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Marburg Dachdecker Safi will weiter hoch hinaus
Marburg Dachdecker Safi will weiter hoch hinaus
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10:56 23.08.2020
Safi Shuji hat seine Ausbildung zum Dachdecker geschafft.
Safi Shuji hat seine Ausbildung zum Dachdecker geschafft. Quelle: Andreas Schmidt
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Heiß ist es an diesem Nachmittag auf dem Flachdach in Wetters Neubaugebiet. Doch das macht Safi Shuji (20) nichts aus. Er hat weitaus Schlimmeres erlebt, als er 2015 aus Afghanistan geflohen ist. Ein halbes Jahr hat seine Flucht gedauert, unter anderem verbrachte er 24 Stunden im Radkasten eines Lastwagens. War das nicht gefährlich? „Doch schon“, sagt Safi und zuckt mit den Schultern. Denn das ist Vergangenheit, abgehakt – wenn auch nicht vergessen. Ihm geht es nun darum, sich ein Leben in bescheidenem Wohlstand in Deutschland aufzubauen.

Eine weitere Hürde dazu hat er kürzlich genommen: Safi hat seine Gesellenprüfung als Dachdecker bestanden. Ein hartes Stück Arbeit war die Prüfung, und im ersten Anlauf ist er durchgefallen. „In der Praxis war alles super“, sagt er. Und in der Theorie weiß er auch alles – doch die Sprache macht ihm immer noch zu schaffen, vor allem beim Schreiben.

In der Nachprüfung hat er voll überzeugt

Also musste er in die mündliche Nachprüfung – und dort konnte Safi mit seinem Wissen überzeugen, sodass er die Nachprüfung mit 80 Prozent bestand.

Wie kam Safi Shuji dazu, eine Ausbildung zum Dachdecker zu beginnen? „Ich war zunächst ein halbes Jahr in Frankfurt, kam dann nach Kirchhain in eine Wohngruppe“, erzählt er. Er absolvierte seinen Hauptschulabschluss an der Georg-Büchner-Schule – und machte verschiedene Praktika: Bei einem Garten- und Landschaftsbauer, als Koch oder auch im Baumarkt. Und dann eben auch als Dachdecker bei der Firma Dörr. „Alle anderen Praktika waren eher langweilig. Aber Dachdecker, das hat mir gefallen – immer an der frischen Luft, schöne Ausblicke.“

Für Thorsten Dörr, Chef der Unternehmensgruppe mit drei Standorten und 70 Mitarbeitern, stand außer Frage, dem jungen Mann eine Chance zu bieten. „Wenn Integration gelingen soll, dann geht das nur, wenn die Flüchtlinge auch Arbeit bekommen“, sagt er. Daher war für Dörr klar: „Wir versuchen das – auch, wenn sein Deutsch damals wesentlich schlechter war, als heute.“

Fluchterfahrung führt zu Selbstbewusstsein

Dabei lief nicht immer alles glatt, „es hat auch mal ordentlich geraucht“, sagt Dörr. Denn dadurch, dass Safi alleine schon auf seiner Flucht so viel erlebt habe, „ist er nicht der klassische Lehrling, der mit der Playstation groß geworden ist und erst in der Ausbildung mit der Realität des Lebens und Themen wie Pflichterfüllung konfrontiert wird“, sagt Dörr. Durch seine schon in jungen Jahren gemachten Erfahrungen sei Safi „im Vergleich zu anderen Lehrlingen viel selbstbewusster – das war für ältere Kollegen nicht immer einfach“.

Doch wurden die Probleme gelöst. Dabei geholfen hat auch Ingo Herde aus Schröck. Der ehemalige Leiter der Beruflichen Schulen Kirchhain engagiert sich seit seiner Pensionierung für den „Senior Experten Service“ (SES). Dort geben Menschen das in ihrem Berufsleben gesammelte Wissen beispielsweise an Azubis weiter, damit diese ihre Ausbildung schaffen. Und das nicht nur mit fachlicher Nachhilfe – sondern manchmal auch, wie im Fall von Safi, beim Verstehen von Behördenschreiben oder bei Problemen im täglichen Leben. Oder eben, wenn es mit Kollegen kracht. „Damals war Safi ziemlich deprimiert. Aber wir haben dann in einem Gespräch das Problem aus der Welt geschafft – inzwischen kommen alle gut miteinander klar“, sagt Herde.

Er gibt zu bedenken: „Andere Azubis haben Eltern, die ihnen helfen – Safi ist alleine. Er musste sich nach einem Jahr in der Wohngruppe eine Wohnung suchen und dann den gesamten Alltag alleine bewältigen“, so Ingo Herde. Ob früh und pünktlich aufstehen, Wäsche waschen oder aufräumen – auch diese Selbstständigkeit „musste Safi erstmal lernen“.

„Nach der Gesellenprüfung muss nicht Schluss sein“

Lernen ist insgesamt ein großes Thema im Leben des 20-Jährigen. Denn: Als er nach Deutschland kam, hatte er lediglich vier Jahre Koranschule absolviert, „dort habe ich noch nicht einmal Rechnen gelernt“, sagt er. Daher war der Hauptschulabschluss binnen zwei Jahren „schon gigantisch“, weiß Ex-Schulleiter Herde.

Thorsten Dörr ist mit der Erfahrung, die er mit Safi gesammelt hat, sehr zufrieden. So zufrieden, dass er weitere Flüchtlinge eingestellt hat. Und zu seinem neuen Gesellen sagt er: „Er ist zielstrebig und ehrgeizig – da muss nach der Gesellenprüfung nicht Schluss sein.“

Parallel zur Ausbildung hat Safi auch den Führerschein gemacht – „und bestanden“, sagt er voller Stolz. Nun hat er von der Firma Dörr einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche – und ein Ziel: „In drei, vier Jahren möchte ich mir ein Haus kaufen.“

von Andreas Schmidt

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