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Marburg Das Bürgerhaus kommt ins Wohnzimmer
Marburg Das Bürgerhaus kommt ins Wohnzimmer
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09:58 08.08.2021
Das analoge Bürgerhaus von Hermershausen war nur Kulisse, eigentlich ging es um das digitale Bürgerhaus. Das präsentierten Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsgruppe Ehrenamtliches Engagement, der Stadtverwaltung und der Freiwilligenagentur.
Das analoge Bürgerhaus von Hermershausen war nur Kulisse, eigentlich ging es um das digitale Bürgerhaus. Das präsentierten Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsgruppe Ehrenamtliches Engagement, der Stadtverwaltung und der Freiwilligenagentur. Quelle: Foto: Stefan Dietrich
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Hermershausen

Bürgerhäuser sind dazu da, dass sich Menschen treffen können: zum Bingo-Abend, zu Vereinsversammlungen oder zum Sport. Das gilt nicht nur für die Bürgerhäuser in den Marburger Stadtteilen, sondern seit Februar auch für das „digitale Bürgerhaus“ der Stadt Marburg. Das steht aber nicht irgendwo in einem Stadtteil, sondern ist über Internet vom eigenen Wohnzimmer aus nutzbar. Das Angebot, das während des Corona-Lockdowns eingerichtet wurde, soll über die Pandemie hinaus fortgeführt werden. Die Verantwortlichen suchen dafür weitere Menschen, die bereit sind, sich in das Projekt einzubringen. Darüber informierten Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsgruppe Ehrenamtliches Engagement und Dorfentwicklung, der Stadt, der Ortsbeiräte und der Freiwilligenagentur am Dienstag im „analogen“ Bürgerhaus Hermershausen, moderiert vom Haddamshäuser Ortsvorsteher Heinz-Konrad Debus.

„Mit Beginn der Pandemie hat sich für uns die Frage gestellt: Wie können wir Menschen dabei unterstützen, in Kontakt zu bleiben“, erzählt Birgit Boßhammer. Sie ist Sprecherin der Arbeitsgruppe Ehrenamtliches Engagement und Dorfgemeinschaft, einer der fünf Arbeitsgruppen, die im Rahmen des Dorfentwicklungsprogramms für die Außenstadtteile gebildet wurden. „Uns war klar, dass wir neue, digitale Wege suchen mussten, wenn wir die Vereine unterstützen wollen.“ Da während des Lockdowns Bürgerhäuser nicht mehr genutzt werden konnten, entstand in der Arbeitsgruppe die Idee des „digitalen Bürgerhauses“: also einer Möglichkeit für digitale Treffen mit Unterstützung der Stadt.

Stadt stellt Lizenz für Videokonferenz zur Verfügung

Die Lösung: Die Stadt nutzt bereits das Videokonferenzsystem Webex. „Für das digitale Bürgerhaus konnte eine weitere Lizenz zur Verfügung gestellt werden“, erklärt Rose Michelsen vom Fachdienst Stadtplanung. Das ist für Vereine und andere Gruppen kostenlos. Sie müssen lediglich einen Termin vereinbaren, da maximal zwei Videokonferenzen gleichzeitig möglich sind. Das ist wie im traditionellen Bürgerhaus auch: Die Gymnastikgruppe kann nicht zur selben Zeit den Saal in Beschlag nehmen wie der Karnevalsverein.

Das digitale Bürgerhaus ist vor allem für Dorfleben und Vereinsarbeit in den Außenstadtteilen gedacht – wenn Kapazitäten frei sind, können es aber auch Vereine aus der Kernstadt nutzen. „Die Termine fanden anfangs reißenden Absatz“, berichtet Hubert Detriche, Ortsvorsteher von Hermershausen, über die Erfahrungen im Lockdown. „Für die Zeit zwischen 18 und 21 Uhr musste drei bis vier Wochen vorher ein Termin angemeldet werden. Hauptnutzer waren erstaunlicherweise die Sportvereine, zum Beispiel eine Yoga-Gruppe. Aber es wurden auch Sitzungen abgehalten.“

Detriche ist Koordinator für das digitale Bürgerhaus, er vergibt nicht nur die Termine, sondern er bietet auch Schulungen und Einweisungen an. Denn nicht alle Ehrenamtlichen, die im analogen Leben Erfahrung mit der Organisation von Veranstaltungen und Sitzungen haben, kennen sich mit einem Videokonferenzsystem aus. „Bei vielen war erst einmal die Angst vor der digitalen Hürde, die zu nehmen ist: Schaffe ich das überhaupt?“, erzählt er. „Von fast jedem kam aber anschließend die positive Rückmeldung: Das ist ja gar nicht so schwer.“

Aktuell sei es im „digitalen Bürgerhaus“ etwas ruhiger geworden, berichtet Detriche. Weil inzwischen viele Menschen gegen Corona geimpft sind und die Infektionszahlen momentan niedrig sind, gibt es wieder mehr Treffen, Sitzungen und Veranstaltungen in Präsenz. Das könnte sich wieder ändern, wenn eine vierte Corona-Welle anrollt. Aber auch völlig unabhängig von Corona setzt die Stadt darauf, das digitale Bürgerhaus weiter anzubieten. „Wenn sich die AG Ehrenamtliches Engagement trifft oder alle Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher, dann fahren sie dafür in der Summe schon 250 Kilometer“, argumentiert Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). „In Zeiten des Klimanotstands muss man darüber nachdenken: Muss man diese Strecken eigentlich fahren, oder kann man das auch digital von zuhause aus machen?“ Doris Heineck von der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf ist überzeugt, dass sich durch das digitale Bürgerhaus auch mehr Menschen ehrenamtlich engagieren. „Wir brauchen einen Mix aus Begegnungen und digitalen Formaten“, sagt sie.

Weitere Ehrenamtliche für digitales Bürgerhaus gesucht

Rose Michelsen vom Fachdienst Stadtplanung kann sich in Zukunft eine breitere Palette digitaler Angebote vorstellen, etwa ortsübergreifende Spiele- und Erzählabende, wie sie bisher in den einzelnen Dörfern stattfinden. Solche Angebote sind gerade bei Senioren beliebt – von denen viele allerdings nicht mit moderner Technik vertraut sind. Das will die Stabsstelle Altenplanung der Stadt gemeinsam mit der Freiwilligenagentur und ehrenamtlichen Helfern jedoch ändern: Sie erklären älteren Menschen die Funktion von Tablets, damit sie sich trauen, digitale Angebote zu nutzen.

Deshalb wollen die Beteiligten jetzt erneut die Werbetrommel rühren für das digitale Bürgerhaus: Sie suchen Menschen, die bereit sind, als Koordinatorinnen und Koordinatoren sowie Online-Lotsinnen und -Lotsen mitzuarbeiten. Das können jüngere Menschen sein, die Älteren moderne Technik erklären, und Ehrenamtliche aus Vereinen und Initiativen. So könnte das digitale Bürgerhaus in Zukunft auch am Nachmittag stärker genutzt werden – und bei Bedarf könnte die Stadt sogar ein zweites digitales Bürgerhaus einrichten. Denn eine weitere Lizenz für die Videoplattform zu bekommen, sei kein Problem, sagt Oberbürgermeister Spies: „Der limitierende Faktor ist, dass jemand da sein muss, der es betreut.“

Koordinator für das digitale Bürgerhaus ist Hubert Detriche, E-Mail: hubert.detriche@gmx.de, Telefon: 0 64 21 / 3 38 83 und 01 75 / 5 25 00 63.

Dorfentwicklungsprogramm

Das digitale Bürgerhaus ist im Rahmen der IKEK-Dorfentwicklung entstanden. IKEK steht für Integriertes kommunales Entwicklungskonzept (IKEK). Ziel des Dorfentwicklungsprogramms ist es, Dörfer attraktiv und lebenswert zu gestalten. Da die Außenstadtteile von Marburg sehr ländlich geprägt sind, kann die Stadt mit diesen Dörfern an dem Programm für den ländlichen Raum teilnehmen. Dabei kooperiert sie mit der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf. Aus dem Programm gibt es auch Fördermittel für Eigentümer, die zum Beispiel Gebäude sanieren oder umbauen. Bis 2023 können sie noch Förderanträge stellen. 

Von Stefan Dietrich

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