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Marburg „Das Schlimmste steht uns noch bevor“
Marburg „Das Schlimmste steht uns noch bevor“
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15:09 14.05.2021
Ein Arzt untersucht im Distrikt Hospital Lamjung ein kleines Mädchen.
Ein Arzt untersucht im Distrikt Hospital Lamjung ein kleines Mädchen. Quelle: Thomas Meier
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Marburg

Während hierzulande angesichts sinkender Infektionszahlen zunehmend Lockerungsaussichten und Urlaubsgefühle in den Blick rücken, nimmt die Corona-Pandemie in Südostasien immer drastischere Ausmaße an. Die Mutante B.1.617 breitet sich weiter aus, in Indien ist das Gesundheitssystem völlig überlastet, Menschen sammeln sich vor den Kliniken, können nicht aufgenommen werden – diese dramatischen Bilder gehen seit Wochen um die Welt.

Nun droht auch dem Nachbarland Nepal der Kollaps. Die Lage vor Ort spitzt sich trotz Shutdown zu, die Rückkehrer aus Indien werden aus den Städten verbannt, tragen Corona in ihre Heimatdörfer. „Es wird immer schlimmer hier, Covid ist überall präsent“, berichtet aus der Ferne Thomas Meier, der seit zwölf Jahren in Nepal lebt, gebürtig aus Waldeck-Frankenberg stammt.

Der gelernte Elektrotechnik-Ingenieur ist Projektleiter bei der Hilfsorganisation „Human Development & Community Services“ (HDCS), ein Partner der heimischen NGO Terra Tech. Die Hilfsorganisationen haben ihre Unterstützung in Indien wie Nepal intensiviert. Denn in dem kleinen Nachbarland sei das Gesundheitswesen noch schlechter aufgestellt als in Indien. Corona trifft dort vor allem die ärmeren Menschen in den städtischen Slums oder ländlichen Regionen. Außerhalb der Städte gebe es meist nur Basisgesundheitsstationen, Krankenschwestern seien oft das einzige medizinische Personal, berichtet der 45-Jährige aus der Hauptstadt Kathmandu.

Thomas Meier lebt seit 12 Jahren in Nepal. Quelle: Privat

Seit er 19 ist, arbeitet der gebürtige Flechtdorfer (bei Korbach) in der Katastrophen- und Entwicklungshilfe, war erst in Afrika, später in Afghanistan im Einsatz, lebt nun mit Frau und den drei Kindern in Nepal. Die Menschen dort sind ein hartes Leben gewöhnt, doch er spürt die Veränderung, „Nepalesen sind viel gewöhnt, sie finden normalerweise einen Weg, aber nun sehe ich zum ersten Mal große Angst in den Gesichtern“, beschreibt Meier seinen Eindruck der Menschen vor Ort, die zwischen strikter Ausgangssperre und Ausnahmezustand leben.

Denn bis vor kurzem war Covid eigentlich „immer weit weg, man hatte die Angst davor eigentlich verloren. Jetzt ist es überall.“ Seit rund zwei Wochen ist das Land komplett dicht, dennoch verschärfe sich die Lage weiter. Schon fast jeder zweite Coronatest falle positiv aus, 9 000 Positiv-Tests am Tag verzeichnet das Land. Dabei erhalten nur wirklich Kranke einen der teuren Coronatests, von denen es zudem nur wenige gibt.

Die Kliniken seien völlig überlastet, haben keine Betten mehr frei, zunehmend würden Mediziner auf das Triage-System setzen müssen – also entscheiden, welcher Patient behandelt wird und welcher seinem Schicksal überlassen werden muss. Die Hauptstadt Kathmandu hat sich abgeschottet. Die vielen verstreuten Dörfer würden noch weiter abgegrenzt, dort sei die Lage besonders schlimm. Fahrzeuge, ausgenommen Krankenwagen, dürfen nicht unterwegs sein. Kranke haben kaum Möglichkeiten, an ausreichend medizinische Versorgung zu kommen, müssen von Verwandten gepflegt werden, die sich ebenfalls anstecken. Ein Teufelskreis, der bislang nicht gebrochen werden konnte, betont Meier.

Sauerstoff wird

zum Luxusgut

Er versuche mit seiner Organisation gegenzusteuern, wo der Staat nichts tut. „Es ist ein Versagen der Politik, es kümmert sich keiner um die Menschen, politisch ist nicht viel zu erwarten und das merken die Leute auch.“

Lokale Verwaltungen würden ihr Möglichstes versuchen, das reiche aber nicht. Da es vor allem an Ausrüstung und Sauerstoff mangelt, versuchen Hilfsorganisationen vor Ort, Sauerstoffgeräte zu importieren. Das dauert Wochen. „Der Markt ist leer, man bekommt keine Sauerstoffbehälter und keine Schutzkleidung mehr“, so der Projektleiter. Die Preise für medizinische Technik sind explodiert und dabei gehe es gar nicht um Beatmungsgeräte, von denen es im ganzen Land lediglich 500 gebe, wobei die Überlebenschance zudem sehr gering sei. Für den Großteil der Bevölkerung überlebenswichtig sei die Chance auf eine Sauerstofftherapie, quasi die Vorstufe der künstlichen Beatmung, gerade da herrsche ein riesiger Engpass.

Um weitere Geräte anzuschaffen, floss bereits Spendengeld auch aus dem heimischen Landkreis. Terra Tech stellte 50 000 Euro an Soforthilfe zur Verfügung, berichtet der gemeinnützige Verein mit Sitz in Marburg. Die Hilfe der Partnerorganisationen läuft, doch sei der Bedarf immens hoch, immer mehr Kliniken meldeten weiteren Bedarf an. Terra Tech spricht von einem „Wettlauf mit der Zeit“.

„Die Krankenhäuser werden weiter volllaufen, das Schlimmste steht uns noch bevor“, befürchtet auch Meier. Ihm sei es wichtig, auf die prekäre Lage in Südostasien hinzuweisen, diese dem reichen Westen deutlich vor Augen zu führen: „Auch wenn keiner mehr das Wort Corona hören möchte, die Leute in Deutschland können sich glücklich schätzen. Es sterben auch dort Menschen, aber da kommt noch ein Krankenwagen, wenn man einen braucht“, betont Meier.

Ganz anders in Nepal, hier hänge die Gesundheit schon immer am Geldbeutel, die Pandemie vervielfache die Auswirkungen mangelhafter Versorgung nun weiter. Ein Grund für den Ingenieur, das Land mit der Familie zu verlassen, sei das indes nicht, im Gegenteil: Er halte es für seine Pflicht, weiterzumachen, aus religiösen wie persönlichen Motiven: „Ich denke, wir haben einfach als Menschen eine Verantwortung, uns um andere zu kümmern. Uns geht es so gut im Westen, andere haben dieses Glück nicht.“

Weitere Informationen unter www.terratech-ngo.de oder www.hdcsnepal.org.

Von Ina Tannert