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Marburg Das ist der Corona-Selbsttest aus Marburg
Marburg Das ist der Corona-Selbsttest aus Marburg
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21:00 16.01.2021
Lisa Jüngst, CEO der Marburger NanoRepro AG, mit dem Corona-Schnelltest für Privatanwender, der sich in der Zulassungsphase befindet.
Lisa Jüngst, CEO der Marburger NanoRepro AG, mit dem Corona-Schnelltest für Privatanwender, der sich in der Zulassungsphase befindet. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Es geht ganz einfach: In ein Röhrchen spucken, bis sich eine gewisse Menge an Speichel gesammelt hat. Dann den Boden des Röhrchens, der mit einer Pufferlösung gefüllt ist, hochdrücken, die so fertiggestellte Probe mittels Pipette auf eine Testkassette geben – und binnen 15 bis 20 Minuten das Testergebnis ablesen. Und das zu Hause, in den eigenen vier Wänden – ohne Termin oder Anstehen, ohne Blutentnahme oder unangenehmes Hantieren mit einem Wattestäbchen über die Nase ganz tief im Rachenraum. „Geht einfacher als ein Schwangerschaftstest, denn man muss nicht mit Urin hantieren“, sagt Lisa Jüngst, CEO der Marburger NanoRepro AG. Das Unternehmen ist auf Schnelltests spezialisiert, hat unter anderem bereits mehrere Corona-Antigen-Schnelltests im Portfolio, die aber nur von Ärzten und medizinischem Fachpersonal verwendet werden dürfen.

Es ist eine Weltneuheit, die NanoRepro entwickelt hat, denn „einen Corona-Antigen-Selbsttest gibt es bisher noch nicht“, sagt Lisa Jüngst. Das Unternehmen ist bereits seit 15 Jahren im Bereich Diagnostik tätig, hat zahlreiche Selbsttests entwickelt, „wir können also eine große Expertise vorweisen“, so Jüngst. Im vergangenen März habe NanoRepro bereits einen Antikörpertest auf den Markt gebracht, der an medizinisches Fachpersonal, Apotheken und medizinische Großhändler ging, „damit haben wir recht schnell mehr als zwei Millionen Euro Umsatz erzielt“.

Im Sommer normalisierte sich die Corona-Lage ein wenig, „damals sagten unsere Wissenschaftler bereits, dass wir einen Antigen-Test benötigen“, so Jüngst. Im September war er fertig – die Nachfrage jedoch noch verhalten. „Das hat sich im Oktober jedoch geändert, auch mit dem Test waren wir sehr erfolgreich, denn auch damit waren wir ,first Mover’“, sagt Jüngst. NanoRepro habe stark von der Pandemie profitiert, das Geschäftsjahr 2020 sei hervorragend gelaufen – auch, wenn noch keine finalen Zahlen vorlägen.

„First Mover“ ist das Unternehmen auch beim Antigen-Selbsttest. Vorausgesetzt, er erhält die Zulassung. „Wir haben über Weihnachten rund 700 Seiten an technischer Dokumentation aufbereitet“, erläutert Jüngst. Und dann vergangene Woche die Unterlagen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eingereicht, um die Zulassung für den Test im Endkundenbereich zu bekommen.

Wenn sonst mit Abstrichen gearbeitet wird – wie sicher ist denn ein Test über den Speichel? „Wir haben eine Sensitivität und Spezifität von um die 90 Prozent“, sagt Lisa Jüngst – die Tests, die mittels Rachenabstrich vorgenommen würden, lägen indes bei 96 Prozent. Heißt: Beim Test von NanoRepro „würde einer von zehn Fällen nicht erkannt – aber es ist auf jeden Fall besser, als gar keinen Test zu haben“, sagt Jüngst. Denkbar sei auch, die Tests nach Zulassung quasi im Zweierpack zu verkaufen, um dann nach drei oder vier Tagen einen zweiten Test vornehmen zu können und somit einen Sicherheitspuffer zu haben – etwa vor dem Besuch im Altenheim. Jüngst stellt aber auch klar: „Es geht bei Corona-Schnelltests immer nur um eine Indikation. Wir ersetzen damit keine Diagnose.“

Stefan Pieh, Finanzvorstand des Unternehmens, fügt hinzu: „Gerade jüngere Leute können von dem Test profitieren.“ Denn dadurch, dass der Test später auch online bestellbar sei, baue man für diese Zielgruppe die Hürde ab, „sich erst einmal für einen Termin anmelden und dann darauf warten zu müssen. Wenn ich den Test zu Hause liegen habe, kann ich ihn einfach in einer ruhigen Minute machen.“

Nun heißt es warten. „Wie schnell es geht, können wir weder sagen noch beeinflussen“, verdeutlicht Pieh. Man sei jedoch guter Dinge, dass die Zulassung komme. „Da dieser Selbsttest für zuhause spontan und jederzeit von jedermann durchgeführt werden kann, etwa vor dem Besuch bei Eltern oder Verwandten, besteht sowohl vonseiten des Handels als auch der Endkunden enormes Interesse an diesem Testverfahren. Dieser neue Corona-Antigen-Schnelltest eröffnet uns nach erfolgter Zulassung enormes Umsatzpotenzial in einem dynamischen Marktumfeld“, sagt Lisa Jüngst.

Und was kommt danach – wenn es beispielsweise einen Herdenschutz durch die Impfungen gibt und der Schnelltest nicht mehr so stark benötigt wird? „Der Antikörper-Test wird bestimmt wieder gefragt sein“, ist sich Dr. Olaf Stiller, Gründer von NanoRepro und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, sicher. „Denn nach der Impfung will ja jeder wissen, ob er schon oder noch Antikörper hat.“ Und insgesamt „können wir uns vorstellen, auch anorganisch zu wachsen – nicht unbedingt in der Diagnostik, aber auf jeden Fall im Gesundheitsbereich“, erläutert Lisa Jüngst.

Die NanoRepro AG

Die in Marburg ansässige NanoRepro AG ist als Schnelldiagnostik-Hersteller vorwiegend in der gesundheitlichen Planung und Vorsorge tätig. Das börsennotierte Unternehmen setzt auf einen schnellwachsenden Markt, der durch das zunehmende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung geprägt ist und in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Das Unternehmen gehört laut eigenen Angaben zu den Innovationsführern im Bereich Selbstdiagnostika und hat mehr als 25 Schnelltests im Portfolio – unter anderem einen HIV-Test, einen Corona-Antikörper und mehrere Corona-Antigen-Tests sowie fünf weitere Tests für den medizinischen Fachgebrauch. Daneben werden unter anderem Schwangerschaftstests, Tests zur Magengesundheit, zur Darmkrebsvorsorge und Fruchtbarkeitsbestimmung des Mannes sowie unterschiedliche Allergie-Tests im Sortiment geführt. Zudem vertreibt die NanoRepro AG unter der Marke „alphabiol“ Komplementärprodukte im Bereich der Nahrungsergänzung.

Von Andreas Schmidt