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Marburg Das Hexenjahr auf Youtube
Marburg Das Hexenjahr auf Youtube
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10:58 19.09.2020
Hexen, Teufel und Dämonen sind Thema der Ringvorlesung an der Philipps-Universität zum Hexenjahr. Quelle: Swen Pförtner/dpa/Themenfoto
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Marburg

„Traktate wie der Hexenhammer (Malleus maleficarum) aus dem Jahr 1486 prägten zeitgenössische Vorstellungen ebenso wie literarische Texte“, erläutert die Marburger Germanistik-Professorin Hania Siebenpfeiffer, Organisatorin einer Ringvorlesung der Uni Marburg im Marburger Hexenjahr, die jetzt allmählich online gestellt wird.

Heutzutage seien in der populären Kultur Westeuropas und Nordamerikas positive Hexenbilder ebenso präsent wie Märchenhexen oder antike Zauberinnen.

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Die Referentinnen nahmen bei ihren Vorträgen aber nicht nur die Hexenfigur in den Fokus, sondern weiteten den Blick aus, auf Teufel und Dämonen. „Die Hexen-Konstruktion war ohne die Teufelskonstruktion nicht denkbar“, macht Siebenpfeiffer klar.

Zudem kam noch eine dritte Figurengruppe ins Spiel: Dämonen, Vampire und Werwölfe erben in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts viel von den Eigenschaften, die noch in der Frühen Neuzeit den Hexen und Teufeln zugeschrieben wurden.

15. und 17. Jahrhundert steht im Fokus

Auch wenn die Ringvorlesung kulturelle Beschreibung des Phänomens von Hexen, Teufeln und Dämonen von der griechischen Antike bis in die Gegenwart in den Blick nimmt, so steht doch die Zeit vom 15. bis zum 17. Jahrhundert im Fokus. An der Schnittstelle theologischer, juristischer und politischer Diskurse seien in der Frühen Neuzeit die Realität und die rechtliche Sanktion der Hexerei vor dem Hintergrund apokalyptischer Endzeiterwartungen verhandelt worden. Die Vortragenden nahmen Aspekte aus der Ethnologie, Geschichte sowie Literatur-, Rechts- und Medienwissenschaft in den Blick.

Die Marburger Historikerin Professorin Inken Schmidt-Voges berichtet in ihrem Vortrag darüber, wie Umdeutungen von Praktiken und Wissensordnungen zu Anklagen wegen Hexerei führen konnten. Professorin Hania Siebenpfeiffer hat in einem Vortrag Meda als Zauberin und Giftmischerin im Blick und berichtet in einer weiteren Vorlesung über den Hexenprozess im Jahr 1620 gegen die 73-jährige Katharina Kepler – die Mutter des heute weltberühmten Astronomen Johannes Kepler.

Bedeutung des Wortes änderte sich

Juristisch besonders brisant sei das Verfahren geworden, als dem Gericht die Erzählung von Johannes Kepler über eine fiktive, durch magische Praktiken realisierte Reise zum Mond in die Hände gefallen sei. In der Figur der Magierin glaubte das Gericht Keplers Mutter zu erkennen.

Erst seit der Frühen Neuzeit beziehungsweise dem Spätmittelalter bezeichne der Begriff „Hexe“ (althochdeutsch: hagissa) nicht mehr wie bis dato ein Waldweib, also eine kluge Frau und stattdessen eine mit dem Teufel im Bunde stehende Zauberin. Das berichtet der Marburger Sprach- und Literaturwissenschaftler Professor Jürgen Wolf in seiner Vorlesung, in der er vor allem die auch aus den Artuslegenden bekannte alternative Figur des Famurgan (heute Fee Morgan) vorstellte, die dem Teufel und Drachen dienen musste.

Blick auf europäische Märchen

Anhand von protestantischer Teufelsliteratur und Faust-Büchern aus dem 16. Jahrhundert untersuchte Lea Reiff, Dozentin für Literatur der Frühen Neuzeit an der Uni Marburg, in ihrem Vortrag die Rolle der gelehrten Magier als Figuren einer Grenzüberschreitung im Spannungsfeld zwischen Teufeln und Hexen. Die Rolle der dämonischen Wassergeister und zauberkundigen Frauen in der mittelalterlichen Epik und die Frage, ob diese eine Vorstufe der späteren Hexen darstellten, erklärt Privatdozentin Dr. Tina Terrahe vom Marburger Uni-Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters.

Personifikationen des Bösen im europäischen Märchen stellt die Marburger Literaturwissenschaftlerin Professorin Marion Schmaus in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Die Bandbreite reicht von Hexen über Zauberer und Zaubererinnen bis hin zu Ogern, den Urahnen der Hollywood-Figur Shrek.

Die Hexenverfolgungen in der US-Kleinstadt Salem aus dem Jahr 1692 und ihre Verarbeitung in der Geschichtsschreibung sowie der Literatur beschäftigten die Marburger Amerikanistik-Professorin Carmen Birkle. Die neuheidnische Religion der Wicca ist das Thema des Vortrags von Privatdozentin Dr. Marion Näser-Lather vom Marburger Uni-Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft.

Ringvorlesung auf Youtube

Als Bestandteil des städtischen Themenjahrs „Hexenglaube und Hexenverfolgung“ sollte in diesem Sommersemester auch eine kultur- und literaturwissenschaftlich ausgerichtete Ringvorlesung mit dem Titel „Hexen, Teufel und Dämonen“ an der Universität Marburg stattfinden. Die von Professorin Hania Siebenpfeiffer und ihrer Mitarbeiterin Lea Reiff organisierte Vortragsreihe konnte aber Corona-bedingt nicht als Präsenzveranstaltung stattfinden. Sie fiel aber nicht komplett aus.

Die Online-Variante der Vorträge, die im Sommersemester gehalten wurden, waren zunächst aber nur Uni-intern zu verfolgen. Unter anderem dank Unterstützung aus dem Kulturamt der Stadt Marburg werden jetzt aber neun der Vorträge auf dem Youtube-Kanal der Universität Marburg in wöchentlichen Uploads hochgeladen. So soll nun auch eine weitere interessierte Öffentlichkeit die Chance erhalten, die Vorträge mitzuverfolgen.

Bisherige Folgen bei Youtube:

Soziale Zuschreibungsprozesse und Normenkonkurrenz in der Frühen Neuzeit.

Die Hexe und der (falsch verstandene) Traum vom Mond – zum Prozess gegen Katharina Kepler (1620/21).

Dämonie und Delinquenz – Medea als Zauberin und Giftmischerin.

Von Manfred Hitzeroth

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