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Marburg Im Mainstream angekommen?
Marburg Im Mainstream angekommen?
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08:58 28.03.2021
Rapperin Sookee hat als Studentin auch das Fach „Gender Studies“ belegt und ist beim „Studium generale“ Stargast bei einer Veranstaltung zum Thema „gendergerechte Sprache“.
Rapperin Sookee hat als Studentin auch das Fach „Gender Studies“ belegt und ist beim „Studium generale“ Stargast bei einer Veranstaltung zum Thema „gendergerechte Sprache“. Quelle: Christoph Schmidt/dpa
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Marburg

„20 Jahre Zentrum für Gender Studies“: Das ist ein Anlass für die Forscherinnen, die hinter diesem interdisziplinären Uni-Zentrum stehen, in diesem Sommersemester beim Studium generale eine Bilanz von zwei Jahrzehnten feministisch inspirierter Geschlechterforschung in Marburg zu ziehen. „Viele Dinge, die vor 20 Jahren noch neu waren, sind heute in den Mainstream gelangt“, sagt die Marburger Theologie-Professorin Christl Maier, die derzeitige Zentrums-Direktorin, im Gespräch mit der OP. Von gendergerechter Sprache bis hin zur öffentlichen Anerkennung eines dritten Geschlechts gebe es eine breite Palette von durch die Frauen- und Gleichstellungsbewegung angestoßenen Ideen, die mittlerweile zu einer gesamtgesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden seien.

Das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung wurde im Jahr 2001 an der Uni Marburg in der Tradition von frauenbewegten Initiativen gegründet. Die Geschlechterforschung ist in Marburg in vielen verschiedenen Forschungsdisziplinen verankert – von der Evangelischen Theologie und den Erziehungswissenschaften bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften oder generell den Naturwissenschaften.

Gleich auf mehreren Ebenen stehen beim Studium generale Dialoge auf der Tagesordnung: einerseits der Dialog zwischen Forschung, Lehre und sozialen Bewegungen. Andererseits aber auch ein Dialog zwischen zwei verschiedenen Generationen von Forscherinnen. Exemplarisch dafür diskutiert Professorin Ingrid Kurz-Scherf, Gründungsmitglied des Zentrums, am Auftaktabend mit Wegbegleiterinnen und neuen Mitarbeiterinnen darüber, wie sich Geschlechterforschung und feministische Forderungen seit der Jahrtausendwende verändert haben. „In einen Dialog zu gehen, bedeutet immer, die eigene Perspektive darzustellen, sie gleichzeitig zu öffnen, neugierig zu sein und dialogisch zu verhandeln“, heißt es in einem Statement des Zentrums. Und so sind auch die einzelnen Abende bewusst nicht als Vortragsmonologe geplant, sondern als Gesprächsrunden mit einer möglichen Unterbrechung durch Chat-Teilnahme.

Davon erhoffen sich Bergold-Caldwell und Maier lebendige Debatten. „Wir wollen auch selbstkritisch fragen, woher wir kommen, wo wir stehen und was wir für die Gestaltung der Zukunft tun können“, meinen sie.

Medientheorie und Geschlechterstudien, der Technologiewandel und seine Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter oder Machtprozesse in feministischen Fragen: Das sind einige der Themen in der Vortragsreihe.

Auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung rund um das Thema Lohnarbeit und Geschlechterverhältnisse in Corona-Zeiten ist an einem Abend das Thema. Ob Frauen oder Männer zu Hause bleiben und wer von ihnen das Homeschooling betreue, soll dabei nach Darstellung von „Studium generale“- Organisatorin Denise Bergold-Caldwell unter anderem analysiert werden, ebenso wie die generelle Veränderung der Arbeitsverhältnisse.

Wie wird der Stadtraum aus feministischer Perspektive geschlechtertheoretisch gedacht? Gibt es männliche oder weibliche Sphären in der Stadt? Welche Räume sollten Frauen eher meiden und welche sind für Männer tabu, und wie kann sich das gegebenenfalls ändern? Darüber wollen Maier und Dr. Claudia Wucherpfennig diskutieren.

Einen besonderen Platz hat schließlich auch die mittlerweile in vielen Talkshows und überregionalen Feuilletons breit diskutierte Debatte um feministische Sprachpolitik. Beschwerden über die Unverständlichkeit einer neuen geschlechtergerechten Sprache oder die Frage, wie permanente sprachliche Markierungen von Texten bewertet werden, sollen aber auch zur Sprache kommen. Mitdiskutieren wird auch die feministische Rapperin Sookee, die an der Humboldt-Universität Gender Studies und Linguistik studiert hat.

Wie wirkmächtig ist Sprache überhaupt? „Sprache formt die Wahrnehmung“ sagt Bergold-Caldwell. Und deswegen sei es auch wichtig, in der geschriebenen und gesprochenen Sprache einen Schwerpunkt auf die weiblichen Formen zu legen. „Man kann auch ein Stück weit damit spielen und sich mit Witz darauf einlassen“, plädiert sie allerdings auch für einen unverkrampften Umgang mit den praktischen Ausformungen der Sprachpolitik.

Von Manfred Hitzeroth

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