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Marburg Das sind die Hochburgen der Parteien in Marburg
Marburg Das sind die Hochburgen der Parteien in Marburg
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11:58 12.03.2021
Wahlleiter Dieter Finger mit dem Wahlzettel zur Stadtverordnetenwahl 2021 im Wahlamt Marburg.
Wahlleiter Dieter Finger mit dem Wahlzettel zur Stadtverordnetenwahl 2021 im Wahlamt Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Auf welchem Stadtteil ruhen die Hoffnungen der SPD zum Machterhalt? Auf welche Gebiete setzen CDU und Grüne, um die Sozialdemokraten als stärkste politische Kraft abzulösen? Und wo wollen Linke, FDP, BfM und AfD punkten, um mit möglichst vielen Stadtverordneten ins Parlament einzuziehen?

Die Wahlen der vergangenen Jahre – von der OB- und Parlamentswahl 2015 beziehungsweise 2016 bis zu den Landrats-, aber auch Bundes-, EU- und Landtagswahlen von 2017 bis 2019 – liefern Aufschlüsse darüber, welche Partei in Marburg wo ihre Hochburgen, wo ihre Hoffnungsschimmer hat. Eine OP-Analyse.

Der Fründt-Faktor der SPD

Für die SPD könnte – lässt man den kaum kalkulierbaren Faktor des Einflusses der Bundespolitik außen vor – der Trend unterschiedlicher kaum sein. Während sie in Marburg bei der Europawahl 2019 eine böse Schlappe kassierte und auf 16 Prozent fiel, pulverisierte sie bei der Landratswahl 2019 mit 47 Prozent die Konkurrenz.

Der Fründt-Faktor spielte bei der Direktwahl offenbar die entscheidende Rolle, obgleich die Wahlbeteiligung mit 34 Prozent nochmal deutlich niedriger war als bei vorherigen Marburger OB- und Parlamentswahlen, auch niedriger als bei der EU-Wahl wenige Monate zuvor.

SPD: Trend in Ockershausen stoppen

Will die SPD nach dem kommenden Wochenende als Sieger hervorgehen, muss sie vor allem den Trend in Ockershausen stoppen. Die einstige Hochburg der Sozialdemokraten, wo 2011 noch Ergebnisse von weit mehr als 40 Prozent erzielt wurden, hat Löcher bekommen. Die Stimmanteile bewegten sich 2016 nur noch im 30-Prozent-, bei den Landtags- und EU-Wahlen ab 2018 gar unterhalb des 20-Prozent-Bereichs.

Auch am Richtsberg, wo es allerdings traditionell eine niedrigere Wahlbeteiligung gibt, und in Michelbach halbierten sich bei den überregionalen Wahlen die Stimmanteile von kommunal einst 45, 50 Prozent. Grundsätzlich fällt auf: Die SPD hat in Marburg zuletzt flächendeckend verloren, in einigen Stadtteilen nur weniger als anderswo. Große Chancen sieht man speziell bei Erst- und Jungwählern dank der Einbindung der Fridays-for-future-Bewegung in den Klimanotstands- und Aktionsplan.

Grünen-Boom in Marburg schon vor Klima-Thema

Ganz anders die Grünen, deren Aufschwung schon vor dem Klimathema begann. Vor fünf Jahren mit einem Minus von 7,5 Prozent noch der Wahlverlierer schlechthin, konnte die Partei zumindest bei allen überregionalen Wahlen massiv zulegen. Eine „grüne Welle“ schwappte schon bei der Hessenwahl 2018 durch die Stadt: Cappel, Wehrda, Marbach, die Nordstadt, das Hansenhausviertel: Neben den traditionellen Hochburgen wie Südviertel und Weidenhausen holte man auch in den einwohnerstarken Stadtteilen die meisten Stimmen.

Aber gelingt das auch bei einer Entscheidung für die unmittelbare Politik in Marburg, für oder gegen Windräder, Baugebiete oder Straßensperrungen? Nimmt man das Ergebnis der Landratswahl als Indiz, ist man zumindest in der Lage, die CDU hinter sich zu lassen. Entscheidend: Wie nah kommt man mit Nadine Bernshausen an der Spitze einer SPD ohne Fründt-, aber mit Spies-Faktor? Und wie viele Stimmen zwackt die Klimaliste, ein möglicher Koalitionspartner für Grün-Rot-Grün ab?

CDU: Potenzial in einigen Stadtteilen

Der CDU müsste es für einen Regierungsbildungs-Anspruch hingegen gelingen, vor allem in den einwohnerstarken Stadtteilen und im Innenstadtbereich besser abzuschneiden. Während man in vielen Dörfern stärkste Kraft ist und auch in Wehrda und Cappel zuletzt auf Augenhöhe mit den Haupt-Konkurrenten SPD und Grüne lag, klemmte es, je zentrumsnäher die Stimmbezirke liegen.

Im Hansenhausviertel und am Ortenberg dürften – im Gegensatz zu Südviertel oder Altstadt – angesichts des angestrebten Großstadt-CDU-Profils Potenziale sein. Und in Weidenhausen? Die Debatten um Stadtbild, „Grüner Wehr“ und der Anti-Party-Kampf rund um den Northampton Park könnten Wähler beeinflußen. Interessant wird auch sein, wie die Strahlkraft der Marke, der Abgeordneten-Status von Spitzenkandidat Dirk Bamberger mittlerweile und im Vergleich zu 2015/2016 ist. Und welchen Einfluss die Bundespolitik, die Laschet-Wahl und der jüngste Maskenskandal haben.

Corona-Frust: Können Liberale von Grundrechts-Fragen profitieren?

Interessant wird auch sein, wie die Strahlkraft der Marke, der Abgeordneten-Status von Spitzenkandidat Dirk Bamberger mittlerweile und im Vergleich zu 2015/2016 ist. Und welchen Einfluss die Bundespolitik, die Laschet-Wahl und der jüngste Maskenskandal haben.

Im zweitstelligen Prozentbereich will die Linke, wie bei allen Wahlen seit 2016, wieder landen, das Potenzial von 16 Prozent – wie die Bundestagswahl 2017 zeigte – ausschöpfen. Um in dem angestrebten Linksbündnis mit SPD und Grünen in starke Verhandlungsposition zu kommen, müsste die Linke wie damals nicht nur als Wahlsieger in Altstadt und Campusviertel hervorgehen, sondern vor allem ihren Sprung in Richtung 10-Prozent-Marke in vielen Dörfern wiederholen.

Potenzial in Wehrda und Cappel

Die Landratswahl 2019 und auch die Kommunalwahl 2016 zeigten, dass das bei einer Wahl mit Vor-Ort-Themen nicht sehr wahrscheinlich ist: es waren in Außenstadtteilen meist um die 5 Prozent. Potenziale gebe es noch in Wehrda und Cappel, auch je nachdem für wie glaubhaft die dortigen Wähler den jüngsten SPD-Linksschwenk halten.

Um im Wettstreit der kleineren Kräfte zu bestehen, die aktuell drei, vier Sitze zu halten, muss die FDP zunächst den Westen stabilisieren: Marbach, Michelbach, Wehrshausen, Elnhausen. Die wieder aufflammende Windkraft-Debatte könnte ihr indes im Osten, in Schröck und Moischt sowie Ginseldorf und Bauerbach Auftrieb geben.

Liberale könnten profitieren

Dort ist man ebenso schwach wie in Wehrda, im Hansenhausviertel und am Richtsberg. Dort ist man ebenso schwach wie in Wehrda, im Hansenhausviertel und am Richtsberg. Sollte im Zuge der deutschen Corona-Politik das Thema Grund- und Freiheitsrechte für die Wähler stärker werden, könnten speziell die Liberalen davon profitieren.

Damit die BfM ihr ambitioniertes Ziel – eine Verdoppelung der Sitze auf sechs Mandate – erreichen, muss sie in Ermangelung eindeutiger Hochburgen flächendeckend mehr Wähler überzeugen. Vor allem in Wehrda und im Gebiet zwischen Ketzerbach und Marktplatz, wo man 2016 schwach abschnitt und nun wohl über Nordstadt-Verkehr und Oberstadt-Entwicklungskonzept zu punkten hofft.

AfD vor Einzug ins Parlament – wie auch mehrere Kleingruppen

Die AfD, die nach ihren Rekordergebnissen quer durch Deutschland nun erstmals ins Stadtparlament einziehen könnte, setzt dabei auf den Oberen Richtsberg. Dort holte man Ergebnisse von bis zu 30 Prozent. Auch in Cappel, Stadtwald und Waldtal stand die Partei mit sieben bis zehn Prozent bei den letzten Wahlen besser da als in Marburger Gesamtergebnissen etwa bei Bund- und Landtagswahlen.

Die Piraten schafften es 2016 ebenso überraschend wie haarscharf, ihr Mandat zu halten – vor allem dank des Richtsbergs und Hansenhausviertel, wo Dr. Michael Weber mit am bekanntesten ist. Für sie, wie auch für die Marburg 24, Weiterdenken und APPD gilt zunächst die Zielmarke von rund 1 Prozent – das dürfte einem Stadtverordnetenmandat entsprechen.

OB-Wahl 2015: Marbach als Symbol für Ergebnis

Die Oberbürgermeisterwahl 2015 ging in die Stichwahl zwischen Dr. Thomas Spies (SPD) und Dirk Bamberger (CDU). Wichtig für die Vergleichbarkeit zum bevorstehenden Urnengang: Das Bewerberfeld war deutlich kleiner, es gab nur vier ernsthafte und insgesamt sechs Kandidaten. Und CDU-Mann Bamberger wurde damals im Gegensatz zu heute von einem bürgerlichen Bündnis gestützt, weder FDP noch BfM schickten einen Kandidaten ins Rennen und rieten ihren Wählern, Bamberger die Stimmen zu geben.
Eine exemplarische Erkenntnis aus dem Direkt-Duell Spies (60 Prozent) und Bamberger (40 Prozent) vor mehr als fünf Jahren: Von allen großen, zumal innerstädtischen oder kernstadtnahen Wahlbezirken gewann der CDU-Kandidat nur in der Marbach, und das auch nur im ersten Wahlgang. Vermutlich, weil dort die Rechnung mit der FDP-, BfM- und auch MBL-Unterstützung voll aufging.

Als es zwei Wochen später um die Richtungsentscheidung ging, entschieden sich den Daten zufolge alle Wähler, die zuvor die Kandidaten von Grünen und Linken gewählt hatten, für Spies. Resultat: Klarer Sieg im zuvor noch verlorenen Bezirk. Da Bamberger, der zwar das beste CDU-Ergebnis seit Langem holte, nur mehrere Außenstadtteil-Bezirke – und das mitunter knapp – gewann, wurde Spies Nachfolger von SPD-Urgestein Egon Vaupel im Rathaus.

Falls Nadine Bernshausen für die Grünen in die Stichwahl geht, ist der Blick auf ihre Unterstützer-Liste spannend. Auf ihr finden sich so einige Marburger, die immer als SPD-nah galten. Ein Fingerzeig, dass es bei einer Stichwahl Bernshausen gegen Spies für den Amtsinhaber eng werden könnte.

Von Björn Wisker