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Marburg Coronavirus steckt Firmen nicht an
Marburg Coronavirus steckt Firmen nicht an
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14:49 06.03.2020
Auch Firmen der heimischen Wirtschaft sind vom Coronavirus betroffen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Wirtschaft ächzt zum Teil unter dem Coronavirus. So zum Beispiel den Veranstaltungstechniker Flashlight aus Marburg. Denn: Zahlreiche Veranstaltungen sind wegen des Virus abgesagt woprden – jüngst die Oberhessenschau und der Marburger Frühling. Flashlight-Geschäftsführer Arwed Fisher bringt es auf den Punkt: “Wenn es keine Veranstaltungen mehr gibt, kann ich den Laden abschließen.“

Doch so weit soll es nicht kommen – und so dramatisch malt Fischer das Bild für sein Unternehmen mit 25 Angestellten nicht. „Natürlich tun uns die Absagen weh. Aber wir sind zum Glück sehr breit aufgestellt, sodass wir einige Ausfälle durchaus kompensieren können“, sagt Fischer. Andere – vor allem größere – Unternehmen der Branche, die sich spezialisiert hätten, müssten bereits Leute entlassen. Und Ein Messebauer habe im März 90 Prozent seiner Aufträge verloren. „Firmen aus meiner Welt, die sich auf das Thema Automobil spezialisiert haben, haben immense Probleme“, weiß der Geschäftsführer. Für einige Unternehmen komme nun wohl auch das Aus.

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Das will Fischer, der seit 30 Jahren in dem Geschäft tätig ist, auf jeden Fall vermeiden. Er verdeutlicht: „Dabei geht es mir nicht um die Firma – sondern um die Menschen.“ Die „Flashlight-Familie“ sei etwas ganz Besonderes.

Wie dramatisch ist die Situation für die Unternehmen?

„Für uns ist es aus dem ersten Blickwinkel noch nicht ganz so schlimm, aber ich kann noch nicht beurteilen, wie es weiter geht“, sagt Arwed Fischer. Und fügt ein wenig zynisch hinzu: „Immerhin ist heute noch keine Veranstaltung abgesagt worden.“

Er sei froh, „dass wir in einer kleinen Stadt sind und wir nicht nur Großveranstaltungen machen“. Fischer erlebt, dass vor allem in den Sozialen Netzwerken Panikmache dominiere. „Ich glaube, wenn es wirklich so schlimm wäre, wie die Situation dort dargestellt wird, dann wäre die Situation wohl eher wie in Italien – das bedeutet, dass alles abgesagt würde.“

Zu rechnen sei für ihn damit gewesen, „dass uns eine Tournee in der Schweiz abgesagt wurde. Bei einer anderen, die gerade mit 30 Terminen gestartet ist, habe ich noch keine einzige Absage erhalten – und die macht auch einen kleinen Schlenker in die Schweiz. Der Teil wird vielleicht ausfallen.“

Wenn noch mehr Veranstaltungen abgesagt werden – hat Fischer dann einen Plan B? „Als erste Option zum Beispiel Kurzarbeit“, sagt er. Und für ihn steht fest: „Ich werde bis zum Letzten für meine Mitarbeiter kämpfen.“

Und wie sieht es andernorts aus?

Ruhe bewahren, Handlungshinweise an die Mitarbeiter geben und die Entwicklung beobachten, so lässt sich die Lage bei Unternehmen im Hinterland zusammenfassen.

Ja, das Virus ist ein Gesprächsthema unter den 850 Mitarbeitern von Elkamet, sagt Personalleiter Michael Honndorf, aber man sei noch relativ gelassen, da es keinen konkreten Fall in der näheren Umgebung gibt. Die Unternehmensleitung wirke deeskalierend, damit sich keine Hysterie an den drei Standorten in Biedenkopf, Wolfgruben und Friedensdorf verbreitet. Aushänge und das Verbreiten von Handlungsempfehlungen im Intranet geben den Mitarbeitern die nötigen Informationen im Umgang mit der Bedrohung.

Auf diesen verantwortungsbewussten Umgang setzt die Geschäftsführung auch bei den Außendienstmitarbeitern, die vor Reisen ins Ausland stehen. Ob sich das Ausbreiten der Infektionen auf die Produktion auswirken werde, sei derzeit nicht absehbar. Sollte es zum Beispiel bei Zulieferern zu Problemen kommen, könne durch Verschieben von Personal und Schichten darauf reagiert werden, meint Honndorf.

Bei Roth Industries bildete sich in der Buchenauer Zentrale eine Arbeitsgruppe, die „flexibel auf neue Situationen reagiert und Handlungsanleitungen anpasst“. Zudem gab die Geschäftsführung Leitlinien aus, wie zum Beispiel für das Aufschieben von Reisen in Risikogebieten, erklärt Pressesprecherin Jacqueline Lachwa.

Bisher gebe es noch keine wirtschaftlichen Auswirkungen, allerdings würden Lieferanten und Kunden sehr genau beobachtet, um möglichst „proaktiv“ zu reagieren. Sollte es doch zu Ausfällen in der Produktion kommen, durch Lieferengpässe oder Erkrankungen von Mitarbeitern, so könnten diese freigestellt werden oder im Homeoffice arbeiten. Hinsichtlich von Kundenkontakten versuchen die Mitarbeiter von Roth Industries, die Absagen von Messen durch den Einsatz von digitalen Medien zu kompensieren.

Reaktionen von Kunden habe man auch bei Sonderanlagenbau Hof in Lohra registriert, berichtet Projektüberwacher Stefan Becker. So gebe es Gespräche, um feststehende Liefertermine „nach hinten zu verschieben“, um das Risiko zu verlagern. Eine Infektion unter den 280 Mitarbeitern an den beiden Standorten in Lohra könne sich durchaus auf einen der drei Bereiche auswirken, es könne aber weiterhin produziert werden, ist Becker zuversichtlich.

Dennoch seien die Mitarbeiter verunsichert, wogegen die Unternehmensleitung mit Aushängen und Handlungshinweisen gegenzusteuern versucht und auch überlegt, weltweite Einsätze abzusagen.

Pandemieplan bei den Stadtwerken in Marburg

Die Stadtwerke Marburg verfügen nach eigenen Angaben über einen Pandemieplan. Mitarbeitern, auch den Busfahrern, stehen Handdesinfektionsmittel, auch in Tuben zum Mitnehmen für Außendienste, zur Verfügung. In den sanitären Räumen, der Kantine und in Bereichen mit Publikumsverkehr seien auch Handdesinfektionsapparate mit Piktogrammen zur Handhygiene aufgestellt.

Gesonderte Konjunkturprogramme zur Linderung der Coronavirus-Krise lehnt Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) ab. Die Störung globaler Wertschöpfungsketten könne durch klassische konjunkturpolitische Maßnahmen wie Steuersenkungen oder zusätzliche staatliche Investitionsprogramme kaum bekämpft werden, erklärte der Minister in Wiesbaden.

„Wo Lieferketten unterbrochen sind und Bänder stillstehen, weil die Beschäftigten krank sind, bringt auch zusätzliches Geld nichts in Gang“, sagte Schäfer laut einer Mitteilung.Hessen sei gut vorbereitet und setze auf bewährte Mittel wie Kurzarbeitergeld und kurzfristige Liquiditätshilfen für betroffene Unternehmen. Dafür stehe zum einen ein Bürgschaftsrahmen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Zum anderen würden die Finanzämter noch einmal sensibilisiert, etwaige Anträge auf Steuerstundungen oder geringere Vorauszahlungen zügig zu prüfen. Auch so könnten die Unternehmen entlastet werden. 

Von Gianfranco Fain und Andreas Schmidt