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Marburg Die Wasserwaschanlage
Marburg Die Wasserwaschanlage
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00:17 25.04.2019
Komplexer Komplex: Tausende Kubikmeter Abwasser werden jährlich im Klärwerk in Cappel gereinigt. Die Abläufe samt stetiger Probenentnahmen werden von mehreren Spezialisten überwacht. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Ja, es stinkt. „Von hier an wird es aber immer besser“, sagt Uwe Erdel und blickt in den Tank, in dem jeder Liter des Marburger Abwassers ankommt – aus Cappel binnen Minuten, aus Michelbach innerhalb eines halben Tages. Ganz ehrlich wird seine Aussage zum Gestank nicht sein, denn ein beißender Geruch wird dem Ingenieur nämlich nicht nur ganz am Anfang des Reinigungsprozesses, sondern auch am Ende – bei der Visite der zwei Faultürme – in die Nase steigen. Aber der Reihe nach.

Alles beginnt mit dem Einlaufen des Abwassers in das Zulaufpumpwerk, wo es um fünf Meter angehoben wird, sodass es von dort an im freien Fall die eigentlichen Säuberungsetappen nehmen kann. Los geht die Wasserwäsche mit der mechanischen Reinigung. Es sind die Abläufe, die sich Laien noch über bloßes Zuschauen erklären können: Im Zusammenspiel von Pumpen, Spulen, Filtern, Rechen und Schiebern wird in den Rechenanlagen das Gröbste – Unmengen von Toilettenpapier, Massen an Hygieneprodukten – herausgefischt, das wiederum in Containern aufgefangen wird.

Auf mehreren Bahnen werden anschließend Sand, Splitt und Kies, der etwa von Straßenbaustellen stammt, ausgewaschen, sodass nur noch organische Bestandteile im Abwasser sind. Dann kommt das bis hier stets durchgepeitschte Wasser im Vorklärbecken erstmals zur Ruhe, damit sich die letzten verbliebenen Feststoffe – etwa Fette und Speisereste – ablagern können. Der sogenannte Räumer senkt sich in das längliche Becken, schiebt die Ablagerungen fort, das entschlackte Wasser fließt ab, der entstandene Klärschlamm wird abgepumpt.

Das Rauschen des Wassers, das Rattern von Maschinen auf der Anlage, die in Sichtweite des Landschulheims Steinmühle und der ersten Wohnhäuser von Ronhausen liegt, ist wesentlich leiser, als man glaubt. Und so fließt auch am Ende der mechanischen, also der über das menschliche Auge nachvollziehbaren Prozedur, das Wasser unaufgeregt in mehrere langgezogene Becken. Dort, am Beginn des biologischen Reinigungsablaufs liegt es ruhig da, nur in einzelnen Bereichen, in denen Sauerstoff zugeführt wird, sprudelt es.

"Die Bakterien in dem Becken haben richtig Hunger"

Zuführung – das ist Erdels Stichwort. Er erklärt, welche biologischen Prozesse im Belebungsbecken ablaufen, wie gezüchtete, kultivierte Mikroorganismen gezielt eingesetzt werden, um den eher unsichtbaren Schmutz – Kohlenstoff-, Stickstoff- und Phosphorverbindungen – zu vernichten. „Die Bakterien in dem Becken haben richtig Hunger“, sagt Erdel, um den mikroskopisch verborgenen Kampf der Miniteilchen zu veranschaulichen. Ziel: die schädlichen Stoffe ausgasen oder sie zu Bakterienzellenmasse werden zu lassen, um sie dann aufnehmen und entfernen zu können.

Erdel erklärt, dass die Kläranlage letztlich nur einen natürlichen Prozess beschleunigen und verdichten würde. „Eigentlich könnte man alles auch in die Lahn leiten. Die wäre dann bis Gießen zwar biologisch tot, aber ab Limburg wäre schon einiges gereinigt, an der Mündung wäre das Wasser dann ziemlich sauber“, sagt er. Angesichts der Einwohnerzahl real nicht denkbar, aber theoretisch möglich.

In drei riesigen Nachklärbecken, in denen das Wasser nur vorgeblich zu ruhen scheint, setzen sich die Bakterien und Mikroorganismen als Schlamm nach unten ab. Was abfließt, wirkt auf den ersten Blick wie Quellwasser. Doch ist das Cappeler Klärwerk nicht mit einer Trinkwasser-Aufbereitungsanlage zu verwechseln. „Ein guter Schluck hiervon bringt einem einen ordentlichen Durchfall ein. Das Wasser da drüber ist aber sicher weniger schädlich als ein Bad im Ganges“, sagt Frank Hocke, der in der Biofilter-Abteilung überwacht und somit im technischen Herzstück der Anlage für den Reinigungsfeinschliff sorgt. Hocke sitzt in einem Kontrollraum, der mit seinen Monitoren, Diagrammen und Leuchten aussieht wie die Schaltzentrale eines Atomkraftwerks.

Was der gelernte Fernentsorger dort macht, ist – neben regelmäßigen Probenentnahmen und Tests über die Einhaltung vieler Grenzwerte –, für eine optimale Reinigungsleistung zu sorgen. In einem hochkomplexen Vorgang in einem nicht minder hochkomplizierten System aus Sensoren und Schläuchen werden all jene Schwebestoffe oder bisweilen Rest-Phosphor entfernt, die vorher noch nicht unterhalb der zulässigen Werte lagen.

Hintergrund

110 Liter werden durchschnittlich täglich pro Marburger verbraucht. Ausgelegt ist das Cappeler Klärwerk – als die größte von zwölf Anlagen zwischen Universitätsstadt, Weimar und Cölbe – auf eine Menge von 155.000 sogenannten Einwohnerwerten. Mehr als 860 Liter pro Sekunde können durch das Klärwerksystem fließen. Alleine das Marburger Kanalnetz, das ab Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, ist etwa 410 Kilometer lang.

Der Keller des Biofilter-Gebäudes ist ein Traum für Ingenieure, Handwerker, Bastler und Tüftler – also für alle, die etwas von Technik und logischen Zusammenhängen verstehen: ein Leitungslabyrinth, dazu Pumpen, Zähler und Generatoren, so weit das Auge reicht, obendrein herrscht ohrenbetäubender Lärm. Doch auch all das schwere wie feine Gerät scheint gegen eine Verunreinigung machtlos zu sein.

Mikroplastik. Es ist eines der neuesten Umweltschutzthemen und als Stoff in unzähligen Produkten wie Schuhen, Reifen oder Zahnpasta enthalten. Ja, sagt Erdel, Mikroplastik sei tatsächlich schwierig zu filtern. Feuchttücher und Q-Tipps etwa schadeten zudem den Klärwerksmaschinen. Aber da es noch keine Daten zur Belastung oder auch nur Werte dazu gebe, wie viel Mikroplastik es überhaupt in das Reinigungsendsystem schaffe, sei eine auch in Cappel denkbare vierte Reinigungsstufe „erst mal nur Zukunftsmusik“.

Zu schaffen machen den Marburger Wasserwäschern eher andere zu filternde Verunreinigungen, vor allem Spurenstoffe wie etwa Medikamente. „Im Klo statt im Müll entsorgte Arzneien sind das größere Problem für die Abwasserreinigung und somit letztlich für Mensch und Umwelt“, sagt Erdel.

Am Geländer der rund 15 Meter langen Becken, in denen das nun bestmöglich gereinigte Wasser blubbert und schäumt, hängt ein Rettungsring. Dessen rot-weiße Farbe ist verblichen, Krähen hackten ganze Stücke heraus. Der Sicherheit kann und soll er nicht mehr dienen. „Der hängt da nur für das maritime Flair“, sagt Erdel und blickt dem gesäuberten Abwasser hinterher, wie es in die Lahn fließt.

Klärschlamm wird zur Energiegewinnung verbrannt

Die Wasserwäsche ist vorüber, aber was passiert eigentlich mit dem Klärschlamm aus dem Vorhaltebecken und dem später in der biologischen Reinigung angefallenen Überschussschlamm? Sie lagern, und hier kommt der von Erdel verschwiegene Gestank wieder ins Spiel, in zwei Faultürmen. Es sind 39 Grad warme Silos, die ihrem Namen alle Ehre machen. Faulbakterien wandeln dort die organischen Schlammstoffe in Säuren, Kohlendioxid, Methan und Wasser um.

In diesen Türmen entdeckten Mikrobiologen im Jahr 1978 sogar einen vorher nie gesehenen Stoff, der aus dem Klärschlamm Faulgas entstehen lässt, welches dann wiederum durch das Blockheizkraftwerk in Strom umgewandelt wird. Die Naturwissenschaftler tauften diesen Stoff „Methanothermobacter marburgensis“ – bis heute ehren sie beim seit 1964 bestehenden Abwasserverband dieses Bakterium als ihren „weltberühmtesten Mitarbeiter“.

In einem Turm lagern 100 Tonnen Klärschlamm, im Laufe einer Woche wird dieser über mehrere Lkw-Ladungen geleert und zur Energiegewinnung – wie Braunkohle – verbrannt. Das ebenfalls in den Faultürmen entstandene Faulgas wird hingegen in Blockheizkraftwerken einer Biogasanlage auf der Anlage zur Energieerzeugung verwendet. Resultat: 80 Prozent des Strombedarfs des Klärwerks wird selbst hergestellt.

24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche: Feierabend haben diese Prozesse, hat diese öffentliche Infrastruktur nie. 20 Angestellte beim Abwasserverband oder den Stadtwerken sorgen – im Bereitschaftsdienst über eine permanente Smartphone-Überwachung – dafür, dass das flüssige Herz-Kreislauf-System Marburgs nie versagt.

von Björn Wisker