öffentlichkeit kommt und so vielleicht noch mehr heimische Opfer den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen. Zudem hoffen sie, dass der Staat das Unrecht, das damals passierte, verurteilt. Jemand soll Verantwortung übernehmen.

„Das hatte doch alles politische Methodik“, sagt Willi Schmidt. Das ganze System der Heimverschickung habe auf „Nazipädagogik“ basiert. Ein Rechercheteam der ARD sieht dies bestätigt. Offensichtlich wurden mehrere Heime von ehemaligen NS-Verbrechern geleitet.

Die Opfer fordern nun eine kollektive Entschuldigung für die Seelenqualen, die sie erlitten haben und die sie bis heute verfolgen. Und eines ist Willi, Claudia und Torsten auch für die Zukunft wichtig. Nicht nur im Hinblick auf ihr eigenes Leid, sondern in Bezug auf generelle Kinderrechte, die noch heute zum Teil mangelhaft sind: „Kindern muss geglaubt werden.“

Verschickungen in der Nachkriegszeit

Verschickung – so nannte man es nach 1945, wenn Klein- und Schulkinder, oftmals wegen gesundheitlicher Probleme, in Kindererholungsheime und -heilstätten geschickt wurden. Verordnet von Ärzten, Krankenkassen, Sozial- und Gesundheitsämtern.

Autorin Anja Röhl, selbst Betroffene, schätzt die Zahl der „verschickten“ Kinder von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre auf zwischen acht bis zwölf Millionen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Klar ist aber mittlerweile, dass dort Misshandlungen an der Tagesordnung waren. Lange schwiegen die Opfer – nun organisieren sie sich und kämpfen um Aufarbeitung.

Auf der Internetseite www.verschickungsheime.de schildern bislang rund 3.000 Betroffene ihre traumatischen Erlebnisse. Röhl selbst vermutet, dass in den Heimen in der Nachkriegszeit Nazi-Methodik angewandt wurde. Ein Rechercheteam der ARD hat herausgefunden, dass hochrangige Akteure aus der NS-Zeit in die Kuren eingebunden waren.

Soziologische Forschung zum Thema „Verschickungskinder“ gibt es bislang nicht. Das will die „Initiative Verschickungskinder“ ändern. Es haben sich einzelne Landesgruppen gebildet. Claudia aus Marburg ist Ansprechpartnerin für die Landesgruppe Hessen. Für den 9. August ist ein Treffen in Marburg geplant. Kontakt aufnehmen kann man über E-Mail: ­verschickungsheime-hessen@mail.de

Am Dienstagabend, 28. Juli, berichtet das Magazin Report Mainz um 21.45 Uhr über das Thema.

Am Montag, 10. August, gibt es ab 21.45 Uhr in der ARD eine Sondersendung.

Standpunkt von Nadine Weigel

Ein Aufschrei muss her!

Endlich brechen sie ihr Schweigen. Endlich sprechen Verschickungskinder aus, welches Leid ihnen während der verordneten Kuraufenthalte widerfahren ist. Es sind Abgründe, die sich auftun. Das zeigen nicht nur die Beispiele der Marburger Claudia, Willi und Torsten.

Tausende berichten über Demütigungen, Drangsalierungen und Missbrauch. Das hat in den kleinen Kinderseelen Wunden hinterlassen. Bei manchen bis heute. Bisher aber war dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte ein schwarzer Fleck in der Forschung. Doch dieses Unrecht muss aufgeklärt werden. Täter müssen identifiziert, das System dahinter verurteilt werden.

Vieles deutet darauf hin, dass Nazi-Methodik stillschweigend fortgeführt wurde. Doch die Vertuschung, das Wegschauen, das Verdrängen muss jetzt ein Ende haben. Ein Aufschrei in der Gesellschaft und in der Politik muss her. Den Opfern muss Gerechtigkeit widerfahren. Nur so können die Wunden auf ihren Seelen heilen, die Narben langsam verblassen.

Von Nadine Weigel

27.07.2020
27.07.2020
27.07.2020