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Marburg Darum ist Mund-Nasen-Schutz wichtig
Marburg Darum ist Mund-Nasen-Schutz wichtig
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13:07 08.04.2020
Mit dem Tragen der Mund- und Nasenmasken schützen wir uns selbst und unsere Mitmenschen, sagt Professor Renz. Quelle: Uwe Zucchi
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Warum Masken tragen?

Mit dem Tragen der Mund- und Nasenmasken schützen wir uns selbst und unsere Mitmenschen! Basierend auf Daten aus China und anderen Regionen, gehen wir gegenwärtig davon aus, dass das Virus weit mehr verbreitet ist, als bisher angenommen. Dieses liegt daran, dass viele Virusträger symptomfrei sind oder nur ganz kurze Zeit ganz milde Symptome zeigen. Dieses betrifft wahrscheinlich 8 von 10 Infizierte. Viele merken es also gar nicht! Deswegen ist Mund-Nasen-Schutz so wichtig, denn der Mund-Nasen-Schutz verhindert, dass die Viren in die Umwelt getragen werden und wir somit unsere Mitmenschen infizieren können. Umgekehrt gilt auch, dass der normale Mund-Nasen-Schutz uns vor Viren schützt, die sich in der Luft befinden bzw. als Aerosole von unseren Mitmenschen abgegeben werden.

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Macht mit!

Habt Ihr Fragen zum Coronavirus?

Dann schreibt uns eine E-Mail an beratung@op-marburg.de mit Euren Fragen. Ganz egal, ob es medizinische Fragen sind, Fragen des Arbeitsrechts oder anderes. Die OP wird die Fragen vorsortieren und legt sie einem Experten vor. Die Antworten lest Ihr in der Oberhessischen Presse oder hier auf op-marburg.de. Wenn Ihr nicht wünscht, dass Euer Name erwähnt wird, vermerkt das bitte ausdrücklich. 

Was sind die gesellschaftlichen und psychischen Auswirkungen des Lockdowns?

Die sozialmedizinischen und psychischen Auswirkungen dieser einmaligen Ausnahmesituation sind überhaupt noch gar nicht abschätzbar. Es wird darauf ankommen, die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen dieser Extremsituation zu erfassen und darauf schnell mit geeigneten Maßnahmen zu reagieren.

Aber es wird jetzt schon deutlich, dass nicht jeder diese Situation gleichermaßen gut verkraftet. Wir sehen beispielsweise eine Stigmatisierung von Patienten in unserer Gesellschaft. Dies wäre aber das Falscheste, COVID-19-Patienten gesellschaftlich auszugrenzen und zu isolieren. Die Infektion ist begrenzt und überschaubar, die Rückkehr in ein normales gesellschaftliches Leben ist für jeden Einzelnen nach Ausheilen der Infektion und Aufbau der Immunität voll umfänglich möglich.

Hier ist jetzt ein enger gesellschaftlicher Zusammenhalt gefordert. Denken wir an unsere Alten und Pflegebedürftigen, hier fordern wir und praktizieren die totale Isolation. Gerade diese Gruppe in der Gesellschaft braucht aber unsere besondere Zu- und Hinwendung. Was für ein Dilemma! Das ruft nach neuen Kommunikationsformen und innovativen Ideen!

Professor Harald Renz ist Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Ärztlicher Geschäftsführer am Universitätsklinikum Marburg. Foto: Thorsten Richter

Apropos Kommunikationsformen. Was wir gerade erleben auf Facebook, Twitter und Plattformen wie Google Zoom ist erstaunlich und faszinierend zugleich. Es ist vielversprechend und hoffnungsvoll zu sehen, dass sich neue Gesprächsplattformen finden, Nachbarschaftshilfe wieder selbstverständlich wird, viele junge Menschen sich wieder der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung bewusster werden, Hilfskonzepte entwickeln, jeder für sich und jeder nach seinen Möglichkeiten, jeder an seinem Platz.

In dem unmittelbaren Berufs- und Lebensumfeld wird es jetzt wichtig, Konflikte herunterzufahren, Aggressivität und Spaltung zu reduzieren, Wertschätzung zu fördern. Der Mensch ist für eine solche Isolation nicht „gebaut“ und ausgestattet. Wir sind ein Gruppen-Wesen. Gleichzeitig sind es aber viele Berufstätige nicht gewohnt, so eng und dicht über einen so langen Zeitraum Tag für Tag und Woche für Woche mit ihren Lieben unter einem Dach, vielleicht in einer kleinen Mietwohnung ohne Garten etc. zu wohnen. Das steigert das Aggressionspotenzial, die eigene Unzufriedenheit wird übertragen auf die Gruppe. Hier braucht es Hilfsansätze, auch gerade von den Profis und genau das ist es, was wir beobachten können, Telefonseelsorge, Hotlines usw. Ich persönlich bin mir sicher, dass wir diese Krise überwinden werden, dafür ist unsere Gesellschaft stark genug, aber unsere Gesellschaft wird nach der Krise nicht mehr dieselbe sein, wie vor der Krise. Schon jetzt macht sich eine Wertedebatte breit, die Bedeutung des Gesundheitswesens wird neu diskutiert und bewertet.

Was gibt es Neues aus der Welt der Zahlen?

Mit den Zahlen und den Statistiken beim Coronavirus ist es nicht ganz so einfach. Lassen Sie uns versuchen, die Dinge ein bisschen auseinanderzunehmen:

  • Die Basisreproduktionszahl (R0): Diese Zahl gibt an, wie viele andere Menschen von einem Infektiösen durchschnittlich angesteckt werden, aber nur, wenn in der Gruppe keine Immunität gegenüber dem Erreger besteht. Das ist beim Coronavirus der Fall, ein neues Virus, keine Immunität in der Bevölkerung. Hier wird, und da sind sich die Experten relativ einig, die Basisreproduktionszahl angegeben zwischen 2 und 3, eher zwischen 2,4 und 2,6. Setzen wir das einmal in den Vergleich, so sind die Basisreproduktionszahlen bei Masern 15, bei Keuchhusten 14, bei der Kinderlähmung 6 und sie wurde geschätzt auch zwischen 2 und 3 bei der Grippepandemie von 1918. Insofern ähneln sich COVID-19-Erkrankte und Grippe(Influenza)-Epidemie von 1918 sehr.
  • Die Herdenimmunität: Erst wenn eine sogenannte „Herdenimmunität“ erreicht ist, also ein großer Teil der Bevölkerung sich gegen das Virus immunisiert hat, wird die Virusverbreitung deutlich gehemmt. Bei einer Basisreproduktionszahl zwischen 2 und 4 müssen sich zwischen 50% und 75% der Bevölkerung immunisiert haben. Wie steht es dabei bei uns? Wir sind von einer solchen Durchdringung des Virus in unserer Bevölkerung allerdings noch meilenweit entfernt! Neueste Erhebungen des Imperial College COVID-19 Response Teams haben dafür 11 europäische Länder untersucht und kommen auf folgende Zahlen (zum Stand 28. März 2020): In Frankreich 3% der Bevölkerung, in Italien etwa 10% der Bevölkerung, in Deutschland rund 1% der Bevölkerung. Es gibt die Dunkelziffer: Da die Virustestungen nur durchgeführt werden bei (schwer oder massiv) Erkrankten, wissen wir nicht wirklich, wie weit sich das Virus in der Gemeinschaft ausgebreitet hat. Deswegen ist es dringend erforderlich, dass wir regionenbezogene Untersuchungen durchführen, um die Ausbreitung des Virus zu erfassen. Hier ist die Politik – und insbesondere auch hier einmal die Landespolitik – ganz besonders gefragt! Jede Woche, in der wir nicht ein solches Antikörperscreening planen und organisieren, ist eine verlorene Woche!

Hat der Lockdown einen Effekt?

Auch das wurde jüngst von der Arbeitsgruppe in London untersucht und zwar mit besonderem Hinblick auf die Fragestellung der Anzahl an Verstorbenen. In Italien und Spanien, wo die Coronawelle schon sehr viel länger und heftiger verläuft, sind entsprechende Untersuchungen durchgeführt worden. Für Italien konnte errechnet werden, dass trotz allem Druck auf das Gesundheitssystem, dass ohne die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, dort etwa 3,7 Mal mehr Todesfälle aufgetreten worden wären, dass also umgekehrt 38.000 Todesfälle bisher verhindert werden (zum Stand 31. März 2020). Daten für die anderen 10 europäischen Länder liegen ebenfalls vor. Die Berechnungen gehen davon aus, dass in allen 11 untersuchten europäischen Ländern bisher etwa 59.000 Todesfälle verhindert werden konnten.

Man kann dies allerdings immer nur rückrechnen, nämlich indem man die Todesfälle von einem Stichtag rückrechnet auf die Infektionszahlen von 2 bis 3 Wochen, denn es dauert ungefähr 2 bis 3 Wochen zwischen Auftreten der Symptome und dem Versterben an der Coronavirusinfektion.

Deswegen ist es leider eine schräge Betrachtung, die wir jeden Tag in den Nachrichten und in den Zeitungen erfahren, wenn nämlich die Infektionszahlen desselben Tages mit den Todeszahlen desselben Tages nebeneinander betrachtet werden. Hier wird von vielen Seiten schon lange gefordert, die Daten auch für die Öffentlichkeit besser darzustellen und verständlicher zu machen. Auch sollte die Zahl der Infizierten bezogen werden auf die Bevölkerung, also z.B. pro 100.000 Einwohner statt sie einfach als absolute Zahlen in den medialen Orbit zu senden.

Wie lange soll der Lockdown anhalten und weiter durchgeführt werden?

Dies alles zusammengenommen gilt eigentlich für uns hier in Deutschland: Der Lockdown muss noch einige Wochen konsequent durchgeführt werden, um wirklich optimale Effekte hieraus zu erzielen. Ein wichtiger Indikator hierfür ist die sogenannte Nettoreproduktionszahl (RT). Diese Nettoreproduktionszahl ist für die Beurteilung des Verlaufs einer Infektion von großer Bedeutung. Hier wird nämlich mit eingerechnet, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung zwischenzeitlich immun geworden ist. Wenn die Nettoreproduktionszahl kleiner als 1 ist, sinkt die Zahl der Infizierten und die Erkrankung bildet sich zurück.

Jetzt kommt aber das Dilemma: Mit einem Rückgang der Nettoreproduktionszahl wird auch der Aufbau der Herdenimmunität verlangsamt. Wenn nämlich dann der Lockdown aufgehoben wird, ist die Herdenimmunität noch nicht hinreichend aufgebaut und das Virus kann sich wieder neu schnell verbreiten. Dies ist dann die „zweite Welle“ der Infektion.

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Was ist zu tun?

Um die Effizienz der jetzt durchgeführten Maßnahmen beurteilen zu können, um das Risiko abschätzen zu können, was nach einer Lockerung des Lockdowns passiert, und um abschätzen zu können, ob und wann und wenn ja, mit welcher Heftigkeit eine zweite Infektionswelle droht, brauchen wir ganz dringend, ganz schnell viel bessere und umfänglichere Daten. Hier ist die Politik gefordert, die notwendige Infrastruktur und Mittel so rasch wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dies gelingt nur durch intensives und breiteres Testen in Bezug auf die Immunitätslage der Bevölkerung. Solche Tests bringen aber nur etwas, wenn sie regionenbezogen durchgeführt werden.

Ein Beispiel: Eine Region, in der sehr viele Infektionen aufgetreten sind (Baden-Württemberg, südliches Elsass, Großstädte, Bayern, Landkreis Heinsberg, Nordrheinwestfalen etc.) haben eine sehr viel höhere Rate der Durchdringung des Virus als Regionen, die weniger und milder betroffen sind. Also ist zu vermuten, dass die Herdenimmunität in den Regionen, wo jetzt das Coronavirus ganz besonders heftig tobt, schneller aufgebaut wird, als in anderen Regionen (zu denen wir z.B. zählen). Um das aber genau abschätzen und voraussagen zu können, muss es regionenbezogene, breit angelegte Datenerhebungen geben.

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