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Marburg Das Erbe der Einkaufsstraße: Wie erfindet man die Oberstadt neu?
Marburg Das Erbe der Einkaufsstraße: Wie erfindet man die Oberstadt neu?
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08:08 01.03.2021
Gähnende Leere in der Fußgängerzone, kaum etwas los in den wenigen Geschäften – dabei haben manche Läden wie „Lifestyle&Genuss“ von Erik Metzger und Eva Therre trotz Dauer-Lockdown geöffnet. Wie es um die Zukunft von Geschäften wie ihrem in der Wettergasse steht? Ungewiss
Gähnende Leere in der Fußgängerzone, kaum etwas los in den wenigen Geschäften – dabei haben manche Läden wie „Lifestyle&Genuss“ von Erik Metzger und Eva Therre trotz Dauer-Lockdown geöffnet. Wie es um die Zukunft von Geschäften wie ihrem in der Wettergasse steht? Ungewiss Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Schritte durchbrechen die Stille. Das Knacken von Schuhen auf dem Splitt, der den Schnee der Vortage hat schmelzen lassen, hat einen Fußgänger verraten. Ein junger Mann, circa Ende 20, mit Kopfhörern auf den Ohren, läuft gedankenverloren über das Kopfsteinpflaster. Er scheint keine Notiz davon zu nehmen, dass er der Einzige weit und breit in der Wettergasse ist, er durch ein Spalier dunkler, geschlossener Läden läuft. Entweder ist der Anblick normal geworden, oder er kümmert ihn nicht mehr.

Die Entwicklung der Oberstadt

Dabei gibt es kaum etwas, das die Marburger, ob nun Kommunalpolitik, Wirtschaftsleute oder Shopping-Freunde mehr beschäftigt als die Zukunft der Oberstadt. Und das nicht erst seit dem 2020 vorgelegten Entwicklungskonzept, auch nicht erst seit Corona. Aber jetzt, da die Zukunft ungewisser denn je ist und dieses viele Dutzend Seiten und 130 konkrete Vorschläge umfassende Papier da ist, wird es ernst: Was tun? Zumal in einem neuen Korsett, das manche Vorzeichen ändern wird: die Folgen der Pandemie.

Die Oberstadt im Winter 2020/2021: Das Ladensterben hat begonnen. Quelle: Thorsten Richter

Denn sie hat die seit Jahren laufende Entwicklung verschärft: die Krise des stationären Einzelhandels, dem Herzstück auch der Oberstadt. Vom Zentralen Immobilien Ausschuss heißt es, fußend auf eigenen Erhebungen in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020, dass schon damals bundesweit rund 2.000 Handelsunternehmen bundesweit Insolvenz anmeldeten. Der Handelsverband HDE geht davon aus, dass der Branche etwa 200.000 Insolvenzen bevorstehen. Und das war noch vor dem Dauer-Lockdown zwischen November und – mindestens – Mitte März dieses Jahres. Die Angst geht um, auch in der Oberstadt.

Eva Therre steht vor ihrem Laden „Lifestyle & Genuss“. „Ein täglicher Kampf, es gibt kaum Kunden. Das hat mit Fußgängerzone nichts zu tun, hier ist der Hund begraben.“ Und das Sterben hat schon begonnen: Euro-Shop, die Kult-Kneipe U14 in der Untergasse und nach 15 Jahren in der Barfüßerstraße Wassana, schräg gegenüber von Therres Laden auch Hussel. „Ist das jetzt der Anfang vom Ende? Wir haben uns doch gerade erst was Neues aufgebaut.“ Mitten in der Pandemie eröffnete sie mit ihrem Mann Erik das Geschäft. „Wir brauchen jeden Euro, aber es reicht hinten und vorne nicht.“

Röllmann: „Viele bestehende Geschäfte haben Zukunft“

Corona hin oder her, wie sieht die Lösung, die Zukunft der Innenstädte, speziell der Marburger aus? In der Bundespolitik gibt es Forderungen nach einer stärkeren Regulierung des Onlinehandels oder Digitalisierungs-Hilfen für kleine Läden. Es geht auch in der Universitätsstadt um Logistik- und Lieferwege wie Micro Hubs.

Dabei ist die Frage für Stadtentwickler und Wissenschaftler nicht mehr, wie man die – noch – vom Einzelhandel dominierten Innenstädte retten kann. Vielmehr wird bereits das Ende, das Erbe der Einkaufsstraße entwickelt: Was ist bei weniger Verkaufsfläche an Neuansiedelungen, an neuen Nutzungs-Ideen möglich und welche Angebote werden gebraucht?

Jan-Bernd Röllmann, Stadtmarketing-Chef in Marburg. Quelle: Archiv

Jan-Bernd Röllmann hat da Ideen. Der Chef des Marburger Stadtmarketings sieht zwischen Steinweg und Universitätsstraße eine Einkaufsgegend, „die bietet, was künftig gefragt sein wird“. Nämlich Läden mit „besonderen Sortimenten und fachlicher, familiärer Beratung“ statt austauschbarer Massenware von Filialisten, die Innenstädte wie in Gießen prägen und deren Verkauf immer mehr ins Internet abwandern. Amazon, Zalando und Co. ließen sich nicht mehr aufhalten. „Immer wurde gesagt, das Kleinteilige und Enge ist ein Problem. Das Gegenteil ist der Fall: Der heimische Handel wird mit der Sonderstellung mehr denn je punkten“, sagt er. Auf ihre Weise könnten heimische Händler auch mit den Versand-Riesen konkurrieren. „Viele bestehende Geschäfte haben Zukunft und viele neue Unternehmer haben Ideen.“

Ein Problem ist der Online-Handel

Die Online-Konkurrenz um Amazon ist nur ein Problem. Und nicht mal zwingend das größte. Vor allem hohe Ladenmieten sind es, die Händlern das Leben schwermachen. „Wegen sinkender Marktanteile des stationären Handels ist es sehr wahrscheinlich, dass immer weniger Händler in der Lage sind, hohe Innenstadt-Mieten zu bezahlen“, heißt es vom HDE. In der Pandemie haben einige Immobilienbesitzer in Marburg die Miete für die Händler oder die Gastronomen reduziert, gestundet, manche vorübergehend erlassen. Um weiteren, zuletzt offiziell von zwei auf rund ein Dutzend Ladenzeilen gesunkenen, aber etwa durch Zwischennutzungen wie Ateliers, durch Ticketverkaufs- oder Sozialläden kaschierten Geschäfte-Leerstand, zu vermeiden.

Konzentriert sich der Handel in Zukunft immer mehr am und um den Marktplatz? Quelle: Thorsten Richter

Ein Gewerbetreibender in der Oberstadt, der aber anonym bleiben möchte, rechnet vor: „Im Normalfall macht die Miete bei mir rund 15 Prozent der Kosten aus. Je weniger ich einnehme, desto schwerer drückt mir dieser immer gleich bleibende Posten auf die Brust.“ In 2020 erließ sein Vermieter ihm einiges, seit Jahreswechsel nicht mehr. „Jetzt wird es schwerer zu atmen.“

Röllmann weiß um das Problem. Aber: Laden-Mietpreise in Marburg würden bereits purzeln, das Renditestreben abnehmen. 25, 20 Euro pro Quadratmeter statt 40, 50 Euro würden Kostendruck senken und Ideen neuer Geschäftsinhaber möglich machen.

Trend zur Mietsenkung

Auch bei Haus & Grund, dem Verband privater Immobilienbesitzer, spürt man nach eigenen Angaben bereits einen Trend zu Mietsenkungen, zum Aufsetzen neuer, auch flexiblerer Rechtsvereinbarungen für Gewerbeflächen. Hohe Forderungen, die niemand bezahlen kann oder will? Vom Leerstand profitiert niemand, wie man in den vergangenen Jahren vor allem in der Wettergasse sah; da ändern auch Freiraum-Folien nichts dran. Die Not schweißt also zusammen, das Ziel auch: Man will, man muss das Zentrum lebendig halten. Wenn nicht, droht die Oberstadt zum Schlaf- statt Studentenleben-Stadtteil zu werden.

Doch die Magnetwirkung des Handels, so heißt es selbst vom HDE werde immer weiter schwinden. In die Stadt gehen, um Waren zu kaufen? Jahr um Jahr werde das weniger der Fall sein. Alternative: „Es braucht Begegnungsräume und Erlebnisangebote.“

Ansatz der „Bürger für Marburg“

Ein Ansatz, den etwa die BfM seit Jahren vertreten. Sei es das, wenn auch weiterhin auf den Handel gepolte Modell einer „Freiluft-Mall“ oder der Ruf nach mehr kleinen wie großen Veranstaltungen, nach Auftritten von Musikern, Künstlern und der Organisation von Mitmach-Angeboten, nach einem Schloss-Schrägaufzug. Der Gedanke ist immer derselbe: Mit einem attraktiven Teilhabe-Angebot, mit Unterhaltung, etwas von Freizeitwert Menschen anlocken. Der Unterschied: Künftig nicht vor allem aus Konsum-, um Umsatz-, sondern zum Selbstzweck. Der Warenkauf wird zum Neben-, zum Mitnahmeeffekt. Die Fachberatung zu speziellen Produkten etwa in Show-Rooms verdrängt den Vor-Ort-Kauf.

Röllmann sagt, dass genau das nach der Pandemie im Zentrum gelingen müsse: Mehr Erlebnis-Charakter in die Oberstadt zu bringen, innovative Geschäftsideen und Verkaufskonzepte zu etablieren. Auch wenn einige Läden wohl demnächst verschwinden würden: „In Marburg müssen wir nicht schwarz sehen.“ Einer, der nicht verschwinden will, erfolgreich war und immer positiv bleibt, ist Lukas Wahl.

„Marburgs Markenkern“ sind die kleinen Läden

„Bietest du nichts, bist du nichts“, sagt er. Sein Sneaker-Shop in der Barfüßerstraße ist Verkaufsfläche, Onlineshop und vor allem Treffpunkt für eine bunte Szene, die ebenso aus Football-, Basketball- und Musik-Fans wie dem bürgerlichsten Bürgertum besteht.

Wie viele Inhaber ist Wahl wegen seiner fachlichen Beratung, seines Auftretens und Nahbarkeit zur Marke geworden. „Die kleinen Läden mit ihrer Power, das ist Marburgs Markenkern. Besucher, Touristen feiern das.“

Lukas Wahl in seinem Sneaker-Geschäft in der Oberstadt. Quelle: Archiv

Einheimische seien meist zu kritisch mit ihrer eben wegen dem Fehlen großer Ketten und Läden einzigartigen Einkaufsstraße. „Online? Klar, man muss mit. Aber wenn man für sein Ding brennt, wird auch im stationären Handel immer etwas abfallen. Es läuft eben nicht mehr wie von selbst.“ Es brauche deshalb „für Menschen mehr Gründe, herzukommen, als nur zu konsumieren, sprich Veranstaltungen. Sonst ist Ebbe in der Kasse.“ Und perspektivisch Leere in den Ladenzeilen, gerade wenn – wie nun im Dauer-Lockdown – Gastronomie und Handel in Symbiose abschmelzen.

Stadtplaner und Handelsverbände denken immer weniger in Umsatz-, vielmehr in Fragen des Publikumsverkehrs. Nicht vorwiegend aus Shopping-Fans, sondern aus Menschen, die sich treffen, eben etwas erleben wollen. Kindergärten und Spielplätze. Repair-Cafés, wie es sie etwa in Cappel gibt, sind laut Urbanistik-Forscherin Sandra Wagner-Endres vor allem ein Angebot, mit dem sich heimische Unternehmen von entfernter Online-Konkurrenz abheben könnten.

Bedroht durch die Corona-Pandemie

Flächen für Start-ups, Nachhaltigkeits- und Öko-Läden, die Kreativbranche und die auch vom HDE befürwortete Rückkehr von Handwerk und Produktion in die Zentren dienten der „multifunktionalen Innenstadt von morgen“. Benachbarte Geschäfte würden so Umsatz machen können, einfach weil Menschen in der Nähe sind. Und diese wollen konsumieren.

Zwei Steinwürfe von der Oberstadt entfernt hat Christian Großmann sein Geschäft. „Der Handel ist das, was sich durch die 800 Jahre Stadtgeschichte zieht, wie nichts anderes. Nun, wegen den Corona-Folgen ist der gewachsene, kleinteilige Einzelhandel bedrohter denn je“, sagt er. Für ihn ist wenige Monate vor dem Stadtjubiläum die entscheidende Frage: „Was will Marburg sein und was will die Stadt werden?“ Sicher möchte sie, dass es für die Einkaufsstraßen ein Erbe gibt.

Von Björn Wisker

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