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Marburg Erzieher haben das Warten satt
Marburg Erzieher haben das Warten satt
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17:58 02.04.2021
Eine Erzieherin spielt in einer Kita mit Kindern. Erzieher arbeiten täglich nah am Kind, viele warten sehnlichst auf eine Corona-Schutzimpfung.
Eine Erzieherin spielt in einer Kita mit Kindern. Erzieher arbeiten täglich nah am Kind, viele warten sehnlichst auf eine Corona-Schutzimpfung. Quelle: Uwe Anspach
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Marburg

Seit Monaten rotieren Erzieher im ganzen Land im steten Auf und Ab des Pandemie-Karussells, ihr Berufsalltag verändert sich ständig, offene Kitas, teilgeschlossene Kitas, Notbetreuung, eingeschränkter Regelbetrieb.

Der berufliche Kern aber bleibt konstant, die enge Kinderbetreuung. So war es im ersten, so ist es im dritten Lockdown. Nur dieses Mal kommt die Corona-Mutante hinzu, die auch in Kitas und Kindertagespflege deutlich mehr Spuren hinterlässt und Infektionszahlen in die Höhe treibt. Spätestens jetzt, eigentlich schon längst, ruft der ganze Berufsstand nach einer Schutzimpfung.

Erzieher gingen bei Gruppenimpfungen leer aus

Erzieher sind seit Ende Februar bundesweit als impfberechtigte Gruppe der Prioritätsstufe 2 gleichbedeutend mit Grund- und Förderschullehrern eingestuft. Das Land Hessen initiierte für vorletzte Woche auch landesweite Gruppenimpfungen, neben Lehrkräften waren ebenso Erzieher dazu aufgerufen. Sie gingen mangels Impfstoff an heimischen Impfzentren jedoch leer aus, sehen sich bei den Schutzimpfungen generell außen vor, wie mehrere Erzieher der OP berichten.

Ihr Frust steigt, auch Kita-Leitungen – angesprochen auf die aktuelle Stimmung unter den Erziehern – berichten von einem sehr ähnlichen Bild: Enttäuschung unter den Mitarbeitern, das Gefühl, vergessen worden zu sein. Mit dem Wegfall des Astrazeneca-Impfstoffs für Unter-60-Jährige steigt zusätzlich die Sorge, noch länger auf der Strecke zu bleiben.

Stress durch Mehrbelastung

Dabei arbeiten Erzieher täglich im Risikobereich eng mit Kindern zusammen, trösten, nehmen in den Arm, putzen Schniefnasen. In der Regel aus pädagogischen Gründen ohne Maske, „es ist für uns kein Schutz in dem Sinne möglich – man kann den Kindern ja nicht sagen: Putz dir die Nase selber“, gibt etwa Burgel Hochgesand-Geulen, Leiterin der Kinderkrippe Cappeler Straße, ein Beispiel. Die abgesagten Impftermine ärgern sie immens, „wir sind sauer, uns belastet das Thema gewaltig, als Zielgruppe Erzieher fühlen wir uns nicht gut geschützt“, betont sie.

Hinzu komme der Stress durch Mehrbelastung, viele Kitas arbeiten bereits „im roten Bereich, durch Corona steigt der Personalbedarf gravierend“, berichtet etwa Kai Abraham, Kaufmännischer Geschäftsführer der Kindertagesstätten vom Gesamtverband der Evangelischen Kirchengemeinden in Marburg.

Träger versteht Frust

Auch der Träger würde mehr Impf-Tempo begrüßen, verstehe den Frust der Mitarbeiter, „hinzu kommt noch das nicht eingelöste Impfversprechen“: Im Auftrag des Landes wurden vor einigen Wochen über die Schulämter Personallisten für mögliche Impftermine erstellt.

„Wir mussten in ganz kurzer Zeit alle Listen zusammenstellen, seitdem ist nichts passiert.“ Dafür könne indes weder das Jugendamt noch das Gesundheitsamt etwas, das Heft in der Hand habe das Land, „es mangelt da an der Kommunikation“, empfindet Abraham die Lage. Das Warten sei zunehmend zermürbend, „man bekommt das Gefühl, als stehe man an letzter Stelle, kämpft aber an vorderster Front – es gibt wenige Impftermine, aber die Einrichtungen bleiben offen, das ist ein Skandal“, sagt auch Anja Diekmann, Leiterin des Familienzentrums Hansenhaus.

Angst vor einer Infektion steigt

Die Furcht vor einer Ansteckung steige, belaste den Berufsalltag, „eine Impfung würde eine gewisse Sicherheit geben, nicht nur den Kolleginnen, sondern auch den Familien“. Die wachsende Ungeduld und dass viele Betroffene langsam kein Verständnis mehr aufbringen können, sei „sehr verständlich, ich nehme aber auch die Problematik wahr, dass der Impfstoff knapp ist, das ist ein Riesendilemma“, berichtet Pfarrer Alexander Bartsch, Vorsitzender des Zweckverbands evangelischer Kindertagesstätten im Kirchenkreis Kirchhain.

Ein Problem sei, dass mit der Einstufung in die höhere Priorisierung plus Impfangeboten erst Hoffnungen geweckt wurden, die nun am fehlenden Impfstoff scheitern, „es tut sich ja etwas, über die Geschwindigkeit lässt sich aber streiten“, sagt Bartsch.

Impfungen für Erzieher geplant

Träger und Kita-Leitungen berichten, dass sich viele Erzieher auf die Impftage verlassen hatten, zudem aufgerufen waren, sich für die Sammeltermine und nicht mehr einzeln zu registrieren, „im Sinne einer effizienten Terminkoordinierung“, hatte das Land geraten. Das taten viele Mitarbeiter von Kitas und Tagespflege, dann platzten wiederholt Termine.

Der Grund: Es fehlt der Impfstoff, wie der Landkreis auf Nachfrage mitteilt. Das Impfzentrum habe mögliche Zeitblöcke freigehalten, „allerdings konnten vom Impfzentrum in Ermangelung von Impfstoffen keine Zeiten für Termine an einem der vergangenen Wochenenden vergeben werden.“

Land plant keine weiteren Impftage

Weitere Impftage seien von Seiten des Landes bisher nicht geplant. Sobald aber Impfstoff-Nachschub in Aussicht steht, sollen im Kreis auch Erzieher an die Reihe kommen: „Wir halten dem Staatlichen Schulamt, je nach Verfügbarkeit von Impfstoffen, Zeiten zur Terminierung frei.

Trotz der neuen Situation hinsichtlich des Impfstoffes Astrazeneca werden wir, soweit die vom Land angekündigten Dosen anderer Impfstoffe geliefert werden, noch diese Woche mit der Impfung von Mitarbeitenden der Kindertagesstätten und Tagespflegepersonen beginnen“, berichtet die Kreis-Pressestelle.

Von Ina Tannert

02.04.2021
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