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Marburg „Einfach nur traurig“
Marburg „Einfach nur traurig“
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07:59 20.12.2021
Laut Polizeiangaben zogen rund 250 Menschen durch Marburg und demonstrierten gegen eine vermeintliche „Impfpflicht“ und die Corona-Maßnahmen.
Laut Polizeiangaben zogen rund 250 Menschen durch Marburg und demonstrierten gegen eine vermeintliche „Impfpflicht“ und die Corona-Maßnahmen. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Marburg

Samstag, 14 Uhr: Vor dem Hauptbahnhof versammeln sich immer mehr Menschen. Erst nach mehrmaliger Aufforderung des Ordnungsamtes ziehen die meisten Masken auf, andere zeigen Atteste vor, die sie von der Maskenpflicht befreien.

„Es ist ein Symbol der Sklaverei, Masken machen krank, genauso wie Abstand. Was wir brauchen, ist Freiheit und Liebe“, ruft eine Frau ins Mikrofon und erntet lautstarken Applaus. Die Demo zieht los in Richtung Innenstadt. Dutzende Einsatzkräfte der Polizei marschieren voran. „Friede, Freiheit, keine Diktatur“, skandieren die Demo-Teilnehmer. Einige halten Herzen hoch, andere haben Plakate gebastelt, auf denen durchgestrichene Spritzen zu sehen sind und „kein Impfzwang“ oder „Afghanistan-Krieg + Cum-Ex + Wirecard = Kapitalverbrechen. Covid-19?“ zu lesen ist.

In der Bahnhofstraße muss der Demozug stoppen, linke Gruppen haben mit ihren Fahrrädern die Straße blockiert. „Sind Euch 104 000 Tote noch nicht genug?“ und „Queerdenken statt Querdenken“ steht auf ihren Plakaten. Eine Sprecherin klärt auf, warum sie sich der Coronademo entgegenstellen: „Heute ziehen Corona-Schwurbler durch Marburg, um ihre unwissenschaftlichen, unsolidarischen und antisemitischen Inhalte zu verbreiten. Die Gefahr durch Covid-19 wird verharmlost und verleugnet, wohingegen Schutzmaßnahmen regelrecht verteufelt werden. Impfungen und Masken werden auf komplett unwissenschaftlicher Basis als gefährlich und unterdrückend dargestellt. Das ist verantwortungslos und egoistisch. Wir wünschen uns einen sozialen und solidarischen Umgang mit der Pandemie.“

Linke Gegendemonstranten haben die Coronademo mehrmals bei ihrem Zug durch Marburg aufgehalten. Quelle: Nadine Weigel

Derweil nutzen die Impfskeptiker und Maßnahmenkritiker die Pause zum Singen von „We shall overcome“ und der Deutschlandhymne. „Ich halte die Impfung für gefährlich. Ich möchte keine Genmanipulation in meinem Körper“, sagt eine der Teilnehmerinnen im Gespräch mit der OP. Die Frage, ob sie vor Corona keine Angst habe, weil ja fast ausschließlich Ungeimpfte auf Intensivstationen liegen, verneint sie. Das sei eine Lüge, man dürfe nicht alles glauben, was im Fernsehen gesagt werde, sagt die Künstlerin.

Nach gut zwei Stunden wird der Demozug ein letztes Mal vor dem Cineplex blockiert. Während die Sprecherin der Coronademo erneut vor „irreparablen Impfschäden“ warnt, schaut eine Familie, die gerade aus dem Kino kommt, dem Treiben kopfschüttelnd zu. „Eine gute Bekannte ist mit 42 Jahren an einer Corona-Infektion gestorben. Ich weiß nicht, wie ich meiner 13-jährigen Tochter erklären soll, warum Menschen eine schützende Impfung so vehement ablehnen. Das ist einfach nur traurig“, findet der Familienvater.

Eine Marburgerin, die mit ihrem Sohn gerade ins Kino geht, hat auch keinerlei Verständnis für die Demo. „Die“, sagt sie, den Blick auf die Impfskeptiker gerichtet, „gehören zu den 30 Prozent, die Schuld daran sind, dass wir alle noch sehr, sehr lange eine Maske tragen müssen.“

Gegen 17 Uhr enden Demo und Gegendemo am Blochmann-Platz. Bis auf kleinere Pöbeleien ist alles friedlich verlaufen.

Von Nadine Weigel

19.12.2021