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Marburg „Ich habe meinen Sohn zum Kämpfer erzogen“
Marburg „Ich habe meinen Sohn zum Kämpfer erzogen“
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08:00 10.12.2021
Birgit Dittmann und ihr Sohn Chris.
Birgit Dittmann und ihr Sohn Chris. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Er wartet schon vor seiner Eingangstür. Der 13-jährige Chris begrüßt „die Leute von der Zeitung“ und bittet sie mit einer einladenden Handbewegung, in die Wohnung einzutreten. Das Klingelschild zeigt „Dittmann“. In der Küche wartet Mutter Birgit mit Kaffee und Kuchen. Am Küchentisch beginnt Birgit Dittmann zu erzählen: „Mein persönliches Weihnachtswunder heißt Chris und ist nun 13 Jahre alt.“

Schon in der Schwangerschaft erfährt Birgit Dittmann, dass ihr Sohn einen Herzfehler hat. Die Ärzte rieten ihr zum Schwangerschaftsabbruch. Dittmann entscheidet sich dagegen, obwohl die Ärzte ihr sagen, dass ihr Sohn an einer Ebstein-Anomalie 2. Grades auf der linken Seite des Herzens leidet, welche die Entwicklung des Kindes erheblich beeinflussen kann. Im Nachgang stellt sich heraus, dass nicht die linke, sondern die rechte Seite des Herzens betroffen ist. „Vielleicht bin ich deshalb Rechtshänder, weil die rechte Seite etwas zu tun haben muss. Komisch ist aber, dass ich beim Fußball Linksfüßler bin. Na ja, vielleicht habe ich auf der linken Seite einfach mehr Kraft“, kommentiert Chris das und grinst.

Erlösende Nachricht

Am errechneten Geburtstermin, das war der 16. Juli 2008, sollte die Geburt eingeleitet werden. Weil die Klinik jedoch für das Neugeborene keinen Platz auf der passenden Station hat, wird nicht eingeleitet. „Zwei Tage später wurde Chris dann per Notkaiserschnitt geholt“, sagt Dittmann. Aufgrund des Herzfehlers muss der kleine Chris jedoch noch drei Wochen im Krankenhaus bleiben, bis er pünktlich zum Geburtstag seiner Mutter nach Hause darf. „Natürlich habe ich auch Ärzte gefragt, wie es zu diesem Herzfehler kommen konnte“, erzählt die Mutter, „selbst unser Professor meinte daraufhin, das sei eine Laune der Natur.“

Im Oktober desselben Jahres steht die erste große Herz-OP des kleinen Chris an. „Das ist dann natürlich heftig für eine Mutter: ein kleines Kind und dann eine OP am offenen Herzen“, erinnert sich Dittmann. Bei der OP treten Komplikationen in der Sauerstoffsättigung des Babys auf, sodass Chris auf die Intensivstation verlegt werden muss. „Das Schlimmste in der Zeit war, dass ich ihn nicht so besuchen konnte, wie ich das wollte“, sagt die Mutter.

Am Heiligen Abend kommt dann die erlösende Nachricht: Chris wird auf die Normalstation verlegt, und es ist absehbar, wann er wieder nach Hause kommt. „Das war für uns ein absolutes Weihnachtswunder, deshalb haben wir Chris auch seinen Namen gegeben“, erklärt Birgit Dittmann mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „Chris wie Christ oder Christus.“ Mit drei Jahren hat Chris seine zweite große Operation am Herzen. Damals wird das Herz so „umgebaut“, dass die linke Herzseite die komplette Funktion des Organs übernehmen kann.

Weihnachtswunder. Chris Dittmann 2008. Privatfotos, Collage: Thorsten Richter Quelle: Thorsten Richter

Seither lebt Chris ganz wie ein normaler Junge und besucht zur Zeit die 6. Klasse der Bettina-von-Arnim-Schule. Auf die Frage, ob er sich noch an die Zeit im Krankenhaus erinnern kann, antwortet er schelmisch: „Ich kann mich nicht mal an gestern erinnern.“ Er lacht. „Aber heute ist das Gestern von morgen.“

Kurz herrscht Stille am Küchentisch, als würden alle seine Aussage innerlich überprüfen. Und er hat recht. „Ja, das erstaunt mich auch immer wieder“, sagt Mutter Birgit stolz, „Er hat schon manchmal philosophische oder schöpferische Gedanken.“ Chris erzählt, dass er in seiner Freizeit mit seinem Scooter-Roller unterwegs ist, und führt seine Tricks auf der Straße vor dem Haus vor. Außerdem spielt er gerne Basketball. „Ich mag Fußball auch, darf aber leider wegen der Krankheit nicht in einem Verein spielen“, erläutert er: „Ich komme dann so schnell aus der Puste.“ Man sehe das daran, dass er bei zu niedriger Sauerstoffsättigung leicht blau anläuft, erklärt die Mutter des 13-Jährigen. „Ich nenne ihn dann immer liebevoll meinen kleinen Schlumpf“, sagt sie und streicht ihrem Sohn über den Arm. „Ja, ich werde dann immer zu ‚Killer Frost‘, nur dass ich nicht weiblich bin“, sagt Chris und meint damit eine Figur aus der Superhelden-Serie „The Flash“. „Die hat ganz blaue Lippen und kann alles zu Eis erstarren lassen“, sagt Chris und streckt seine Hände nach vorne, als würde er den Kuchen in der Tischmitte einfrieren lassen wollen.

Birgit Dittmann schaut zu ihrem Sohn und lächelt ihn an. „Ja, das hat auch schon unser Kinderarzt gesagt, ich habe meinen Sohn zu einem echten Kämpfer erzogen“, betont sie: „Denn auch wenn Chris ein starker Junge ist, ist diese Geschichte noch lange nicht auserzählt.“

Sie haben auch ein besonders berührendes Weihnachtswunder erlebt? Dann erzählen Sie uns doch gerne Ihre Geschichte über unser Formular im Internet unter op-marburg.de/weihnachtswunder oder scannen Sie den nebenstehenden QR-Code mit Ihrem Endgerät.

Von Larissa Pitzen