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Marburg Hamsterkäufe in Marburg
Marburg Hamsterkäufe in Marburg
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08:00 29.02.2020
Ärztin Sabine Gronen-Kern aus Marburg hat sich mit mehr Lebensmitteln eingedeckt als sonst. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Der Kofferraum ist voll. Die beiden Kästen Mineralwasser verstaut Sabine Gronen-Kern im Fußraum ihres Wagens. „Ich habe mehr Tee, mehr Linsen und Hirse eingekauft als sonst“, sagt die 68-Jährige lächelnd. Sie will auf das Coronavirus vorbereitet sein und hat sich an den Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe orientiert. Die Behörde empfiehlt ganz allgemein, einen Vorrat für zehn Tage zu Hause zu haben.

Sabine Gronen-Kern war am Freitag nicht die einzige, die sich mit mehr Lebensmitteln als gewöhnlich eingedeckt hat. Hamsterkäufe haben in zahlreichen Marburger Geschäften für fast leere Regale gesorgt. Vor allem Nudeln und Reis sind heiß begehrt. Auf dem Parkplatz von Tegut und Aldi in Cappel herrscht Freitagmittag Hochbetrieb. „Hier ist eben ein Mann mit einem Transporter vorgefahren und hat 20 Kisten mit natriumreichen Mineralwasser gekauft“, erzählt ein Marburger kopfschüttelnd und räumt eine kleine Einkaufstüte in sein Auto. „Ich verstehe die Panik nicht“, sagt er.

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Auch Matthias Pusch, Pressesprecher der Supermarktkette Tegut aus Fulda, will nichts von Panik wissen. „Wir sind gut auf mögliche Hamsterkäufe eingerichtet“, sagte Pusch auf Anfrage der OP. Von leeren Regalen könne noch nicht die Rede sein. Auch nicht in Marburg. Aber in den vergangenen Tagen gebe es eine verstärkte Nachfrage nach „den Klassikern“ Nudeln und Reis. „Das kann man sich gut zu Hause hinstellen und lange lagern“, machte der Tegut-Sprecher deutlich.

Quelle: Nadine Weigel

In Sachen Lebensmittelkauf gibt es im Rewe-Markt am Erlenring bisher keine ungewöhnlichen Verkaufszahlen, erklärte der stellvertretende Marktleiter David Hohenhaus der OP auf Anfrage. Allerdings berichtete er, dass verstärkt Desinfektionsmittel für die Hände und für Möbel nachgefragt werden. Diese sind auch in Marburger Drogerien ausverkauft. Die Beobachtung deckt sich mit der Checkliste für den Katastrophenfall des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sie ist für den Fall einer Katastrophe wie Hochwasser, Stromausfall oder Sturm gedacht und könnte theoretisch auch für den Fall einer überregionalen Pandemie angewendet werden. Auf der Checkliste wird ein Lebensmittelvorrat empfohlen, aber eben auch essentielles Zubehör für die Hausapotheke wie Haut- und Wunddesinfektionsmittel oder spezielle Medikamente.

Die Marburger Tafel fürchtet unterdessen, dass die Lebensmittel zur Verteilung an die Bedürftigen knapp werden. „Das Spendenaufkommen geht zurück, die Hamsterkäufe treffen uns bereits“, sagt Pascal Barthel, Tafel-Vorstand, auf OP-Anfrage. „Es bleibt für die, die Waren am meisten bräuchten, gerade weniger übrig.“ Corona treffe somit die Schwächsten selbst dann, wenn sie nicht das Virus abbekämen, sagt er.

Um sowohl die 200 ehrenamtlichen Mitarbeiter als auch die rund 2 500 Kunden in der Ernst-Giller-Straße vor Ansteckungen zu schützen, hat man in den Räumen Desinfektionsmittel bereitgestellt. Es gebe seit Tagen Anrufe von Kunden, die sich unsicher sind, ob die Tafel –Stichwort Menschenansammlungen – geöffnet habe oder es Mundschutz-Pflicht gebe. „Hygiene ja, Hysterie nein: Wir halten die Versorgung aufrecht – solange es das Spendenaufkommen zulässt“, sagt Barthel.

Aktuell ist im Landkreis Marburg-Biedenkopf noch kein Erkrankungsfall bekannt, teilte der Pressesprecher des Kreises am Freitag gegen 15 Uhr mit. Die Krankenhäuser in der Region seien auf jeden Fall gut vorbereitet. Das Gesundheitsamt des Kreises tausche sich regelmäßig mit anderen Beteiligten aus.

Checkliste Katastrophenfall

Vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gibt es eine Checkliste für den Katastrophenfall, die auch auf für den Fall möglicher Pandemien anwendbar sein könnte. „Im Fall einer Katastrophe wie Hochwasser, Stromausfall oder Sturm besteht die Gefahr, dass Lebensmittel nur noch schwer zu bekommen sind. Sorgen Sie daher für einen ausreichenden Vorrat. Ihr Ziel muss es sein, 10 Tage ohne Einkaufen überstehen zu können“, heißt es dort in der Checkliste.. Der beispielhafte Grundvorrat für eine Person entspricht 2200 Kilo-Kalorien pro Tag und deckt im Regelfall den Gesamtenergie-Bedarf ab. Neben 20 Litern Getränke werden 4 Kilogramm Gemüse und Hülsenfrüchte, 2,5 Kilogramm Obst und Nüsse, 2,6 Kilogramm Milch und Milchprodukte sowie Fisch, Fleisch, Eier (bzw. Volleipulver) und Fette/Öle (357 Gramm) empfohlen. Nach Belieben können zusätzlich noch unterschiedliche Lebensmittel wie Zucker, Honig, Schokolade, Instantbrühe oder Salzstangen hinzukommen.

Von Nadine Weigel, Björn Wisker, Manfred Hitzeroth

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