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Marburg Das Wasser wird knapper
Marburg Das Wasser wird knapper
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08:00 21.07.2022
Ein Kreisregner bewässert den Rasen. Wenn es sich dabei um gesammeltes Regenwasser handelt, ist das okay.
Ein Kreisregner bewässert den Rasen. Wenn es sich dabei um gesammeltes Regenwasser handelt, ist das okay. Quelle: Daniel Vogl
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Trotz des überdurchschnittlich feuchten Sommers im vergangenen Jahr haben sich die Grundwasserstände in Hessen nicht vollständig von den vorangegangenen Trockenperioden erholt. Das sollte im Hinterkopf gespeichert sein, denn das Trinkwasser in Hessen wird zum größten Teil aus dem vorhanden Grundwasser gewonnen. Deshalb ist ein bewusster und vorsichtiger Umgang mit dem Hauptlebensmittel Wasser durchaus schon das Gebot der Stunde.

Der Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke bittet über einen öffentlichen Aufruf darum, „vermeidbare Verbräuche von Trinkwasser aus dem Versorgungsnetz vorerst auszusetzen“. Verbunden ist dieser Aufruf auch mit einer Warnung: Wenn alle einfach so wie bisher weitermachen, entstehen Spitzenverbräuche, die nicht wie sonst auf längere Zeit abzudecken sind.

Aber nicht nur beim Trinkwasser ist verantwortungsvolles Handeln angesagt. Auch oberirdisch fließendes Wasser steht im Fokus. Da kommt dann die Obere Wasserbehörde beim Regierungspräsidium Gießen ins Spiel. Sie hat die Situation der heimischen oberirdischen Gewässer im Blick. „Zwei der fünf mittelhessischen Landkreise haben bereits per Allgemeinverfügung verboten, Wasser aus der Lahn und ihren Nebengewässern, aus Bächen sowie aus Seen und allen anderen oberirdischen Gewässern zu entnehmen“, sagt Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Damit meint er den Vogelsbergkreis und der Landkreis Gießen. Und wie ist die Situation hier bei uns? Eine Allgemeinverfügung ist in Vorbereitung, heißt es aus dem Kreishaus.

Tipps zum Wassersparen

Der schonende Umgang mit der Ressource Wasser hat längst auch die Kommunen erreicht. Ein großer Teil des Trinkwasserverbrauchs der Marburger Stadtverwaltung wird in den städtischen Liegenschaften mit dem Schwerpunkt Schule verbraucht. Hier wie in allen städtischen Gebäuden setzt die Stadt bei Investitionen seit Jahren auf technische Lösungen, um den Verbrauch von Trinkwasser zu reduzieren. So werden bei Sanierungen und Neubauten nur noch Armaturen mit automatischem Verschluss installiert. Das heißt, die Wasserhähne schalten sich nach der Benutzung selbstständig ab.

Für die notwendige Bewässerung der Bäume im Stadtgebiet in den Sommermonaten prüft die Verwaltung schon seit geraumer Zeit alternative Wasserquellen, um Trinkwasser zu sparen. Aktuell hat das Regierungspräsidium Gießen dem Antrag der Stadt auf Nutzung eines Notversorgungsbrunnens am Erwin-Piscator-Haus stattgegeben und die wasserrechtliche Genehmigung dafür erteilt. Nun kann die Stadt den Brunnen technisch so ausstatten, dass das Wasser zur Baumbewässerung entnommen werden kann. Weitere Brunnenstandorte sind in der Prüfung. Auch wurden bislang 23 Regenwassernutzungsanlagen installiert – in Sporthallen, auf dem Hauptfriedhof und auf drei Rasenplätzen.

Wie kann jeder zu Hause Trinkwasser sparen? Über das ganze Jahr mit einer Toilettenanlage, deren Spülsystem mit Regenwasser funktioniert. Regenwasser vom Dach ist kostenlose Ware, die aufgefangen in Regentonnen oder auch Zisternen auf dem Grundstück die Gartenbewässerung zum Nulltarif sichert. Nicht faul sein:
Beim Händewaschen und Einseifen unter der Dusche zwischendurch den Wasserhahn schließen. Duschwasser bis zum Einseifen mit einem Eimer auffangen. Das so gesicherte Wasser kann für Pflanzen im Haus oder auf dem Balkon genutzt werden. Dusch-Zeiten können reduziert werden. Wasser zum Kochen, etwa von Eiern, abkühlen lassen und zweitverwerten.

Man kann auch Wasser sparen helfen, indem man regionale Produkte einkauft, bei Papier, Haushalts- und Taschentüchern vermehrt auf Recyclingpapier setzt. Und wer Kleidung länger trägt beziehungsweise Secondhand kauft, sorgt auch für weniger Herstellung neuer Kleidung und hilft so, Wasser zu sparen.

Stefan Dietrich und Götz Schaub

 „Obwohl es in den vergangenen Wochen ab und zu geregnet hat, reichen die Niederschläge in Mittelhessen nicht aus, um den sinkenden Wasserständen unserer heimischen Gewässer entgegenzuwirken“, sagt Gabriele Schramm, Leiterin des Dezernats „Oberirdische Gewässer, Hochwasserschutz“.

Der Sauerstoffgehalt im Wasser schwankt stark, der pH-Wert steigt an. „Und Letzterer ist im Fall der Lahn zeitweise mit Werten um 9 ziemlich hoch“, ergänzt Andrea Krapp vom Dezernat „Kommunales Abwasser, Gewässergüte“. Das hat Folgen. „Der hohe pH-Wert greift zum Beispiel die Kiemen der Fische an und die Konzentration an fischgiftigem Ammoniak kann ansteigen. Zudem wird zeitweise wenig Sauerstoff im Wasser gelöst“, führt Krapp aus. Das bedeutet Dauerstress, auch für die Fortpflanzung. Im schlimmsten Fall können die Tiere sterben.

Verschwendung wertvoller Ressource

„Wir verbrauchen zu viel Wasser und holen es uns aus dem Naturraum, dabei gibt es seit 2003 kein meteorologisches Nassjahr mehr“, sagt Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“. Sie warnt vor einer anhaltenden Verschwendung von Trinkwasser und drängt auf einen sensibleren Umgang mit der wertvollen Ressource: „Wir spülen unsere Toiletten mit Trinkwasser, dabei bräuchte jedes Gebäude heute eigentlich eine Brauchwasseranlage – wir müssen viel langfristiger in die Zukunft schauen“, sagt sie. Auch fehlten zunehmend Retentionsräume in der Natur, um das Niederschlagswasser zu „entschleunigen, die Drainagen müssen wieder raus aus den Wiesen, damit das Wasser auch mal stehen kann“. Hier sei das Ziel, den Fluss zu verlangsamen, so dass Wasser versickern kann, statt fortgespült zu werden.
Archinal kämpft seit Jahren für den Schutz des Burgwaldes und gegen die hohe Entnahmemenge von Wasser aus der Region für die Stadt Frankfurt. Für sie sei „Grundwasserschutz auch Quellenschutz – der Burgwald ächzt und er brennt sogar, wie man sieht“. Falle aber die wertvolle Moorlandschaft im Wald der Trockenheit zum Opfer, verschwinde auch ein maßgeblicher CO2-Speicher. „Das Grundwasser muss im Boden bleiben, wir brauchen es dort, statt es zu verschwenden. Wir können nicht von heute auf morgen umstellen, aber wir müssen umdenken und sparen.“

Von Ina Tannert

 „Durch die derzeit hohen Temperaturen und die lange Sonnenscheindauer ist auch die Verdunstungsrate unserer Gewässer viel zu hoch, sodass dann nur noch ein Verbot der Wasserentnahme hilft, den Wasserspiegel etwas zu stabilisieren“, sagt Gabriele Schramm.

Und noch ein Wort zum Garten. Vielerorts gibt es nur noch wenige grüne Flecken zu sehen, es dominieren trockene, braune Flächen.

Thomas Norgall, Naturschutzreferent beim hessischen Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) rät dennoch zur Gelassenheit: „Wässern Sie Ihren Rasen nicht mit wertvollem Trinkwasser, sondern ertragen Sie seine ‚Sommerbräune‘.“ In der Regel zeigt sich Rasen robust und erholt sich wieder.

Wer hingegen noch aufgefangenes Regenwasser von den eigenen Dachflächen in Regentonnen oder in einer Zisterne übrig hat, kann damit natürlich seinen Pflanzen oder auch dem Rasen helfen. Und ein guter Schluck Wasser von einem flachen Teller tut allen Insekten gut.

Von Götz Schaub

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