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Marburg Ein Garten zum Verlieben
Marburg Ein Garten zum Verlieben
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08:59 28.11.2021
Venezia Smith findet: „Jeder neue Garten ist wie ein ungelesenes Buch, dessen Seiten von Verheißungen überquellen.“
Venezia Smith findet: „Jeder neue Garten ist wie ein ungelesenes Buch, dessen Seiten von Verheißungen überquellen.“ Quelle: Thorsten Richter
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Vom Teegarten über den Liebesgarten zum Dichtergarten und zum Garten der Kinder plant die Gartenarchitektin Venezia Smith im Jahr 1907 ein ganzes Konglomerat von unterschiedlichen Garten-Arealen rund um den fiktiven hochherrschaftlichen Landsitz Highbury House in Großbritannien. Und da ist noch der Garten des Winters: ein abgeschlossener und überdachter Bereich, in dem es auch im Winter ein Refugium für Pflanzen und Menschen geben kann.

Mit viel Elan und Phantasie nähert sich die bereits als Gartenarchitektin ausgewiesene junge Frau ihrer Aufgabe und sie weiß: „Jeder neue Garten ist wie ein ungelesenes Buch, dessen Seiten von Verheißungen überquellen“. Da trifft es sich zum Beispiel gut, dass Matthew Melcourt, der Bruder der Hausherrin, als Hobby-Rosenzüchter ebenfalls ein besonderes Faible für prachtvolle Gärten besitzt.

Auf die Spur ihrer prominenten Vorgängerin begibt sich die junge Gärtnerin Emma Lowell, die im Jahr 2020 ihrerseits die halb verfallene Gartenanlage für die aktuellen Eigentümer von Highbury House rekonstruieren soll. Bei ihrer Arbeit stößt sie auf ein Skizzenbuch, das zwei kleine Jungen zeigt, die in dem mittlerweile abgesperrten Wintergarten spielen. Und wieso trägt eine Rose den Namen Celeste?

Verschollene Tagebücher

Auch die Entdeckung von verschollenen Tagebüchern von Venezia Smith bringt Emma auf die Spur von weiteren Geheimnissen, die sich um den Garten von Highbury House ranken. Sie will herausfinden, wieso die Urheberin des Gartens mehr als 100 Jahre zuvor nach der Erfüllung ihres Auftrags in die USA emigrierte, wo sie große Berühmtheit erlangte.

Noch eine mittlere Zeitebene hat die Autorin mit dem Jahr 1944 eingebaut, als am Ausgang des Zweiten Weltkriegs aus Highbury House ein Genesungszentrum für britische Soldaten sein Hauptquartier aufgebaut hat. Unter tragischen Umständen verliert Hausherrin Diana ihren Sohn bei einem Unglücksfall im Garten. Doch sie verteidigt das Gartenensemble gegen alle Versuche der Armee, sich das Land für den Ackerbau zunutze zu machen. Dabei helfen ihr die junge Köchin Stella und die ebenso junge Beth, die aus London über die Landverschickung als Erntehelferin abgeordnet wurde. Beth lernt in Highbury House einen Army-Captain kennen und lieben. Auch das Leben von Stella und ihrem Neffen, dem Spielgefährten von Dianas Sohn, erlebt eine entscheidende Wende, die wiederum eng mit dem Garten verbunden ist.

Mit einem simplen, aber effektvollen Kunstgriff gelingt es Julia Kelly, den immerwährenden Kreislauf des Werdens und Vergehens der Natur im Wandel der Jahreszeiten erfahrbar zu machen. Der Roman ist in vier Passagen unterteilt: Es beginnt mit dem Winter, daran schließen sich Frühling, Sommer und Herbst an. Parallel werden jeweils die prägenden Ereignisse aus den vier Jahreszeiten der drei Jahre aus den drei Epochen jeweils aus der Perspektive der fünf Frauen beschrieben, deren Beziehungsgeflechte und Lebenswege durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden und auch viele Gemeinsamkeiten aufweisen.

Wie anstrengend und lohnenswert zugleich es ist, einen Garten zu gestalten, das kann jeder Gartenfan in diesem Buch nachlesen. Wie sich Liebespaare gegen jegliche gesellschaftliche Konventionen finden und mit welchen Widerständen sie zu kämpfen haben, das ist ein weiteres Thema des Romans von Julia Kelly.

Eine Prise Romantik und ein wenig Melodrama sind entscheidende Zutaten für diesen stimmigen und einfühlsamen Roman. Als Leser möchte man gerne den Schlüssel zu dem verloren geglaubten und vielleicht verwunschenen Garten von Highbury House in die Hand bekommen und lange darin verweilen. Wie schön, dass es in Julias Kellys Buch zumindest möglich ist, immer wieder in Gedanken darin zu spazieren.

Julia Kelly: Das Geheimnis des Wintergartens. Lübbe Verlag. 464 Seiten. 12 Euro.

Von Manfred Hitzeroth