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Marburg Das Positive aus der Pandemie herausholen
Marburg Das Positive aus der Pandemie herausholen
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07:58 03.02.2021
Rebekka Jost, Ehe-, Familien-und Lebensberaterin, nutzt vermehrt Telefon- und Videokonferenzen für ihre Beratungen.
Rebekka Jost, Ehe-, Familien-und Lebensberaterin, nutzt vermehrt Telefon- und Videokonferenzen für ihre Beratungen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Die Corona-Pandemie hat „massive seelische Reaktionen“ bei den Menschen hervorgerufen. Das haben Rebekka Jost und ihre Kolleginnen und Kollegen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) der Diözese Fulda in den vergangenen Monaten deutlich gespürt. Vor allem das Grundgefühl von Ohnmacht und Zukunftsunsicherheit sei verbreitet. Kurzarbeit, Jobunsicherheit und finanzielle Engpässe führten zu einer Instabilität der beruflichen und finanziellen Lage. Damit einhergehende Ängste müssten ernst genommen werden, so die Lebensberater der Diözese, die seit gut 30 Jahren neben Fulda, Kassel und Hanau auch in Marburg aktiv sind.

„Doch in der Unsicherheit steckt auch die ein oder andere Chance“, weiß Rebekka Jost. Die 33-Jährige ist eine von zwei EFL-Beraterinnen in der Beratungsstelle in der Deutschhausstraße in Marburg. Ihren Beobachtungen zufolge bringe die Pandemie auch kreative Ideen zum Vorschein. „Die Menschen haben plötzlich Zeit und sind fokussierter auf sich und ihr Umfeld“, weiß Jost. Längst überfällige Veränderungen würden nun angegangen.

Trotz viel Zeit füreinander: Autonomie nicht verlieren

Im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen habe die Gesamtsituation zu einem starken Rückzug auf den engsten Kreis, zumeist die Familie oder Paarbeziehung, geführt. Dies habe sehr unterschiedliche Folgen: Bei manchen wirke sich das Abschneiden vieler Außenkontakte zunächst sogar positiv aus. Man verbringe viel mehr Zeit als bisher miteinander und fühle sich dadurch in gewisser Weise sicher. „Denn zu einem gesunden Leben und zu stabilen Beziehungen gehört das Gefühl und Erleben von Zusammengehörigkeit dazu, zugleich jedoch auch Eigenständigkeit“, weiß Jost und verweist auf einen zentralen Punkt, der auch auf einer Tafel in ihrem Büro steht: Autonomie. Es sei gerade in Zeiten von Homeoffice und geschlossenen Schulen wichtig, die eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen.

In Familien mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen führe gerade dies zu Konflikten. „Zur Entwicklungsphase dazugehörige Wünsche nach Abgrenzung und Abnabelung von den Eltern kommen derzeit massiv zu kurz“, so die Beraterinnen. Doch auch bei den Eltern oder zusammenlebenden Paaren fehle es oft an „Zeit für sich alleine“ oder Freiraum für Eigenes. Wieder bei anderen führten die daraus folgenden unerledigten Konflikte zu einer Vereinsamung „trotz“ einem Leben in Gemeinschaft. In manchen Beziehungen komme es deshalb auch zu gewaltvollen Auseinandersetzungen.

Singles leiden besonders unter der Einsamkeit

„Auf der anderen Seite brauchen Menschen aber auch die Nähe und den Kontakt zu anderen Menschen“, betont Jost und verweist darauf, wie sehr gerade Singles und allein lebende Menschen auffällig stärker unter Einsamkeits- und Isolationsgefühlen leiden als vor der Pandemie. „Ich bin ja immer gut alleine zurechtgekommen, aber jetzt fühle ich mich so richtig abgeschnitten und bin ängstlicher – so kenne ich mich gar nicht!“ – so habe es eine Frau in einem Beratungsgespräch beschrieben, die schon seit vielen Jahren alleine lebe.

„Wir erleben eine große Kluft zwischen den Wünschen der Ratsuchenden in unterschiedlichen Lebensrealitäten: Die Sehnsucht der einen wird von den anderen gewissermaßen im Überfluss erlitten“, so die EFL-Beraterinnen.

Im Frühjahr Aufgeregtheit, heute dominiert Unsicherheit

Die Monotonie des Alltags und der Mangel an Kontakten werfen nun vermehrt persönliche Sinnfragen auf. Dies führe auch dazu, dass Menschen, die eigentlich schon lange nichts mehr mit Kirche zu tun hatten, jetzt das Angebot der psychosozialen Beratungsarbeit der Diözese sehr wertschätzten. Insgesamt sei eine Veränderung der Gesamt-Stimmungslage zu beobachten: Während im Frühjahr 2020 noch Ängstlichkeit und Aufgeregtheit dominierten, stehen jetzt Gefühle wie Ohnmacht und Schutzlosigkeit, Ärger und depressive Verstimmung bei vielen Menschen im Zentrum.

Damit decken sich die Beobachtungen der EFL-Beratungsstellen mit einer Allensbacher Studie. Das Institut für Demoskopie (IfD) hatte zwischen Oktober und November 2020 insgesamt 1 047 Interviews mit Personen aus einem repräsentativen Querschnitt der 30- bis 59-jährigen Bevölkerung geführt und herausgefunden, dass Unsicherheit die schlimmste Corona-Folge ist.

Jeder Zweite fühle sich heute schlechter als vor der Krise. Corona wirke zudem wie ein Spaltpilz – die große Mehrheit sieht mehr Aggressionen und Egoismus als wachsende Solidarität, heißt es in der Studie, die konstatiert, dass der „Zukunftsoptimismus der vergangenen Jahre erdrutschartig weggebrochen“ sei.

Aushalten zu müssen, ist seelische Herausforderung

Auch die EFL-Beraterinnen stellen fest, dass die Pandemie die individuellen Krisen-Fähigkeiten auf eine harte Probe stelle. Denn im Gegensatz zum bisherigen Leben bestehe jetzt eine zentrale Aufgabe im „Aushalten“, im Abwartenmüssen, im Nichts-tun-Können – und dies sei seelisch eine Herausforderung. Die Zeit der Coronapandemie könne gewissermaßen als eine Probe der grundlegenden eigenen Widerstandsfähigkeiten – der Resilienz – jedes einzelnen Menschen betrachtet werden.

Eine Situation nicht kontrollieren können, nicht wissen, wie es weitergeht – dies sei für manche Menschen extrem schwer zu ertragen. Dadurch entstünden große innere Spannungen, die sich in aggressiven, zugespitzten und grob vereinfachenden Meinungen ‚entladen‘ oder auch zu Gewalt in engen Beziehungen führen oder beitragen, so die Expertinnen.

Die Stärkung der eigenen Resilienz, die Unterstützung zwischenmenschlicher Beziehungen und einer gesunden seelischen Stabilität seien deshalb in der laufenden Arbeit der EFL-Beratungsstellen wichtige Grundaufgaben – nicht nur in diesen besonderen Krisenzeiten.

Mit Fragen besser durch die Krise

Neben dem anderen Menschen wirklich zuhören seien es vor allem Fragen, die einem durch den Corona-Frust helfen könnten, sagt Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Rebekka Jost. Sie hat deshalb ein paar Fragen zusammengestellt, die zu neuen Sichtweisen anregen und vielleicht die ein oder andere (negative) Gedankenschleife unterbrechen können:

  • Was trägt mich durch diese Zeit?
  • Wovon träume ich, wenn ich an die Zeit nach der Pandemie denke?
  • Gibt es etwas aus der aktuellen Zeit, das ich gerne mitnehmen möchte?
  • Wer oder was ist mir wichtig im Leben?
  • Was habe ich seit dem Ausbruch der Corona- Pandemie dazugelernt?
  • Über mich, über andere?
  • Welche neuen Fähigkeiten konnte ich entdecken?
  • Welche Kompetenzen habe ich wiederentdeckt?
  • Wie kann ich andere unterstützen oder mich solidarisch zeigen?
  • Was wollte ich schon immer mal tun, hatte aber bisher nicht die Zeit dafür?
  • Was braucht mein Körper?
  • Was meine Seele?
  • Wenn ich das gerade nicht bekommen oder tun kann: Was genau ist es, wonach ich mich sehne?
  • Welche Möglichkeiten kann ich noch ausschöpfen, um diese Sehnsucht zu erfüllen?
  • Wie bin ich in früheren Situationen mit Mangel umgegangen?
  • Wie schaffen das andere?
  • Kann mir davon etwas in der aktuellen Situation nützlich sein?
  • Welche Chancen stecken in der aktuellen Krise?
  • Für mich?
  • Für Menschen, die mir wichtig sind?
  • Für alle?
  • Wofür bin ich dankbar?
  • Was hat mir in der Vergangenheit durch Krisen geholfen?

Von Nadine Weigel

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