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Marburg Man hat kein eigenes Leben mehr
Marburg Man hat kein eigenes Leben mehr
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12:55 28.06.2020
Bewohner in einer Wohngemeinschaft für Demenz-Kranke.
Bewohner in einer Wohngemeinschaft für Demenz-Kranke. Quelle: Jens Büttner/dpa/Archiv
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Marburg

Ihre Mutter hatte sich gerade eingelebt im Pflegeheim, dann kam Corona. „Sie war angekommen, hatte endlich wieder ein lebenswertes Leben“, berichtet Karin T.* im OP-Gespräch. Dem waren Monate der Hilflosigkeit, der Verzweiflung, der Überforderung voraus gegangen.

Die Angestellte hier in Marburg, die Mutter im Ruhrpott alleine. Lange hat es gedauert, bis der Tochter klar war: „Meine Mutter ist nicht mehr ganz klar.“ Auch dem Enkel war bei einem längeren Aufenthalt aufgefallen: „Oma sagt immer das Gleiche.“ Hinzu kamen Stimmungsschwankungen, irgendwann ein Wasserschaden und dann die Diagnose: Demenz.

Der Umzug in die Universitätsstadt vor einem Jahr war unausweichlich. „Sie zog in eines der Kinderzimmer mit ihren Möbeln“, erzählt Karin T., die das Verhältnis zu ihrer Mutter als eher schwierig beschreibt. Trotzdem übernahm die 50-Jährige die Verantwortung. Zeitgleich nahm die Marburgerin Kontakt zur Alzheimer Gesellschaft im BiP auf.

„Ich musste die Veränderungen und die Krankheit auch erst einmal verstehen“, erinnert sie sich. In Elisabeth Bender fand sie eine Zuhörerin und eine große Unterstützerin. „Wir haben verschiedene Sachen ausprobiert und es ist immer wieder beeindruckend, was die Damen im BiP dort innerhalb kürzester Zeit auf die Beine stellen.“

Gute Tagesstruktur ist wichtig

Als die Weglauf-Tendenzen größer wurden, musste eine neue Entscheidung fallen. „Das war für uns beide sehr leidvoll. Für meine Mutter und auch für mich.“ Durch einen Zufall bekam ihre Mutter innerhalb kurzer Zeit einen Platz im betreuten Wohnen. Sie war gerade 75 geworden und sah sich selbst überhaupt nicht als eingeschränkt. „Sie war aber verzweifelt, unglücklich und desorientiert“, erinnert sich die Tochter. Mit viel Geduld und der Unterstützung des Personals gewöhnte sich die Mutter langsam ein.

Tag für Tag ein bisschen mehr. Vor allem die Tagesstruktur durch die Tagespflege half ihr dabei. Das gemeinsame Frühstück, die Krankengymnastik, die Nachmittage im Café Nicolai. Aber auch die Möglichkeit sich in der eigenen Wohnung für einen Mittagsschlaf zurück zu ziehen, sorgten für einen ganz normalen Alltag für die an Demenz Erkrankte, der ihr einfach gut tat. „Ich wusste, sie ist medizinisch gut versorgt und an den Wochenenden besuchten wir sie oder holten sie für ein paar Stunden zu uns.“

„Meine Mutter verstand die Welt nicht mehr“

Doch dann kam die Corona-Pandemie und von einem Tag auf den anderen änderte sich wieder alles. Die Tagespflege brach weg, alle Termine der Alzheimer Gesellschaft wurden abgesagt. Es gab keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr im Haus und Angehörigen-Besuche waren verboten. „Meine Mutter verstand die Welt nicht mehr.“

Um ihrer Mutter trotzdem nah zu sein, verabredeten sich beide draußen. Die Mutter stand auf dem Balkon, die Tochter im Sicherheitsabstand davor. „So habe ich morgens mit ihr Kaffee getrunken, damit sie überhaupt das Bett verließ“, berichtet sie. Denn ihre Mutter wurde depressiv, ist alleine nicht mehr aufgestanden, hat das Essen und Trinken verweigert, das ja nun auf dem Zimmer serviert wurde.

„Sie empfand ihr Leben als nicht lebenswert“

„Das Pflegepersonal kümmerte sich wirklich aufopfernd, hat versucht unsere Abwesenheit zu kompensieren. Aber meine Mutter war zeitweise immer wieder völlig desorientiert, so dass sie ihr neues Zuhause oft nicht erkannte. Sie fühlte sich durch unsere Abwesenheit auch abgelehnt. Wir mussten ja den Sicherheitsabstand einhalten, keiner nahm sie mehr in den Arm, sie konnte ihre Enkel und Ur-Enkel nicht drücken. Das war für sie sehr einschneidend“, beschreibt die Tochter die Situation.

Da ihr der Tag-Nach-Rhythmus fehlte, setzte sich ihre Mutter auch nachts auf den Balkon, erkältete sich dadurch. Ihre neue Lesebrille konnte aufgrund der Pandemie nicht angepasst werden, so dass sie sich auch mit Lesen nicht ablenken konnte. Vom fehlenden Kontakt zu den Bewohnern und der Familie ganz zu schweigen. „Sie empfand ihr Leben oftmals als fremd, einsam und nicht mehr lebenswert“, fasst sie zusammen.

„Man braucht jemanden zum Reden“

„Und auch ich hatte in der Zeit kein eigenes Leben mehr. Mein ganzer Tagesablauf richtete sich nur nach meiner Mutter. Sie rief fast stündlich an. Und ich verbrachte viel Zeit vor dem Balkon, um sie abzulenken.“ Nach wie vor erhält Karin T. Unterstützung von der Alzheimer Gesellschaft, insbesondere von Elisabeth Bender.

„Man braucht jemanden zum Reden, damit das schlechte Gewissen nicht überhand nimmt“, weiß die Angestellte und sagt: „Ich trage doch die Verantwortung für meine Mutter.“ Sie hofft, dass die Tagespflege bald wieder öffnen darf und die Veranstaltungen der Alzheimer Gesellschaft stattfinden dürfen. „Das wäre so wichtig für ihre Tagesstruktur und würde dem Fortschreiten der Demenz entgegen wirken. Denn die Einsamkeit ist das Schlimmste für meine Mutter.“

* Die Person ist der OP persönlich bekannt, aus Schutz wurde der Name wurde von der Redaktion geändert.

Von Katja Peters