Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Protestnote an Land und Uni in Sachen Schloss
Marburg Protestnote an Land und Uni in Sachen Schloss
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 24.04.2022
Es thront hoch über der Stadt, aber einigen Marburgern reicht das nicht. Sie bemängeln Defizite am Schloss.
Es thront hoch über der Stadt, aber einigen Marburgern reicht das nicht. Sie bemängeln Defizite am Schloss. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Das Schloss: bedeutende mittelalterliche Höhenburg, meistfotografiertes Marburger Motiv mit Ausblick weit ins Lahntal und Wiege der Landgrafschaft Hessen und nicht zuletzt genutzt als Museum sowie Theater- und Musik-Location in einem der größten und schönsten Profan-Säle der deutschen Gotik. So begeistert wird das hoch über Marburg thronende Landgrafenschloss in einem Offenen Brief einer Gruppe von prominenten Marburgern um Ex-Kulturamtsleiter Richard Laufner und Kaufhaus-Chef Peter Ahrens angepriesen, dass man sich an einen touristischen Werbeprospekt erinnert fühlt. Es könnte also alles so schön sein, doch das große „Aber“ folgt schon im zweiten Absatz des Briefes.

Dort werden unter der Überschrift „Ein Marburger Höhepunkt am Tiefpunkt“ einige Defizite in der Schlossnutzung aufgezählt. Dazu zählen die Verfasser das sanierungsbedürftige Dach, das Fehlen eines repräsentativen Eingangs und die Schließung des Kleinen Rittersaals. Auch die „Baustelle“ an der Rentkammer unter dem Renaissance-Giebel sowie das Problem, dass der eindrucksvolle Gewölbekeller mit dem fast 100 Meter tiefen Brunnen kaum zugänglich ist, werden als negativ vermerkt.

Und zu guter Letzt wird daran erinnert, dass das Kulturhistorische Museum im Wilhelmsbau des Schlosses bereits Ende vergangenen Jahres aus Brandschutzgründen geschlossen wurde. Dass das kulturhistorische Museum im Schloss also ausgerechnet im Jubiläumsjahr „Marburg 800“ nicht zugänglich ist, bildete den Ausgangspunkt, dass sich jetzt auf Initiative von Richard Laufner eine Reihe von Marburgern zusammengeschlossen haben, die auch den Offenen Brief unterzeichnet haben. Sie fordern, dass das Jubiläumsjahr 2022 der Stadt Marburg zum Ausgangspunkt für eine Entwicklung des Schlosses zum attraktiven Geschichts- und Erinnerungsort werden müsse.

So reagieren Dorn und Nauss auf den Offenen Brief

Auf Anfrage der OP nahmen am Freitag (22. April) die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) und der Marburger Uni-Präsident Professor Thomas Nauss schriftlich kurz Stellung zu dem Offenen Brief, der beiden vorlag.

Die Bedeutung des Marburger Landgrafenschlosses sei unbestritten, betonte die Ministerin. Deshalb sei die Schließung des Wilhelmsbaus sehr bedauerlich. Allerdings gebe die Universität Marburg in der Ausübung ihrer Betreiberverantwortung zu Recht der Sicherheit der Nutzer und Besucherinnen und Besucher Vorrang, erläuterte Dorn wie bereits in ihrem Statement zum Jahreswechsel.

Derzeit unterhalte die Universität Marburg die Schlossanlage, obwohl sie diese für ihre unmittelbaren universitären Anforderungen nicht nutzen könne. Das sei jedoch eine nicht nur finanzielle Herausforderung, die es so in der hessischen Hochschullandschaft nicht noch einmal gebe. Diese Aufgabe im Hochschulpakt sei als Anerkennung zu verstehen.

Zu einem möglichen Trägerwechsel nahm Dorn keine Stellung. Sie schrieb aber: Wir arbeiten daran, der Universität im Rahmen des anstehenden Doppelhaushalts 2023/24 für die anstehenden Schieferdachsanierungen als erste prioritäre Sanierungsmaßnahme am Landgrafenschloss zusätzliche Mittel bereitzustellen.

Uni-Präsident Nauss betonte in seiner Stellungnahme, dass die Universität das Landgrafenschloss zwar unterhalte, ihr Auftrag als Universität aber in Forschung und Lehre liege. „Deshalb lässt sich das Schloss nicht losgelöst von einem Gesamtkonzept für die Museen und Sammlungen der Universität verstehen.“ Sämtliche Museen und Sammlungen der Universität stehen vor großen Herausforderungen, sagt Nauss. Während das Kunstmuseum in der Biegenstraße ein hochkarätiger Ausstellungsort sei, seien andere Museen oder Sammlungen aktuell teilweise oder komplett geschlossen. Die Finanzierung universitärer Museen, Sammlungen und der beiden botanischen Gärten mit Hilfe des Sondertatbestands decke die laufenden Kosten, aber nur etwa zur Hälfte, der Rest kommt aus den sonstigen universitären Mitteln.

Nauss zeigte sich „für Ideen aus der Stadtgesellschaft immer offen“, ohne ins Detail zu gehen. Die Einstellung eines Konservators für wissenschaftliche Sammlungen sowie die Besetzung der Stellen mehrerer Restauratorinnen seien aus seiner Sicht jedenfalls ein Beleg dafür, dass die Hochschulleitung die Sammlungslandschaft der Universität neu denken wolle.

Im Restaurant des Kaufhauses Ahrens im obersten Stockwerk bieten die großen Fenster einen besonders schönen Schlossblick. Und so fand auch die Pressekonferenz, bei der das Papier vorgestellt wurde, dort statt. Neben Ahrens und Laufner zählen unter anderem die beiden ehemaligen Marburger Baudirektoren Elmar Brohl und Jürgen Rausch zu den Unterzeichnern. Dabei sind auch Menschen aus der Kulturwirtschaft wie Kinobetreiberin Marion Closmann sowie Gästeführer wie Ulrich Andersch, Historiker wie Dr. Jutta Schuchard oder Ulrich Klein und prominente ehemalige Universitäts-Angehörige wie die beiden Medizin-Professoren Bernhard Maisch und Bernhard Moosdorf.

Sie alle eint die Sorge, dass das Marburger Schloss weiter in einer Art Dornröschenschlaf verbleibt, während alte Kulturdenkmäler beispielsweise in den großen Städten Kassel, Gießen, Fulda vom Land Hessen deutlich besser ausgestattet werden. „Es kann nicht sein, dass die Landesregierung den Ursprung der Landesgeschichte so links liegen lässt“, kritisiert der ehemalige Marburger Baudirektor und aktuelle Gewobauchef Jürgen Rausch.

„Das Land Hessen sollte sich stärker für die Entwicklung des Landgrafenschlosses engagieren“, fordern die Marburger Schlossfreunde. Spätestens bis zum Jahr 2027 zum 500-jährigen Bestehen der Philipps-Universität solle es eine Entscheidung über eine Trägerschaft geben, bei der das Schloss in all seinen architektonischen, kulturellen und touristischen Möglichkeiten zur Geltung kommt.

Was das bedeutet, verdeutlichte beim Pressegespräch Dr. Andreas Hedwig. Er sagte: „Die Universität ist finanziell nicht in der Lage, das Schloss weiterzuentwickeln. Es gehört nicht in die Obhut der Hochschule, sondern muss in eine andere Trägerschaft kommen.“

Der Offene Brief solle einerseits die Stadtgesellschaft mobilisieren. Er richte sich aber andererseits auch an die Verantwortlichen Betreiber des Schlosses von der Universität und das Land Hessen.

Von Manfred Hitzeroth

Marburg Gesundheitsversorgung - Vom Zivi zum Krankenhaus-Direktor
24.04.2022
23.04.2022