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Marburg Das Geheimnis der Weihnacht
Marburg Das Geheimnis der Weihnacht
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21:08 23.12.2020
Strahlende Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum: Der kleine Anton aus dem Ebsdorfergrund findet Weihnachten toll.
Strahlende Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum: Der kleine Anton aus dem Ebsdorfergrund findet Weihnachten toll. Quelle: Nadine Weigel
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Stattdessen begibt sie sich gemeinsam mit ihrem Mann in Vorabquarantäne, um gerüstet zu sein für die Fahrt zu den Eltern, wie sie im Gespräch mit der OP vor einigen Tagen berichtet hatte. Damit ist Christiansen nicht alleine, denn es ergeht ihr Weihnachten 2020 wie so vielen Deutschen, die ebenfalls ihre hochbetagten Verwandten besuchen wollen und dafür von ihren gewohnten Ritualen im Vorfeld der Feiertage abweichen müssen.

Traditionell beschäftigen sich viele Psychologen auch aus wissenschaftlicher Sichtweise mit dem Thema Weihnachten. So hat Hanna Christiansen mit ihrer Arbeitsgruppe in den zurückliegenden Jahren vor allem das Thema „Warten können“ in den Blick genommen, das besonders bei den Kindern auch viel mit den Erwartungen zu tun hat, die sie an die Weihnachtszeit und die Geschenke an Heiligabend haben. Zu einer gesunden Entwicklung könne es auf jeden Fall beitragen, das Warten zu lernen, betont Christiansen.

Weihnachten sei für viele Menschen in Deutschland ein traditionsreiches Fest, das als Familienfest kulturell eine hohe Bedeutung aufweise, sagt Christiansen. „Aber es ist auch ein schwieriges Fest, weil viele Erwartungen daran geknüpft werden“, fügt sie an. Hinzu komme in diesem Ausnahmejahr, dass jetzt durch die Corona-Pandemie die Familien sowieso schon enger zusammen seien als sonst. Denn Corona beanspruche das gesamte Zusammensein, den Alltag, die Arbeit oder die Zeit in der Schule.

Online-Weihnachten mit den Großeltern

Doch wie soll dieses Jahr überhaupt gefeiert werden? „Überlegen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern, was Ihnen wichtig ist“, rät die Psychologie-Professorin. Weil es vielleicht nicht allen möglich sein wird, gemeinsam mit einer (Groß)-Familie das Weihnachtsfest zu feiern, sind auch neue Fest-Varianten gefragt. So regt Christiansen an, gegebenenfalls ein „Online-Weihnachten“ zusammen mit den Großeltern oder anderen Verwandten zu feiern. Bei einem solchen Online-Meeting an den Festtagen könne man auch gemeinsam etwas trinken und essen und sich unterhalten. „Die ganze Familie könnte es sich gemütlich machen“, meint Christiansen.

Jede Familie hat immer schon eigene Weihnachtsrituale, die durchaus unterschiedlich sein können. Diese könne und müsse man aber wohl zu Corona-Zeiten flexibler gestalten, betont Christiansen und hat gleich noch zwei Ideen für eine neue Gestaltung: „Überlassen Sie Ihren Kindern die Planung mit Einladungen basteln und Menü überlegen. Oder Sie haben eine völlig andere Idee und gucken mal, ob und wie in anderen Ländern gefeiert wird.“

Nur etwas für die ganz Verwegenen ist wohl die Idee der Marburger Psychologin, dieses Mal Weihnachten und Ostern einfach zu tauschen. Dabei ist die Idee nicht uncharmant. „Bis Ostern gibt es vielleicht den Impfstoff und die Infektionszahlen sind dann so niedrig, dass sich ein großes Fest planen lässt, auf das sich alle freuen können“, nennt Hanna Christiansen einen der Vorteile dieses Vorschlags.

Wie ist die Bedeutung des Weihnachtsfestes überhaupt in die Zusammenhänge des Kirchenjahres eingebettet? Diese Frage beantwortete Marcell Sass, Professor für Praktische Theologie an der Uni Marburg, im Gespräch mit der OP. „Das älteste und wichtigste Fest der Kirche ist das Osterfest“, betont Sass. Denn an Ostern wird die Auferstehung Jesu gefeiert und der Sieg des Lebens über den Tod. Im Kontext der Kirche habe sich allerdings mittlerweile das Weihnachtsfest zu einem mindestens ebenbürtigen Fest entwickelt. Die Weihnachtszeit sei die Zeit der vollen Kirchen.

Primäre Religionserfahrung im dunklen Dezember

Worin liegt das Besondere der Weihnachtsgottesdienste? „Im Dezember zeigt sich die Natur dunkel, und die Menschen besinnen sich auf die Familie und den Jahreslauf“, erläutert der Theologe. In bestimmten Umbruchphasen des Lebens und des Jahres bräuchten Menschen die rituelle Begleitung. Mehr als zu anderen Zeiten des Jahres schaffe es die Kirche, die Menschen an Weihnachten mitzunehmen und ihnen in den weihnachtlich geschmückten Kirchen primäre Religionserfahrungen zu bieten. Und an Weihnachten sei die christliche Botschaft nach wie vor unschlagbar, meint Sass: „Gott wird Mensch in einem kleinen Kind. Gott wird Mensch und deswegen dürfen wir hoffen.“ Dass Jesus Christus in einem kargen Stall geboren wurde, bedeute auch eine Nähe zu den Leidenden und Armen.

Doch Corona verändere in diesem Jahr auch die Vorstellungen von Gemeinschaft in der Religion, macht der Theologie-Professor deutlich.

Denn die Platzbeschränkungen und Abstandsregelungen gelten auch und vor allem an Weihnachten in den Kirchen, und auch das gemeinsame Singen fällt in den Kirchen eigentlich aus. „Wenn wir jetzt nicht in die volle Kirche gehen können, dann bedeutet dass mehr noch als an Ostern eine Herausforderung“, meint Sass.

Dennoch setzt der Theologe in diesem Zusammenhang auf die Kreativität der Kirchengemeinden und deren Fähigkeit, auf unterschiedlichen medialen Wegen Alternativen zu den klassischen Gottesdienst-Formen an Weihnachten anzubieten. So könne es eine Option für die Menschen sein, an Weihnachten wenigstens individuell einmal einen Kirchenraum zu betreten. Von Online-Gottesdiensten über Seelsorge-Chats bis hin zu Weihnachtstelefonen gebe es zudem eine weitere Palette möglicher Alternativen.

Und einen Abschluss-Wunsch hat Sass noch: „Ich wünsche jedem in dieser verunsichernden Zeit, den Zauber des Weihnachtsfestes zu entdecken und ein kleines Geheimnis der Weihnacht als Trost.“

Von Manfred Hitzeroth

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