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Marburg Das große Kribbeln und Krabbeln
Marburg Das große Kribbeln und Krabbeln
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13:00 07.12.2021
Svetlana Windholz beobachtet, wie Pierre Bleiow die große Spinnen in die Hände von Dominik gehen lässt.
Svetlana Windholz beobachtet, wie Pierre Bleiow die große Spinnen in die Hände von Dominik gehen lässt. Quelle: Gianfranco Fain
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Zwei Lebewesen trafen an diesem Sonntag im TTZ aufeinander: Das eine sieht, hört und schmeckt nichts, das andere hat zwei Pupillen, die sich weiten, und eine Atmung, die auf Press-Modus umschaltet, sobald das Wesen mit den acht haarigen Beinen in Reichweite ist. Die Grammostola spatulata liegt ruhig auf der Hand von Pierre Bleiow, der im Saal des TTZ jedem, der es wünscht, die große Spinne in die Hände legt. Kinder sind dafür erstaunlich offen. „Süß und weich“ findet zum Beispiel der zehnjährige Dominik das Spinnentier, während es die fünfjährige Alexandra „etwas kitzelte“.

Die fünfjährige Alexandra traut sich und nimmt die große Spinne in ihre Hände. Quelle: Gianfranco Fain

Wegen des Kitzels kommt Tonia Okoli in die Spinnen- und Insektenausstellung. Die Studentin will ihre Angst vor Spinnen ablegen. Früher durchlebte sie Panikattacken, sobald eine auch noch so kleine Spinne in ihre Nähe kam, und nun habe sie festgestellt, dass sie sich die ganzen Jahre umsonst ängstigte. Das sagt sie, nachdem Pierre ihr die aus Südamerika auf chilenischem Staatsgebiet lebende etwa handballengroße Spinne übergab, die Spinne auf den Händen von Tonia Okoli hin und her wanderte. „Süßer als man denkt“, findet die Studentin das braun-schwarz gefärbte Spinnentier. Und ganz weich fühle sie sich an, so als ob viele, viele kleine Kissen auf der Handfläche lägen, berichtet Tonia Okoli.

Sie ist eine von drei jungen Studentinnen, die zur „Gruppentherapie“ kamen. Doch während sich die Dritte im Bunde im TTZ nicht überwinden kann, eine Spinne anzufassen, wagt es Mara Lukes. Etwas vorsichtig nimmt sie die Grammostola spatulata von Okoli entgegen, beobachtet sehr aufmerksam, wohin sich die Spinne bewegt, berichtet aber, sie habe eigentlich mehr Furcht vor Insekten als vor Spinnen. Auch gegen solche Ängste kann Bleiow ein Therapiemittel aus einem der Terrarien entnehmen. Doch mit dem bräunlichen, länglichen und gepanzerten Insekt kann sich die Studentin nicht so leicht anfreunden. Ihre Hände zittern, als Bleiow ihr das Insekt übergibt. Den „Ekel“ kann sie auch nach mehreren Minuten nicht ablegen, aber auch nicht erklären, was diesen hervorruft.

Svetlana Windholz traut sich die große Spinne in die Hand zu nehmen. Quelle: Gianfranco Fain

Die meisten kommen aber wegen der Spinnen und mit dem Vorsatz, etwas gegen ihre Furcht davor zu tun. Zum Beispiel Jennifer Laatz, die sich sitzend mit der Spinne fotografieren lässt. Erst schaut sie skeptisch, später befindet sie: „Das war gar nicht so schlimm.“ Sie würde die Spinne jetzt noch mal anfassen, weil es „definitiv geholfen hat“. Ihre Tochter hofft nun, keine Angst mehr zu verspüren, wenn sie in den Keller gehen.

Mit dem festen Vorsatz, ihre Paranoia zu bekämpfen, kämen bis zu 25 Prozent der Ausstellungsbesucher, schätzt Pierre Bleiow. Noch mehr überzeugt der tätowierte Mitarbeiter, indem er mit seiner Spinne im Raum umhergeht und die Menschen anspricht. Ihm gefällt es, den Menschen zu helfen, ihre Ängste vor Spinnen zu überwinden. Seine Erfolgsquote beziffert er mit 95 Prozent der Angesprochenen. Aber es gibt auch schwierige Fälle, Menschen mit „ganz krasser Angst“. Bei diesen ist schon ein anderer einfühlsamer Einstieg erforderlich. Bleiow hat dazu abgestreifte Spinnenhäute im Repertoire. An denen können die Superängstlichen sich herantasten, ohne dass sich etwas bewegt oder kribbelt.

Die Rote Chile Vogelspinne hat sich gerade gehäutet. Quelle: Gianfranco Fain

Eine junge Frau wäre eine Kandidatin dafür. Diese kam mit ihrem Partner zur Ausstellung, der nach anfänglichem Zögern für ein Foto mit Spinne bereit ist. Sie wehrt Bleiows Aufforderung entschieden ab, bleibt auf Distanz, will nicht einmal ihrem Freund die Maske abnehmen, als dieser schon fürs Foto bereitsitzend und die Spinne in der Hand bemerkt, den Mund-Nasen-Schutz noch aufzuhaben. Da helfen auch Bleiows Hinweise nicht, dass die Spinne in zehn Jahren noch niemanden gebissen hätte und wenn dies doch einmal der Fall sein sollte, dann wären Gefühl und Auswirkungen wie bei einem Wespenstich.

Richtig gefährliche Spinnen oder Insekten sind unter den 56 ausgestellten Lebewesen nicht dabei. Der Sicherheitsaufwand wäre zu groß, so wie derzeit auch viele Veranstaltungsorte, die der Veranstalter üblicherweise bucht, um die rund doppelte Menge an Anschauungsobjekten zu zeigen. Unter 3G-Bedingungen sei die Zahl an Besuchern noch annehmbar gewesen, heißt es an der Kasse, doch unter 2G fürchtet der Veranstalter noch am Nachmittag, nicht einmal die Kosten zu decken. Für Pierre Bleiow bedeutet dies aber, mehr Zeit für die Besucher und ihre Ängste zu haben.

Von Gianfranco Fain