Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Schwere Themen leicht verpackt
Marburg Schwere Themen leicht verpackt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:54 19.09.2021
Eine Szene aus dem Stück „Amsterdam“, mit dem das Hessische Landestheater am Freitagabend in die Spielzeit 2021/22 startete.
Eine Szene aus dem Stück „Amsterdam“, mit dem das Hessische Landestheater am Freitagabend in die Spielzeit 2021/22 startete. Quelle: Jan Bosch
Anzeige
Marburg

Das Hessische Landestheater ist am Freitagabend im Erwin-Piscator-Haus mit dem zeitgenössischen Drama „Amsterdam“ der israelischen Autorin Maya Arad Yasur in die Spielzeit 2021/22 gestartet. Intendantin und Regisseurin Eva Lange hat für ihre Inszenierung des 2019 am Münchner Volkstheater uraufgeführten Stückes nicht den großen Saal des Hauses, sondern die Hinterbühne gewählt – einen Ort hinter dem eisernen Vorhang, der im Brandfall Bühne und Zuschauerraum trennt. Ein Ort, den das Publikum normalerweise nie betritt.

Dort haben Regisseurin Lange und Ausstatterin Carolin Mittler einen intimen Rahmen für ein ungewöhnliches Stück geschaffen: „Amsterdam“ erinnert an dokumentarisches Theater, ist aber dennoch in weiten Teilen fiktiv. Die Geschichte könnte aber so passiert sein – und das Grauen, das Maya Arad Yasur häppchenweise in Assoziationsketten präsentiert, war und ist real, es ist vergangen und gegenwärtig.

Amsterdam um 1944

In der prächtigen Keizersgracht in Amsterdam lebt eine hochschwangere, erfolgreiche israelische Geigerin. Eines Tages klopft es an ihre Tür, unter dem Türschlitz liegt ein Brief. Aber in Amsterdam klopft man nicht an die Tür und die Briefträger bringen auch keine Briefe in die Wohnung. Nach und nach erfährt man: Es handelt sich um eine hohe Gasrechnung aus dem Jahr 1944, ausgestellt von der Stadtverwaltung. Doch wer hat den Brief unter der Tür durchgeschoben? Jan, der alte, mürrische Nachbar? Und warum? Und wer soll die Rechnung bezahlen? Die namenlose Geigerin recherchiert und taucht mit dem Publikum ein in den „dunklen Schacht“ einer düsteren Vergangenheit, die bis heute nicht überwunden ist.

Denn Rassismus, der bei den Nazis in die Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden mündete, begegnet der Geigerin auch in der vermeintlich weltoffenen, aufgeklärten Stadt Amsterdam bis heute. Wenn sie im Supermarkt in der Schlange steht, überlegt sie, was der Mann hinter ihr über sie denken könnte. Denkt er, dass sie eine Muslima sei, die ihm den Platz in der Schlange und die Wohnung weggenommen hat? Sollte sie englisch sprechen, damit er denkt, sie sei vielleicht Amerikanerin oder Italienerin und habe daher ein Recht, im Westen, in Europa, in dieser Stadt zu sein? Diese alltäglichen Rassismuserfahrungen ziehen sich durch das Stück – wahrnehmen kann sie nur jemand wie die Geigerin, die sie Tag für Tag erlebt, obwohl sie im Grunde privilegiert ist.

Regisseurin Eva Lange hat den Text auf drei Darstellerinnen und fünf Darsteller verteilt. Sie sind eine und viele Stimmen zugleich. Sie alle tragen merkwürdig, bunte Alltagskleidung und glänzende Jacken, die ihnen Kostümbildnerin Ulrike Obermüller verpasst hat. Sie alle tragen billige, silberfarbene Perücken, scharf zurechtgestutzt. Sie alle sind austauschbar.

Eine Gasrechnung wird zum Verhängnis

In „Amsterdam“ geht es um schwere Themen wie den Holocaust, um heutigen Rassismus, um Antisemitismus, um Fremdenfeindlichkeit, um Ausgrenzung, um Angst und um Wut. Und doch kommen sowohl das Stück als auch die ungemein dichte, spannende und optisch sehr eindrucksvolle Inszenierung über weite Strecken ungewöhnlich leicht und manchmal sogar beschwingt daher. Sven Brormann, Thorsten Danner, Jorien Gradenwitz, Eike Mathis Hackmann, Anna Krasemann, Yasmin Mowafek, Georg Santner und Metin Turan gelingen großartige Choreographien zu leichter Jazzmusik, während sie rätseln, was es mit der ominösen Gasrechnung auf sich haben könnte. Ihre Theorie: Die Mieterin von 1944 war im Widerstand aktiv und wurde vom eigenen Ehemann verraten – für dessen Geliebte: eine nach Auschwitz deportierte Jüdin. Dann okkupierten Nazis die Wohnung, verbrauchten das Gas, das nun mit hohen Mahngebühren bezahlt werden soll. Vielleicht war es so, vielleicht auch nicht. Für die sehr sehenswerte Inszenierung spielt das keine Rolle.

Weitere Vorstellungen sind am 23. und 28. September sowie am 9. und 10. Oktober.

Von Uwe Badouin

19.09.2021
19.09.2021