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Marburg "Q" mit Gratiskultur in der Fixkostenfalle
Marburg "Q" mit Gratiskultur in der Fixkostenfalle
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00:16 27.03.2019
Livemusik in Wohnzimmeratmosphäre: Momentaufnahme eines Konzerts im „Q“.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Jörg Schlimmermann, Betreiber des „Q“ am Marburger Pilgrimstein, macht vieles anders als seine Branchenkollegen. Und weil das so ist, hat er Probleme. Dreimal pro Woche gibt es Livemusik, die Künstler spielen bei freiem Eintritt ohne feste Gage, bekommen also nur das, was in Schlimmermanns herumgereichtem Hut landet.

„Ich brauche monatlich einen hohen vierstelligen Betrag, um die Fixkosten einzuspielen“, sagt der Q-Chef, der das Projekt im ehemaligen Kesselhaus der Marburger Brauerei und den danebengelegenen früheren Geschäftsräumen der Marburger Tourismus-Information vor acht Jahren entwickelte und vor fünf Jahren begann, mit einem Wirtschaftsplaner „Nägel mit Köpfen“ zu machen. 

Hauptzweck sei „immer nur Kultur“ gewesen, der Plan, den Club mit einer gut funktionierenden Gastronomie querzufinanzieren, ging nicht auf. Für Schlimmermann war das „Q“ eine Erweiterung für die von ihm seit Jahren betriebene „Alte Mensa“. Dort gibt es seit Jahr und Tag rund 300 Mitglieder, die dafür zahlen, dass sie in den Räumlichkeiten an Gruppenangeboten teilnehmen können.

Angeboten werden Tanz, ein Chor, Yoga, Breakdance sowie Akrobatik, und es gibt sogar einen Kinder- und Jugendzirkus. Klingt alles sehr gemeinnützig, doch Alte Mensa wie das „Q“ sind privatwirtschaftliche Projekte – mit finanziellen Risiken und ohne öffentliche Förderung: „Ich wollte mich davon nie abhängig machen“, sagt Schlimmermann.

Die Freimaurer, die Stadt und die Bürgschaft

Gemeinnützig ist indes der Verein „SubQultur“, der als Träger für die kulturellen Angebote im „Q“ fungiert. Dort ist von anfangs sechs Angestellten inzwischen nur noch einer geblieben, den Rest der Arbeit schultern Ehrenamtliche. Schlimmermann setzt auf diese Art von Unterstützung, ebenso wie er auf Förderer baut, die den Club mit regelmäßigen Geldbeiträgen unterstützen.

Im Juni 2018 hatte Schlimmermann das um das Kesselhaus und den früheren Bopp-Eiskeller erweiterte „Q“ eröffnet: „Die Bauphase hat viel zu lange gedauert“, sagt er mit einem Quäntchen Selbstkritik zurückblickend und verweist auf Mängel bei der Bauaufsicht: „Das habe ich zu lange ignoriert.“

Umsatzeinbrüche habe es auch wegen des „Mega-Sommers“ gegeben: „Da kam niemand mehr rein.“ Außerdem gebe es auf dem Platz vor dem Oberstadtaufzug ein Problem mit Freiplätzen, dafür sollten auf der Seite des „Q“ Fahrradständer abgebaut werden. Das sei ihm vor zehn Jahren fest zugesagt worden, sagt Schlimmermann. 

Ebenso sei ihm vonseiten der Stadt signalisiert worden, dass eine Bürgschaft über 395.000 Euro, die das Stadtparlament im Juni 2009 den vorherigen Nutzern des Gebäudes – der Marburger Freimaurerloge – zugesagt hatte, gegebenenfalls auch ihm zugute kommen könne.

Erteilt wurde allerdings die Bürgschaft nie, wie Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt Marburg auf OP-Nachfrage erklärte und ergänzte: „Die oben genannte Bürgschaft würde heute auf Grundlage eines zehn Jahre alten Beschlusses nicht erteilt werden können, da inzwischen auch deutlich strengere Bedingungen an eine solche Bürgschaft geknüpft sind als zum Zeitpunkt des Beschlusses durch die Stadtverordnetenversammlung.“

250 Konzerte von Country und Folk über Jazz bis Rock

Ebenso, sagt Schlimmermann, habe die Stadt ihn damals von Ablösesummen für Stellplätze freistellen wollen (3 Plätze à 8.000 Euro). Auch das sei nicht eingetreten, er musste die drei Stellplätze ablösen. Freifläche, Bürgschaft, Stellplätze – drei Kostenfaktoren, die man durchaus als Sargnägel bezeichnen könnte.

Dabei lebt der Laden: Seit 2017 hat es im „Q“ annähernd 250 Konzerte gegeben, seit April vergangenen Jahres dreimal wöchentlich. „Im Schnitt sind 50 Besucher bei den Konzerten, bei den Wochenendterminen eher um die 100.“

Die Künstler kommen zu einem Drittel aus dem Ausland und machen während ihrer Tourneen Abstecher nach Marburg, ein weiteres Drittel sind regionale und lokale Acts, der Rest sind Bands und Solokünstler aus ganz Deutschland. Stilistisch bietet die Bühne so ziemlich alles zwischen Country, Folk, Jazz und Rock.

Schlimmermann ist gelernter Restaurantkaufmann („aber ich wollte nie ein Restaurant führen“), außerdem hat er eine Ausbildung als Therapeut und Pädagoge. Vor dem Hintergrund der finanziellen Schieflage erst einmal alles zu stoppen, entspräche nicht Schlimmermanns Naturell: „Ich habe zum Beispiel das Projekt ,Wissen verschenken‘ in der Schublade und will die vorhandene Küche für einen Back- und Kochclub nutzen, wo Profis Interessierten Backen und Kochen näherbringen.“

Außerdem warten drei bisher noch ungenutzte Räume am Pilgrimstein auf ihren Ausbau für weitere Veranstaltungsformate. Schlimmermanns genereller Ansatz: „Ich verführe Menschen zu Engagement, will aber nicht missionieren.“

Grüne wollen Fördertopf für die lokale Clubszene

Der Trägerverein „SubQultur“ hat mittlerweile 50 Mitglieder, und es gibt 15 Ehrenamtliche. Nicht schlecht, doch Schlimmermanns ernüchternde Gleichung lautet: „Ich bräuchte 450 Mitglieder, um die Hälfte meiner Fixkosten einzuspielen“. Klingt nicht eben ermutigend für den „Q“-Betreiber, der bereits für Monate im Voraus Buchungen und Bewerbungen von Bands hat.

Im Klartext: Jörg Schlimmermanns Konzept einer „beitragsbasierten Finanzierung über viele kleine Beiträge vieler dem ,Q‘ Wohlgesonnener“ ist ein – wohlwollend formuliert – äußerst ambitioniertes Unterfangen.

Wie Dietmar Göttling von den Marburger Grünen erklärte, hat seine Fraktion einen Antrag an die Stadtverordnetenversammlung formuliert, der dafür sorgen soll, dass kulturelle Start-ups wie das „Q“ öffentlich gefördert würden.

Wörtlich heißt es in dem Antrag, der der OP vorliegt, unter anderem: „Der Magistrat wird beauftragt, im Rahmen der Wirtschaftsförderung Beratungsangebote für die Initiator*innen popkultureller Angebote in Nachtclubs zu schaffen. Die Stadt unterstützt die Gründer*innen bei der Suche und durch Vermittlung von Fördermitteln, Gründungsdarlehen oder Bürgschaften.“

Zur Begründung ihres Antrags sagen die Grünen Madelaine Stahl und Christian Schmidt: „Gerade die experimentelle Clubszene, die meist nicht von Beginn an rentabel ist, kann durch einen entsprechenden Fördertopf in ihrer Arbeit unterstützt werden.“ Über eine Mittelvergabe soll nach dem Willen der Grünen eine Jury entscheiden – bestehend aus „Vertreter*innen der Marburger Kunst- und Musikszene, der Marburger Schulen, des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA)­ sowie des städtischen Fachdiensts Kultur“.

von Carsten Beckmann