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Marburg Das gute Gewissen reist nur selten mit
Marburg Das gute Gewissen reist nur selten mit
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00:17 22.07.2018
Die Anreise mit dem Flugzeug zählt nicht zu den nachhaltigsten Wegen, seinen Urlaub zu beginnen.  Quelle: Rene Ruprecht
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Marburg

Reisen soll bequem sein. Daher machten sich laut Statista im Jahr 2017 über 85 Prozent der Deutschen mit dem Flugzeug und vor allem mit dem Auto auf den Weg in die Ferien. Allerdings werden damit tausende Kilogramm CO2 freigesetzt. Infolgedessen fährt immer öfter das schlechte Gewissen mit – und nach einer TUI- Studie 2017 möchten knapp 70 Prozent der Deutschen die Umweltauswirkungen ihres Urlaubs reduzieren.

Grund dafür ist die kritische Phase, in der sich der Massentourismus befindet. Die Ökosysteme der Erde werden von der menschlichen Aktivität stark beeinträchtigt und die Ressourcennutzung übersteigt die natürlichen Grenzen unseres Planeten.

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Doch wie sieht so ein Urlaub aus, der gut für Menschen, Tiere und die Umwelt ist? „Das Wichtigste ist, sich zuvor zu folgenden Themenbereichen Gedanken zu machen: Welche Möglichkeiten habe ich, zum gewünschten Ort zu kommen? Wie bewege ich mich vor Ort? Und wie kann ich bereits bei Ernährung und Kosmetik auf Nachhaltigkeit achten?“, erzählt Daphne Tokas, Presse- und Öffentlichkeitskoordinatorin der Organisation Greenpeace Marburg.

Die Umweltschützer empfehlen eine nachhaltige Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die Nutzung umweltfreundlicher Fortbewegungsmittel vor Ort.

„Durch die Wahl der Reiseverkehrsmittel und der Entscheidung für ein Hotel, das auf Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien setzt, lässt sich der ökologische Fußabdruck einer Reise bereits im Vorfeld verringern“, berichtet eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands.

Der ökologische Fußabdruck zählt alle Ressourcen, die im Alltag eines Menschen verbraucht werden und zeigt, welche Fläche benötigt wird, um all die Rohstoffe und Energie zur Verfügung zu stellen. Anschließend wird dieser Flächenverbrauch auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet und mit den auf der Erde verfügbaren Flächen verglichen.

Kritik an „Ablasshandel“ mit CO2-Kompensationszahlung

Für den Fall, dass keine Alternative zu einer Auto- oder Flugreise oder dem Aufenthalt in einer großen Hotelkette besteht, bieten einige Organisationen und Fluganbieter sogenannte CO2-Kompensationszahlungen an, um klimaneutral zu reisen und das Gewissen zu beruhigen. Sie errechnen den Kohlendioxidausstoß der Reise und den Preis, der bezahlt werden muss, um die entstandenen Emissionen zu neutralisieren. Die Spende wird bei Klimaschutzprojekten eingesetzt, die damit beispielsweise Bäume pflanzen oder trockengelegte Moore neu einnässen.

Diese Spenden werden aktuell jedoch von vielen Seiten kritisiert. „Wir machen keinen vorgeschobenen ,Ablasshandel‘, indem wir dazu eine gewissensberuhigende Spende für die Aufforstung eines Bäumchens im Regenwald nehmen“, schreibt Thomas Eberhardt, Geschäftsführer des Reiseveranstalters „Bambino Tours“.

Es sei ein Widerspruch in sich, erst Tonnen an CO2 durch die Anreise mit dem Flugzeug oder Auto auszustoßen und dafür lediglich ein „Bäumchen“ pflanzen zu lassen. Der Marburger Urlaubsanbieter verfolgt speziell die soziale Verträglichkeit des Urlaubs und bietet Betreuungsprogramme für Kinder und Jugendliche an. „Wir vermeiden die Zusammenarbeit mit den großen Veranstalterketten, denn dort geht kaum Geld in die Urlaubsregion“, erklärt Eberhardt. Die Urlaubsveranstalter arbeiten bevorzugt mit lokalen Anbietern und kleinen Agenturen zusammen.

Angebotene Transfers, Events oder gemeinsame Mahlzeiten finden an Plätzen statt, an denen sich die Einheimischen aufhalten. Einkäufe für Veranstaltungen werden vor Ort getätigt, sodass die Ausgaben für Löhne lokaler Hausangestellter, Mieten und Einkauf in der Region bleiben.

Nachhaltigkeit ist in Reisebüros kaum ein Thema

Orientierung in Sachen Umweltschutz, sozialer und ökologischer Verträglichkeit bei der Urlaubsplanung bieten Nachhaltigkeitssiegel wie „TourCert“, die GSTC-Zertifizierung oder das „Gold TraveLife“-Zertifikat. Diese können unter anderem an Unternehmen, Reiseveranstalter und Restaurants verliehen werden.

Auch die Stadt Marburg engagiert sich zusammen mit einigen Partnern für Nachhaltigkeit im Landkreis. „Vor vier Jahren haben sich aus der Tagungsbranche der Stadt Marburg Partner zusammengefunden und eine Initiative namens „Green Meetings & Events in Marburg Stadt und Land“ gegründet“, erzählt eine Sprecherin der Marburg Stadt und Land GmbH. Die Initiative habe sich der Nachhaltigkeit verschrieben.

Ziel sei es, die Aufenthaltsqualität der Stadt Marburg zu optimieren und diese in Einklang mit Klima- und Umweltschutz und der schonenden Nutzung regionaler Ressourcen zu bringen. Anhand eines Dreisäulenmodells, bestehend aus sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit, soll ein breites Bewusstsein für diese Themenfelder in der Öffentlichkeit geschaffen werden.

Nachhaltigkeit bei der Urlaubsplanung im Reisebüro scheint dennoch selten ein Thema zu sein. „Wir werden kaum darauf angesprochen“, erzählt eine Mitarbeiterin des Reisebüros sta travel in der Marburger Oberstadt. Dabei macht ein bewusster Blick auf die eigene Reise der Erholung keineswegs einen Abbruch und wirke dem Klimawandel und der sozialen Ausbeutung entgegen.

von Sabrina Roling