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Marburg Cyber Week: Erst denken, dann klicken
Marburg Cyber Week: Erst denken, dann klicken
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15:58 26.11.2020
Die Watchlist Internet ist eine unabhängige Informationsplattform zu Internet-Betrug und betrugsähnlichen Online-Fallen aus Österreich.
Die Watchlist Internet ist eine unabhängige Informationsplattform zu Internet-Betrug und betrugsähnlichen Online-Fallen aus Österreich. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Da war es, das Angebot, auf das Susanne Klein immer gewartet hatte. Die Küchenmaschine hatte sie schon länger ins Auge gefasst. In dem Online-Shop sollte sie über einhundert Euro weniger kosten. „Na klar habe ich das Impressum gecheckt. Da stand eine Adresse aus dem Norden. Die Kennung der Webseite war .de. Was sollte da schon schiefgehen“, berichtet sie im OP-Gespräch.

Susanne Klein überweist das Geld, wird auch bei der spanischen IBAN-Nummer nicht stutzig. Erst eine Nacht später kommen ihr Zweifel. Sie recherchiert und findet heraus, dass schon mehrere Schnäppchenjäger auf den vermeintlich deutschen Online-Shop reingefallen sind und keine Ware erhalten haben. „Ich habe noch versucht, über meine Bank die Überweisung aufzuhalten – keine Chance“, berichtet die 34-jährige alleinerziehende Mutter, die sofort eine Anzeige bei der Polizei gestellt hat. „Mein Geld ist wohl trotzdem weg. Aber wenigstens ist der Shop mittlerweile abgeschaltet.“

So wie Susanne Klein ergeht es vielen Online-Käufern. Allein 2019 gab es 3 000 Anzeigen im Bereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen. In fast 90 Prozent der Fälle konnten die Beamten die Täter ermitteln. „Das bedeutet aber nicht, dass die Geprellten auch ihr Geld zurückbekommen haben“, sagt der polizeiliche Fachberater Cybercrime, Ulrich Kaiser. Und er meint damit sowohl Käufer als auch Verkäufer. Selbst die gehen oft mit einem finanziellen Schaden aus einem geschlossenen Vertrag, vor allem Privatpersonen. Denn in den diversen Online-Kleinanzeigen-Märkten tummeln sich ebenso Betrüger wie im weltweiten Internet.

Ulrich Kaiser rät, „auf Spontankäufe zu verzichten. Preisvergleiche, vor allem bei Anbietern vor Ort, sind zu empfehlen. Da kostet die Ware eventuell wenige Euro mehr, aber sie wird geliefert.“ Extrem niedrige Preise sind oft ein Indiz, dass es sich um einen sogenannten Fake-Shop handelt. „Was zu gut klingt, das ist oftmals nichts Gutes“, weiß der Spezialist, der an die Käufer appelliert: „Immer auf sichere Zahlungswege achten und den Kauf auf Rechnung forcieren. Wenn das nicht geht, dann Zahlungsweisen nutzen, die einem selbst bekannt sind. Aber Vorsicht bei ausländischen IBAN-Nummern. Die sind oft auch ein Indiz für unseriöse Verkäufer.“ Gerade beim Verkauf über Kleinanzeigen-Portale sollten auf keinen Fall persönliche Dokumente, wie beispielsweise der Ausweis, als Fotos verschickt werden. „Der könnte anderweitig zur Legitimierung bei anderen Geschäften genutzt werden“, warnt Kaiser vor dieser unseriösen Praxis der Betrüger.

In diesem Zusammenhang verweist er auf die Gütesiegel, die viele vertrauenswürdige Online-Shops mittlerweile erwerben können. Dafür muss der Shop verschiedene Kriterien erfüllen. „Allerdings wird nur der Ablauf des Bestellprozesses überprüft, nicht die Qualität der verkauften Artikel“, erklärt der Kriminaloberkommissar. „Trusted Shops, s@fer shopping von TÜV Süd, EHI geprüfter Online-Shop und das ips-Gütesiegel der Datenschutz Cert sind die bekanntesten Gütesiegel, wobei Trusted Shops sogar international zertifiziert. Bei Online-Shops, die kein Siegel haben, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie unseriös sind. Besonders Kleinunternehmer und Start-ups können sich häufig zu Beginn der Online-Karriere den Siegelerwerb nicht leisten. Denn der Check kostet Geld, manchmal sogar mehrere Tausend Euro.“

Aktionstag am Montag

Ein wichtiger Schutz beim Online-Kauf ist auch ein sicheres Passwort. „Je länger, desto besser“, sagt Ulrich Kaiser. „Aktuell wird zu zwölf Zeichen mit Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Sonderzeichen geraten. Wichtig ist bei der Zusammensetzung, dass keine Wörter genutzt werden, die im Wörterbuch zu finden sind, „sondern vielmehr vermeintlich zufällig zusammengesetzte Zeichen und Ziffern“. Das macht es auch Rechnern schwer, ein Passwort zu entschlüsseln. Denn diese können beispielsweise von einem Passwort, bestehend aus einem Groß- und fünf Kleinbuchstaben, innerhalb von zehn Sekunden alle Kombinationen prüfen und so das Passwort entschlüsseln – und das sind fast 20 Milliarden Möglichkeiten. Allein durch die Erhöhung auf neun Stellen und die Nutzung von Sonderzeichen erhöht sich die Prüfzeit auf 9,1 Jahre. „Daran ist erkennbar, je länger ein Passwort ist und mehr Kombinationen möglich sind, desto schwieriger ist es, dieses zu knacken – auch für die Künstliche Intelligenz“, betont Ulrich Kaiser.

Alle, die noch Fragen haben oder sich unsicher fühlen, können sich am Cyber Monday von 13 bis 15 Uhr telefonisch beraten lassen. Ulrich Kaiser, der Fachberater Cybercrime des Polizeipräsidiums Mittelhessen, beantwortet am Montag, 30. November, Fragen unter 06 41 / 70 06 29 42.

Von Katja Peters

27.11.2020
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