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Marburg Klimanotstand: Das soll passieren
Marburg Klimanotstand: Das soll passieren
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10:53 08.11.2019
Die „Fridays-for-Future“-Demos haben das Klimathema befeuert. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Das im Juni vom Stadtparlament beschlossene Klima-Ziel, eine CO2-Neutralität bis 2030, sei „viel schärfer“ und dementsprechend seien „ambitioniertere Ziele“ nötig als im 2011er-Klimakonzept – dieses nur teilweise umgesetzte Papier hatte CO2-Neutralität bis 2050 im Blick. Denn statt damals rund 240.000 Tonnen sollen nun 735.000 Tonnen CO2 eingespart werden.

Und dieses mit dem Klimanotstand verbundene Ziel habe Konsequenzen, die sich aber noch kein Magistrats- oder ZIMT-Vertreter auszusprechen traue; und zwar viel weitgehendere als die bisher diskutierten Feuerwerks- oder Stadtfest-Verbote, die eine „Banalisierung der Aufgabenstellung“ seien. Tenor: Der Klimanotstand, die Klimaziele müssten ab sofort alle politischen Projekte bestimmen.

Die Autoren des „Diskussionspapiers“, das der OP vorliegt sind Uwe Volz, Ex-Stadtverordneter und Energieexperte und Matthias Knoche, Gewobau-Prokurist und Wohnungsexperte.

Sie formulieren darin, was und wie CO2-Einsparungen vor Ort möglich sind. Das Grünen-Duo verweist dabei auf bereits 2011 festgestellte „natürliche Potenzialgrenzen“ in Marburg und auf die Tatsache, dass das damalige Konzept eine deutlich geringere CO2-Einsparungs-Menge für möglich hielt.

Alle Vorhaben den neuen Klimazielen unterordnen

Wärme und Strom (mit zusammen 475.000 Tonnen CO2) und Verkehr (163.000 Tonnen) sind laut Regierungspräsidium Gießen tatsächlich die wesentlichen Emissionsquellen in der Universitätsstadt. Die städtische Klimaschutzbeauftragte Wiebke Smeulders bezeichnet diese daher auch als die „größten Stellschrauben“.

Wenn das neue Klimaziel aber verfehlt werde, sei der „Autoritätsverlust von politischen Prozessen und Akteuren immens“. Eben deshalb müssten kommunal „alle Handlungsspielräume ausgenutzt werden“. Die heute Abend bevorstehende Bürgerbeteiligung, der vom Magistrat als „Ideensammlung“ bezeichnete Workshop zur Aufstellung des Klimaaktionsplans ändere nichts an den vorliegenden Daten und bereits bekannten Themen- sowie politischen Aufgabenfeldern. In dem Papier enthalten sind daher konkrete kommunalpolitische Forderungen:

  • Errichtung mehrerer Windparks
  • Bau einer Seilbahn-Station am Afföller in Richtung Behringwerke
  • Passivhaus-Standard mindestens bei Neubauten.

Damit die Umsetzung der Klimaziele gelinge, müsse es also ein Ende des auch politischen „Trommelfeuers gegen Windräder, energetische Modernisierungen und Elektromobilität“ geben, so Volz und Knoche in Richtung ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU. Windkraft sei „unabdingbar“, die Bebauung aller Vorrangflächen – etwa Görzhausen und Lichter Küppel – mit drei Anlagen sorge für eine CO2-neutrale Stromproduktion.

Ein einziges modernes Windrad sei den Grünen-Vertretern zufolge fünfmal so effizient wie der bestehende Solarpark Gisselberg – die Sonnenenergie ist zuletzt vor allem in den Fokus der SPD gerückt. „Wer Verbote vermeiden will, kommt um Windkraft nicht herum“, so Volz und Knoche.

Am Afföller müssten indes andere Vorhaben als die Seilbahn – Privates Seniorenheim oder öffentlicher Landestheater-Neubau – „hinter dem Klimaziel zurückstehen“, auch wenn einzelne Projekte „für sich genommen vernünftig erscheinen“. Grund: Im Verkehrsbereich sei der Nordstadt-Bereich die „letzte große Chance“ mehr Innenstadtflächen „für Fahrräder freizubekommen“ – denn das müsse das Ziel sein: In der Zukunft müssten dort Räder fahren, wo heute Autos unterwegs seien.

Damit solch eine faktisch beschlossene Klimaschutzpolitik für alle Marburger auch sozial verträglich sei, müsse die finanzielle Unterstützung durch die Stadt ebenso erhöht werden, wie Hemmnisse – etwa schmale Fahrspuren wie auf der Weidenhäuser Brücke – beim Umstieg von Auto auf Rad oder Nahverkehr abgebaut werden. Die nötigen Wohngebäude-Sanierungen müssten zwar so warmmietenneutral wie möglich sein – doch der öffentliche Bestand könne angesichts seines kleinen CO2-Emissions-Anteils nur eine ­Vorbildfunktion für den Privatsektor haben. Immobilienbesitzer und Unternehmen bräuchten also auch finanzielle Anreize.

„Keine Zukunft“ dürfe zudem eine Stadtplanung wie vor der Stadthalle oder dem Hauptbahnhof haben, wo es keine Bäume, Schatten und Natur sondern einen „Vorrang für Versorgungsleitungen“ gebe.

  • Heute findet ein Klima-Workshop von 17 bis 20 Uhr im TTZ (Software-Center) statt.

von Björn Wisker