Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Der unterschätzte Abstand
Marburg Der unterschätzte Abstand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 01.07.2021
Ein Plakat mit der Aufschrift "Maske tragen & Abstand halten" hängt am Elisabeth-Blochmann-Platz in Marburg.
Ein Plakat mit der Aufschrift "Maske tragen & Abstand halten" hängt am Elisabeth-Blochmann-Platz in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Nachdem die im Zuge der Corona-Pandemie eingeführten Restriktionen gelockert sind, entsteht der Eindruck, als ob die Furcht vor dem Virus verschwunden ist. Am besten zu beobachten ist das zum Beispiel in Supermärkten, wo einige Zeitgenossen die AHA-Regeln außer Kraft setzen und stattdessen das „Ich zuerst“ wieder in den Vordergrund rücken.

Das Nicht-Einhalten des Abstandes von anderthalb Metern zueinander stellt auch OP-Leser Michael Horstmann häufiger fest, weswegen er zum Beispiel am 18. Juni mit einem anderen Kunden eines Supermarktes in der Stadt aneinandergeriet.

„Halt’s Maul!“

Auf einen Hinweis zum Einhalten des Abstandes erhielt Horstmann nach eigenen Angaben ein „Halt’s Maul“ als Antwort. In der sich entwickelnden „gereizten Auseinandersetzung“ ergriffen alsbald zwei Mitarbeiter, ein Angestellter und die Leiterin des Supermarktes, die laut Horstmann den Beginn des Streits zuvor nicht miterlebten, Partei für den anderen Kunden.

Nachdem Horstmann die Marktleiterin aufforderte, ihr Hausrecht anzuwenden, um das noch nicht erfolgte Einhalten der Abstandsregel zu erreichen, behauptete diese laut Horstmann, dass der Abstand gegeben sei. Dann sei ihm der Einkauf abgenommen und er aufgefordert worden, den Supermarkt zu verlassen.

Anschließend wandte sich Michael Horstmann mit zwei Bitten an das Ordnungsamt und den Magistrat der Stadt Marburg, um eine Breitenwirkung zu erzielen. Zum einen möge man per Rundschreiben an Supermärkte und andere Geschäfte deutlich machen, dass die Mitarbeiter das Einhalten der Corona-Regeln gegenüber der Kundschaft zu vertreten haben, zum anderen solle in regelmäßigen Abständen mit einem Zollstock die reale Distanz von anderthalb Metern vor Augen geführt werden, um Fehleinschätzungen zu vermeiden.

Nach einer Anfrage der OP bei der Stadt erhielt der Anfragende am Montag eine Antwort vom Fachdienst Gefahrenabwehr und Gewerbe. Darin heißt es, man werde „die zuständige Marktleiterin kontaktieren und sie darauf hinweisen, dass auch weiterhin darauf geachtet werden muss, sämtliche Abstands- und Hygieneregelungen einzuhalten“. Die Fachabteilung weist aber auch darauf hin, dass es trotz regelmäßiger Kontrollen der Marktmitarbeiter und der Ordnungspolizei nicht zu verhindern sei, dass „der Abstand für einen kleinen Moment unterschritten wird“. Daher sei es weiterhin die Aufgabe jedes Einzelnen, das Einhalten des Mindestabstandes so gut wie möglich umzusetzen.

Gebe es präzise Hinweise auf eventuelle Verstöße, stimmten sich Ordnungsämter und Gesundheitsamt über Kontrollen ab, erklärt Stephan Schienbein. Dem Gesundheitsamt seien allerdings bisher keine derartigen Vorkommnisse bekannt, erklärt der Pressesprecher des Landkreises und verweist auf die unmittelbare Zuständigkeit der Ordnungsämter, die auch stichprobenartig kontrollieren.

Eigenverantwortung

Allerdings ziele die neue Corona-Schutzverordnung des Landes Hessen sehr auf eine stärkere Eigenverantwortung der Bürger ab. Dies gehe aus Paragraf 1.1 der Verordnung hervor, in dem es heißt: „Jede Person ist angehalten, sich so zu verhalten, dass sie sich und andere keinen vermeidbaren Infektionsgefahren aussetzt …“ Diese Eigenverantwortung bedeute auch, dass man es selbst in der Hand habe, ob beispielsweise Abstände eingehalten werden, erläutert Schienbein und sagt: „Man kann natürlich darauf pochen, dass ein anderer den Abstand einhält, man kann aber auch ausweichen und den Abstand so herstellen.“

Der Pressesprecher des Landkreises weist außerdem darauf hin, dass die Verordnung für Verkaufsstätten in Paragraf 21 ein Hygienekonzept vorsieht, welches die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts berücksichtigt. „Für die Umsetzung und Einhaltung dieses Konzeptes sind die Betreiber von Verkaufsstätten verantwortlich“, stellt Schienbein klar.

Die AHA-Regel bezeichnet die im Jahr 2020 in Deutschland zum Eindämmen der Coronavirus-Pandemie empfohlene Kombination von Vorsorge-Verhaltensweisen. Diese sind:

„Abstand halten!“: Mindestens 1,5 Meter, besser zwei Meter Abstand zu Mitmenschen halten.

„Hygienemaßnahmen beachten!“: Husten und Niesen in die Armbeuge oder ein Taschentuch sowie das regelmäßige Händewaschen beziehungsweise -desinfizieren.

„Alltagsmaske tragen!“: Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung.

Von Gianfranco Fain