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Marburg Das „Watergate“ von Marburg
Marburg Das „Watergate“ von Marburg
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08:00 11.03.2022
Nahezu 20 Millionen Liter Wasser sind am defekten Wasserband ins Erdreich versickert – Kosten: rund 35 000 Euro.
Nahezu 20 Millionen Liter Wasser sind am defekten Wasserband ins Erdreich versickert – Kosten: rund 35 000 Euro. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Am Anfang stand die Idee vom „Boulevard Ketzerbach“, als die Stadt Bäume und Parkplätze in der Mitte der Straße entfernte und dort dann das stählerne Wasserband installierte. Seither ist es ein begehrtes Fotomotiv: Touristen stellen sich an die Durchgänge und versuchen, die Türme der Elisabethkirche einzufangen – oder deren Spiegelung im Wasserlauf. Zur „Marburg b(u)y Night“ stehen dort Kugeln und Pyramiden und in den Sommermonaten verschönern die Händler der Ketzerbach den Wasserlauf beispielsweise mit schwimmenden Kugeln.

Nicht bei allen stößt das Band auf Gegenliebe. So sagte beispielsweise Alex Kallioras jüngst vor seinem Weggang aus der „Lokomotive“, dass er seit jeher mit der Installation gefremdelt habe: „Als das gebaut wurde, habe ich gesagt: Was soll der Unsinn? Sollen da Schafe draus trinken?“

Nun, Schafe können aus dem Wasserband schon länger nicht mehr trinken. Denn es ist defekt, wurde bereits im Frühsommer 2020 ab- und seither nicht mehr eingeschaltet. Auf Anfrage der OP teilt die Stadtverwaltung mit, dass der Fachdienst Hochbau das Band im Frühsommer 2020 außer Betrieb genommen habe, nachdem dort ein Wasserverlust festgestellt wurde.

Pressesprecherin Birgit Heimrich teilt auf Anfrage der OP mit, dass ein gewisser Wasserverlust beim normalen Betrieb des Wasserbands normal sei. Demnach gehen pro Saison – also von Frühjahr bis Spätherbst – durch Verdunstung rund 500 Kubikmeter Wasser, also 500 000 Liter, verloren. Doch erst bei der regulären Zählerablesung zum Ende der Saison 2019 habe man einen „enorm gestiegenen“ Wasserverbrauch festgestellt – in Höhe von 19 900 Kubikmetern, also fast 20 Millionen Litern Wasser, die unbemerkt ins Erdreich versickert seien. „Das entspricht rund 83 Kubikmetern Wasser pro Tag“, so Birgit Heimrich.

Zur Einordnung: Ein herkömmlicher Tanklaster fasst ungefähr 30 000 Liter Flüssigkeit. Würde man die am Wasserband ausgelaufenen 19,9 Millionen Liter Wasser in die Trucks abfüllen, bräuchte man dafür 663 Stück. Würden die alle hintereinanderfahren, wäre eine Strecke von der Ketzerbach bis nach Caldern oder von der B3-Abfahrt Marburg-Süd bis an den Kreisel Chausseehaus komplett dicht. Und: Jeden Tag ist der Inhalt von fast drei dieser Tanklaster versickert – ohne, dass es jemand bemerkt hat. Die Kosten für diese Wasserverschwendung beziffert die Stadt auf 35 000 Euro. Und für die Reparatur kommen noch einmal 16 500 Euro hinzu.

Suche nach Lecks

Die Suche nach den Lecks habe sich laut Heimrich „sehr umfangreich und aufwendig“ gestaltet. Zunächst seien die beschädigten Dichtungen zwischen den Betonfertigteilen erneuert worden. „Bei der Überprüfung danach wurde deutlich, dass es noch weitere Lecks geben muss. Diese wurden unter anderem mit Druckprüfungen aller Zuleitungen und Teilen der Rücklaufleitungen, Sichtprüfung am Wasserband selbst, Kamera-Befahrungen und dem Einsatz von Prüfgas ermittelt“, teilt die Pressesprecherin mit.

Das Ergebnis: Es wurden weitere Schäden an Leitungen im Übergang vom Brunnen zur Straße, Schäden an den Ablaufrinnen und an den Anschlüssen der Rinnenkörper an die PVC-Grundleitung sowie teilweise Hohlräume im Pflasterunterbau entdeckt. „Neben der Abdichtung von Leitungen und Rohren müssen deshalb die Ablaufrinnen ausgetauscht und an den Wasserfall angedichtet werden“, so Heimrich. Die beschädigten Ablaufrinnen seien allerdings Sonderanfertigungen, „die es nicht im Katalog marktüblicher Hersteller gibt, sondern die nach vorher angefertigten Detailzeichnungen bestellt werden müssen“. Daher die vergleichsweise hohen Reparaturkosten. Die Rinnen seien mittlerweile geliefert worden und „werden voraussichtlich im April eingebaut. Auch die defekten Ablaufleitungen werden dann repariert“, so Heimrich.

Und wie verträgt sich dieser immense Wasserverlust, der ja auch schon im Normalbetrieb mit 500 000 Litern je Saison immens hoch ist, damit, dass Marburg ja den Klimanotstand ausgerufen hat? „Der unkontrollierte Abfluss dieser großen Wassermenge ins Erdreich steht selbstverständlich im Widerspruch zum Klimaschutz und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Trinkwasser“, so Heimrich. „Das ist der Stadt deutlich bewusst.“ Deswegen steuere man auch nach. „Es werden, wo technisch möglich, zusätzliche Leckage-Überwachungen installiert. Außerdem werden die Wasserverbräuche durch ein monatliches Ablesen der Zähler deutlich engmaschiger kontrolliert.“

Von Andreas Schmidt

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