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Marburg Umsteiger machen Probe aufs Exempel
Marburg Umsteiger machen Probe aufs Exempel
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00:18 30.04.2019
Stefanie Mai (von links), Johannes M. Becker, Silvia Brambring und Ann-Marie Weber haben die ­Aktion „Einstieg in den Umstieg“ initiiert. Quelle: Carsten Beckmann
Marburg

Vier „bekennende Autofahrer“ starten am kommenden Wochenende einen auf zwei Monate angelegten Selbstversuch: Silvia Brambring, Ann-Marie Weber, Stefanie Mai und Johannes M. Becker wollen zwei Monate lang versuchen, mobil zu bleiben, ohne den Zündschlüssel herumdrehen zu müssen.

Die vier Initiatoren des Projekts „Einstieg in den Umstieg“ lernten sich im November vergangenen Jahres während eines Workshops im Verlauf der dritten Regionalkonferenz „Nachhaltig handeln“ auf Hof Fleckenbühl kennen und hatten dort erste Pläne für ihr öffentliches „Autofasten“ geschmiedet.

Die Aktion ist eine Selbstaufforderung, weniger Auto zu fahren – und dabei wollen wir möglichst viele Menschen mitnehmen“, sagt die Cappelerin Silvia Brambring. Stehe das Auto vor der Tür, sei die Versuchung groß, es auch zu benutzen, sagt Brambring, die schon seit einigen Wochen versucht, verstärkt auf Alternativen wie Leihräder oder Busse umzusteigen.

"Viele strukturelle Hindernisse"

Da sie das aktive Berufsleben hinter sich hat, ist der Alltag ohne Auto für sie vergleichsweise unkompliziert zu meistern. Da hat Ann-Marie Weber schon andere Klippen zu überwinden, wenn sie zwischen dem Fronhäuser Ortsteil Holzhausen und Marburg pendeln will: „Es gibt viele strukturelle Hindernisse. Mit drei Kindern – einem davon im Kinderwagen – geht zum Beispiel der Südbahnhof gar nicht.“

In den Mobilitätsworkshop sei sie im vergangenen Herbst in Fleckenbühl eher „reingestolpert“, erinnert sich Weber: „Das war eigentlich gar nicht mein Thema, aber mir wurde schnell klar, dass die Mobilität ein Bereich ist, in dem wir alle viel mehr machen können, auch wenn es uns überall erschwert wird.“ Die Aktion „Einstieg in den Umstieg“ sieht sie als eine Art Selbsthilfegruppe: „Da kann sich jeder ein bisschen an die eigene Nase fassen und sich Ziele setzen, ohne andere zu verurteilen.“

Stefanie Mai wohnt mit ihrer Familie in Kleinseelheim. Auch sie berichtet, dass von dort aus das Pendeln nach Marburg hinein ohne Auto nicht eben einfach zu organisieren ist – insbesondere in den Abendstunden, was ihre Kinder regelmäßig zu spüren bekommen, wenn sie versuchen, etwa mit einem Anrufsammeltaxi nach Hause zu kommen.

Politische Handlungsfähigkeit fehlt

Obwohl Johannes M. Becker mitten im Marburger Südviertel lebt und nicht Tag für Tag eine komplette Familie von A nach B zu kutschieren hat, weiß auch der Friedens- und Konfliktforscher, wie schwer es sein kann, „den eigenen Schweinehund“ zu überwinden.

Und während er in seinem privaten Umfeld feststellt, dass Klimaschutz und Mobilität durchaus Themen sind, über die viel gesprochen wird, vermisst Becker politische Handlungsfähigkeit: „Was die Politik und die Autoindustrie sich leisten, ist ein harter Schlag ins Gesicht der Menschen.“ Umso wichtiger sei es, an der Basis etwas zu tun.

Eine möglichst große Basis wünschen sich die vier Umsteiger für ihre Aktion und darum wird „Einstieg in den Umstieg“ von einer ganzen Reihe öffentlicher Veranstaltungen flankiert. Den Auftakt macht eine Infoveranstaltung am kommenden Sonntag, 28. April. Ab 16 Uhr wollen Brambring, Weber, Mai und Becker den Besucherinnen und Besuchern der Heilpraktikerschule Wegwarte im Marburger Schwanhof das Konzept ihrer Aktion näherbringen.

"Das größte Problem ist der Wille"

An dem Tag geht es insbesondere auch darum, Mitstreiter fürs „Autofasten“ zu gewinnen: „Das größte Problem ist der Wille umzusteigen, und vielleicht geht das in einer größeren Gruppe besser“ hofft Silvia Brambring. Am 5. Mai schwingen sich die Umsteiger in den Sattel und probieren aus, wie eigentlich das Leihmodell von „Nextbike“ funktioniert.

Ein Ausflug mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Endbach mit Schwimmbad- und Klimapfadbesuch sowie einem gemeinsamen Essen ist für den 19. Mai geplant, danach bietet die Gruppe offene Treffen, Konzerte, Feiern und vieles mehr an.

Unter der Internetadresse www.einstieg-in-den-umstieg.de finden sich sämtliche Details zu den Veranstaltungen. Zusätzlich können sich Interessierte über die Homepage für die Teilnahme an der Aktion anmelden und mit den Organisatoren austauschen.

Ziel: Möglichst viele Erfahrungswerte sammeln

Ganz wichtig sind für Brambring, Weber, Mai und Becker allerdings die offenen Treffen, um sich über die Erfahrungen mit dem Verzicht aufs Auto auszutauschen. Ziel ist, möglichst viele Erfahrungswerte sammeln, um zu sehen, wo es in Sachen Mobilität und Klimaschutz Defizite gibt in Marburg-Biedenkopf und wo es Alternativen zum motorisierten Individualverkehr geben könnte.

Eines ist dabei für die Umsteiger ganz wichtig: Es soll keine Frontenbildungen geben zwischen Autonutzern und Autoverweigerern: Jeder kann da mitmachen, egal ob er ein Auto vor der Tür stehen hat oder nicht. „Ich weiß ja, wie es ist, wenn ich mal ganz spontan am Frauenberg spazieren gehen will“, sagt Silvia Brambring: „Dann setze ich mich ins Auto und fahre da hoch.“

Doch sie sei mittlerweile auch vermehrt auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen, um ihre Ausflugsziele zu erreichen – und hat dabei spannende Erkenntnisse gewonnen: „Es ist zum Beispiel viel kommunikativer, mit dem Bus zu fahren als allein in der Blechkiste zu hocken.“ Zudem habe sie gemerkt, dass jeder Einzelne in Sachen Klimaschutz handlungsfähig und nicht ohnmächtig der Politik ausgeliefert ist.

von Carsten Beckmann