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Marburg Das Gedächtnis der Stadt
Marburg Das Gedächtnis der Stadt
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18:00 14.01.2022
Faszinierende Einblicke in Marburger Stadtarchiv. Leiterin Sandra Baumgarten zwischen den kilometerlangen Regalen.
Faszinierende Einblicke in Marburger Stadtarchiv. Leiterin Sandra Baumgarten zwischen den kilometerlangen Regalen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Das Gedächtnis der Stadt Marburg liegt nicht im historischen Rathaus am Marktplatz, sondern im Süden der Stadt zwischen Temmlerstraße und Frauenbergstraße. Dort, in einem unansehnlichen früheren Industriegebäude, ist das Magazin des Stadtarchivs. Dicht an dicht stehen hier lange, hohe Regale, die sich wie von Geisterhand bewegen, wenn Sandra Baumgarten, die Leiterin des Stadtarchivs, auf einen der Schalter tippt. „Wir haben hier drei Kilometer Akten“, sagt die Diplom-Archivarin. Zwischen den Regalen entsteht ein Gang, man sieht Kartons mit Buchstaben und Nummern in den Regalen liegen.

Was eher unscheinbar aussieht, ist ein Schatz für Menschen, die in der Stadtgeschichte oder der eigenen Familiengeschichte forschen. Hier sind historische Adressbücher und Verwaltungsberichte archiviert, die Ratsprotokolle ab 1500, alte Akten aus verschiedenen Abteilungen der Stadtverwaltung und den früher selbstständigen Stadtteilen, darunter die Geburts-, Heirats- und Sterberegister ab dem Jahr 1874, als im damaligen Preußen die amtlichen Personenstandsregister eingeführt wurden.

Diese alten Akten können auch in der Gegenwart noch ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben eines Menschen haben. „Wir haben auch Anfragen von Erben-Ermittlern“, berichtet Baumgarten. Aus den Personenstandsregistern lässt sich ermitteln, wer mit Verstorbenen verwandt und somit erbberechtigt ist. „Manchmal geht es um Wiedereinbürgerungs-Verfahren“, nennt Stadtarchiv-Mitarbeiterin Nadine Englert ein weiteres Beispiel. „Das sind Menschen zum Beispiel aus Argentinien oder Brasilien“, erklärt Baumgarten, „die hier nachweisen müssen, dass vor vielen Generationen die Oma aus Marburg kam.“

Alte Urkunden sind online verfügbar

Gegenüber lagern in einem anderen Schrank die ganz besonderen Schätze: alte Urkunden. Sandra Baumgarten zieht weiße Handschuhe an, damit kein Handschweiß auf das kostbare Pergament kommt, bevor sie vorsichtig das älteste Dokument herausnimmt: die Urkunde über die Marburger Stadtrechte aus dem Jahr 1311. Die Urkunden sind inzwischen digitalisiert und online verfügbar, aber im Stadtarchiv werden seit 1988 die Originale aufbewahrt. Zu den Urkunden und Akten kommen Schriften über Marburg, Ausgaben der Oberhessischen Presse sowie historische Dokumente von Privatpersonen, aus Nachlässen, von Firmen, Vereinen, Parteien oder Initiativen.

Historikerinnen und Historiker, geschichtlich interessierte Laien, Studierende, Schülerinnen und Schüler nutzen diese Papiere, wenn sie herausfinden wollen, wie und warum etwas in der Vergangenheit genau passiert ist. Sie kommen dafür allerdings nicht ins Magazin, zu dem nur die Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs Zugang haben, sondern können die Dokumente im Lesesaal im benachbarten Verwaltungsgebäude anschauen.

Dort sitzt gerade Dr. Jutta Schuchard und ist voll des Lobes. „Es ist gar nicht so geläufig, welch tolle Schätze Marburg hat und wie toll das Team diese Schätze zugänglich macht und uns betreut“, sagt Schuchard. Die Kunsthistorikerin hat 25 Jahre im Kasseler Museum für Sepulkralkultur gearbeitet, engagiert sich im Marburger Geschichtsverein, hat Bücher zur Marburger Stadtgeschichte verfasst und Ausstellungen gestaltet. Sie recherchiert regelmäßig im Stadtarchiv und im Staatsarchiv. „Man macht hier neue Entdeckungen, die die Geschichte der Stadt Marburg bereichern“, erzählt sie begeistert.

Faszinierende Einblicke in Marburger Stadtarchiv wie hier ein sehr persönliches Büchlein dreier Studenten über die Marburger Kneipenlandschaft 1954. Quelle: Nadine Weigel

Aktuell arbeitet Schuchard an einem Beitrag über das Marburger Bestattungs- und Friedhofswesen. Außerdem recherchiert sie mit zwei anderen Lokalhistorikern die Geschichte des Lokals „Zur Sonne“ und hat dafür im Stadtarchiv ein besonderes Büchlein aus einem privaten Nachlass entdeckt. Darin haben drei Marburger ihre Besuche in heimischen Wirtshäusern mit Texten, Fotos und Zeichnungen festgehalten. „Es sind gastronomische Annalen aus den Jahren 1954 und 1955“, freut sich Schuchard.

Regelmäßig forscht sogar ein Professor aus Texas, der US-Sozialhistoriker Gerald Soliday, im Marburger Stadtarchiv. Insgesamt verzeichnete das Stadtarchiv vor der Corona-Pandemie jährlich 218 Nutzertage, also Personen, die jeweils einen Tag dort waren. 2020 waren es trotz Corona immerhin noch 149 Nutzertage. „Die Benutzungsweise hat sich geändert“, sagt Nadine Englert, „viele haben nach digitalen Angeboten gefragt.“ Inzwischen sind zahlreiche Dokumente digital verfügbar, darunter Ratsbücher, Verwaltungsberichte und Adressbücher – allerdings ist es nur ein Bruchteil des gesamten Archivbestandes.

Historische Fotos und Briefe werden angenommen

Neben Akten gehören auch alte Filme, Postkarten, Fotos und Tondokumente zu den Beständen, unter anderem aus dem privaten Archiv des Verlegers und liberalen Politikers Hermann Bauer (1897-1986). „Das ist ein Bestand, der vorher nicht so auf dem Schirm war, sich aber zunehmend als wichtig herausstellt für die historische Forschung“, sagt Englert. Gerade die Fotos seien sehr gefragt, berichtet die Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste. Hinzu kommen heute digitale Daten. Für ihre langfristige Speicherung musste eine geeignete Infrastruktur geschaffen werden, und die drei Stadtarchiv-Mitarbeiterinnen sowie die Auszubildende Stina Dörr müssen sich fortwährend „neue Kenntnisse auf die Platte schaffen“, wie Englert sagt.

Nutzen kann das Stadtarchiv jede und jeder. Auch wer historische Marburger Fotos und Unterlagen hat, ist beim Stadtarchiv an der richtigen Stelle. „Es kann jeder kommen, der etwas abgeben möchte“, sagt Baumgarten, „zum Beispiel Fotos oder Feldpost-Briefe.“ Der Bestand wächst pro Jahr um etwa 1 000 Stück, das Archiv wird immer größer. Im Magazin werden die Dokumente bei optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit, vor Licht geschützt und liegend aufbewahrt, ohne Plastik und Metall, was dem Papier schaden könnte. „Es wird hier nichts vernichtet, trotz Digitalisierung“, betont Baumgarten, „es bleibt für die Ewigkeit.“

So kann man das Stadtarchiv nutzen

Das Marburger Stadtarchiv in der Temmlerstraße 5 ist ein öffentliches Archiv, die Nutzung ist kostenlos. Derzeit ist wegen der Corona-Pandemie aber eine Terminvereinbarung und die Einhaltung der 2G-Regel (geimpft oder genesen) erforderlich.

Wer auf der Suche nach Dokumenten aus der Stadtgeschichte ist, kann vorher im Archivinformationssystem Hessen online recherchieren. Unter https://arcinsys.hessen.de kann man über den Reiter „Kommunalarchive“ das Marburger Stadtarchiv finden und einen Nutzungsantrag stellen. Wichtig für Archiv-Recherchen zum Beispiel zur Familiengeschichte ist ein Anhaltspunkt wie etwa das Geburts- oder Sterbedatum der gesuchten Person.

Erreichbar ist das Stadtarchiv unter der Telefonnummer 0 64 21 / 2 01 15 10 und per E-Mail an stadtarchiv@marburg-stadt.de. Weitere Informationen zu Beständen und Nutzungsbedingungen sowie Links zu digitalisierten Dokumenten des Stadtarchivs unter https://www.marburg.de/stadtarchiv.

Von Stefan Dietrich