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Marburg Das Bangen der Händler in Marburg
Marburg Das Bangen der Händler in Marburg
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19:58 15.12.2020
Wieland und Florian Sulzer in ihrem Spielwarengeschäft, das es seit 100 Jahren gibt.
Wieland und Florian Sulzer in ihrem Spielwarengeschäft, das es seit 100 Jahren gibt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Der letzte Einkaufstag vor dem wochenlangen Lockdown hat in Marburg für weit weniger Last-Minute-Shopping gesorgt als am Montag. Den Händlern ist so oder so mulmig.

„Der Lockdown trifft den Einzelhandel natürlich hart“, sagt Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg.

„Das Weihnachtsgeschäft macht für einzelne Branchen die Hälfte bis zwei Drittel des Jahresgeschäfts aus. Wenn das wegfällt, ist das existenziell bedrohlich.“

Viele Einzelhändler hätten versucht, durch längere Öffnungszeiten noch einiges zu retten. Das werde aber nicht reichen, um die fehlenden zehn Tage Weihnachtsgeschäft auszugleichen. Die Politik müsse nun „die Existenzen der Einzelhändler zielsicher schützen“, die versprochenen Hilfen für Einzelhändler sowie für Gastronomie und Hotellerie müssten schnell fließen.

Teka-Chef fordert „Quäntchen Normalität“

„Es ist einfach eine Katastrophe“, sagt Friedrich Bode vom Werbekreis Oberstadt. „Das Weihnachtsgeschäft ist die Hauptzeit für den Einzelhandel – und das läuft immer erst spät an. Diese Umsätze fehlen jetzt. Ich bin mir sicher, dass es Geschäfte gibt, die im Januar aufhören müssen.“ Die Schließung von Läden „macht Amazon nur größer“, befürchtet Bode.

Der Lockdown sei zwar nötig aufgrund der hohen Infektionszahlen. „Aber man hätte die Geschäfte bis Samstag offen lassen sollen und dafür im Januar länger schließen“, meint er. Einen Ansturm auf die Läden vor der Schließung, in den ersten Tagen dieser Woche, sieht er nicht: „Das funktioniert nicht, viele müssen ja in der Woche arbeiten.“

„Ich als Unternehmer stehe voll hinter den Maßnahmen“, sagt dagegen Teka-Geschäftsführer Bernd Brinkmann. „Natürlich ist es existenzbedrohlich – für den Handel ist der Dezember der entscheidende Monat. Aber wir haben eine Pandemie. Das hat sich kein Politiker und kein Unternehmer so gewünscht, das ist wie ein Erdbeben oder eine Flutwelle.“

„Die zwei Tage retten uns nicht mehr“

Kritisch sieht Brinkmann, dass die schon am Sonntag verkündete Schließung der Geschäfte erst Mitte der Woche in Kraft tritt: „Die Entscheidung hat natürlich dazu geführt, dass die Menschen jetzt animiert sind – sie sind jetzt unterwegs.“ Das sei menschlich, aber nicht im Sinne der Entscheider. Dem Handel nütze das wenig: „Die zwei Tage retten uns nicht mehr. Es spielt keine Rolle, ob mir das Wasser an der Stirn steht oder bis zu den Augen – ich kriege auch dann keine Luft.“

Durch den Lockdown müsse man aber im Januar zu einem „Quäntchen Normalität“ zurückkehren können. Ständige und dauerhafte Schließungen werde die Wirtschaft – Teka selbst sei mit Reserven ausgestattet – nicht verkraften.

„Das tut natürlich richtig weh“, sagt Ulrich Mücke, Prokurist beim Kaufhaus Ahrens, zu den Schließungen. Man habe gehofft, dass der Lockdown erst nach Weihnachten komme – nun sei das früher notwendig gewesen. Die Folgen für den Handel ließen sich noch nicht beziffern. „Aber wir haben die Corona-Zeit genutzt, um den Online-Handel auszubauen. Und wir stellen auch fest, dass das verstärkt genutzt wird.“

Trotz Einnahme-Einbruch Zuversicht bei Sulzer

Nach der Lockdown-Ankündigung habe dies noch zugenommen: „Wir haben heute schon eine Verdopplung oder Verdreifachung des Online-Handels.“ Das könne natürlich das stationäre Geschäft nicht ersetzen – und das solle es bei Ahrens auch nicht.

„Wir wollen ein Einkaufserlebnis und Beratung bieten, der Kunde soll die Ware anfühlen und anprobieren können.“ Mit dem bisherigen Dezember-Geschäft im Kaufhaus ist er zufrieden: „Es lief erstaunlich gut in den letzten zwei Wochen. Es waren zwar etwas weniger Besucher, aber die im Haus waren, haben mehr gekauft.“

Wieland Sulzer, Inhaber von Spielwaren-Sulzer am Messeplatz, hat als Mensch Verständnis für den Lockdown. „Die Gesundheit ist erst einmal das Allerwichtigste“, sagt er. Auch als Senior-Chef des Marburger Traditionsunternehmens, das seit 100 Jahren Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubert, blickt er trotz Lockdowns hoffnungsvoll in die Zukunft. „Ich bin sicher, dass wir das überstehen werden.“

Frage nach Wettbewerbsgleichheit

Als Vorsitzender des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels weiß er jedoch, dass es für einige Kollegen seiner Branche schwer werden dürfte. Schließlich erziele die Spielwarenbranche in den Monaten November und Dezember rund 40 Prozent des Jahresumsatzes.

„Jetzt fehlt die Hälfte des Dezembers, das ist schon hart“, so Sulzer, der sich bei so manchen politischen Entscheidungen die Frage nach der „Wettbewerbsgleichheit“ stellt. Kritisch sieht er zum Beispiel, dass immer mehr Discounter und Lebensmittelmärkte Spielwaren verkaufen – und das eben auch im Lockdown.

Sohn Florian Sulzer ist zuversichtlich, dass die Marburger auch im Lockdown bei ihnen als Fachhändler kaufen werden. Im Frühjahr während des ersten Shut-Downs habe man das Online-Angebot ausgebaut. „Wir stellen sicher, dass die Kinder ihre Weihnachtsgeschenke auch in diesem Jahr bekommen werden.“

Online-Bestellung bei Meier läuft

Wie schon die Frisöre konnten sich auch die Fleischer vor dem Lockdown vor Anfragen nicht retten. „Das Telefon steht nicht still, jeder will wissen, ob die Läden offen sind. Wir sind gerade mehr Nervenberuhiger als Verkäufer“, sagt Martin Meier, Innungs-Obermeister. Ja, die Betriebe seien weiter offen – aber man bitte im ganzen Landkreis wegen sonst drohender Warteschlangen vor den Läden um Vorbestellungen ganzer Einkäufe.

„Jeder muss sich etwas einfallen lassen, von früher auf- und später zumachen bis zum Lieferdienst. Bei den stationären Läden ist es wichtig, dass man Andrang so gut es geht vermeidet“, sagt Meier, der selbst einen Laden in der Marburger Universitätsstraße betreibt. Sein Geschäft, der Catering-Bereich, leide spürbar unter der Pandemie, unter abgesagten Veranstaltungen. Immerhin: Online-Bestellfunktion, Geschenkboxen mit regionalen Produkten funktionierten laut Meier ganz gut.

Von Stefan Dietrich, Björn Wisker und Nadine Weigel

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