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Marburg Esstisch statt Schule: Warum eine Familie ins Homeschooling will
Marburg Esstisch statt Schule: Warum eine Familie ins Homeschooling will
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12:00 09.04.2021
Inka Henseling und ihre Söhne Tim und Jannik (rechts) aus Oberwalgern berichten von den Härten, die die Präsenzpflicht in Förderschulen mit sich bringt.
Inka Henseling und ihre Söhne Tim und Jannik (rechts) aus Oberwalgern berichten von den Härten, die die Präsenzpflicht in Förderschulen mit sich bringt. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Vor ihm liegt ein Blatt mit Rechenaufgaben, doch das interessiert Jannik herzlich wenig. Er läuft lieber im Haus hin und her, beschäftigt sich mit allem, nur nicht mit Lernen. Gut, es sind Osterferien, und diesmal sind die Grundschulen ebenso regulär wie planbar und für einen festgelegten Zeitpunkt geschlossen. Diesmal. Das war in mehr als einem Jahr Corona-Pandemie nicht immer so – und wie es für den Zehnjährigen und seinen gleichaltrigen Bruder Tim nach offiziellem Ferienende weitergeht, ist offen. „Für mich wäre es besser, zuhause bleiben und hier lernen zu können. In der Schule ist es so anders, so unruhig, so schwer geworden“, sagt Tim.

Was der Viertklässler sagt, trifft noch mehr auf seinen Bruder Jannik zu. Der hat das Down-Syndrom, ist also behindert und benötigt weitaus mehr Betreuung und Aufmerksamkeit, nicht nur pädagogisch. Etwas, das er in der Marburger Mosaikschule auch bekommt. Eigentlich. Doch während der Pandemie und ihrer Alltagsfolgen hat sich für Jannik die Situation, das eigene Empfinden derart verändert, dass er „emotional kaum noch zu bändigen“ sei. Sowohl auf dem Schulweg im Bus als auch in der Schule „sorgt er für ziemliche Probleme. Er randaliert, schlägt um sich und bringt sich und andere in Gefahr“, wie seine Mutter Inka Henseling (43) sagt.

„Er kann es nicht schaffen,solche Regeln einzuhalten“

Was sie meint: Abstand halten ist für Jannik ebenso unmöglich wie Maske tragen. Dazu komme eine Weglauftendenz und die Tatsache, dass er Windeln trägt. Still sitzen bleiben, ständig Hände waschen, in die Armbeuge husten? „Er kann es nicht schaffen, solche Regeln einzuhalten. Er kann sich ja nicht mal ausdrücken. Es braucht ständigen Nahkontakt. Doch in der Schule können sie so einen Problemfall nicht stemmen, ich mache mir einfach große Sorgen.“

Auf, zu, auf, halb zu, ganz zu, und irgendwann wieder auf: Wie wichtig die Frage von täglicher Schulöffnung oder dauerhafter Schließung ist, und wie stark andauernder Unterricht in Präsenz oder Distanz den Alltag von Familien beeinflusst, zeigt die Situation der Henselings aus Oberwalgern. Seit 22. Februar gilt in Hessen für die Klassen 1 bis 6 – nach vorübergehender Aussetzung im Jahr 2020 – Präsenzpflicht. In Wechselunterrichtsmodellen, also in geteilten Klassen, geschieht das je nach Schule wochen- oder tageweise. „Ich kann verstehen, dass das für viele eine Entlastung ist. Für uns ist es in der Situation das Gegenteil.“

Henseling fordert daher vom Land Hessen, dass zumindest in Förderschulen jetzt ein anderes Prinzip greift: Dass Eltern selbst entscheiden können, ob sie ihre Kinder in Präsenz-Unterricht schicken oder nicht; zumal mit einem Okay der Schule. Einen entsprechenden Brief hat sie an Kultusminister Alexander Lorz geschickt, auch heimische Politiker informiert. Aus Wiesbaden erhielt sie die Antwort, dass im Vorfeld der Wiederaufnahme des Unterrichts ein „intensiver Beratungsprozess“ stattgefunden habe.

Land Hessen verweist auf Ausnahmeregel

Das Kultusministerium spricht in Mitteilungen selbst davon, dass es sich für den Schulbetrieb „anbietet, eine differenzierte und für die örtlichen Gegebenheiten flexible Ausgestaltung“ zu finden. Und das Land verweist auf Ausnahmeregelungen: Ein regelmäßig zu erneuerndes ärztliches Attest, „dass im Falle einer Infektion mit dem Coronavirus aufgrund der besonderen individuellen Disposition die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs besteht“.

Der entscheidende Punkt für die Fronhäuser Familie ist ein rechtliches: Bleibt Inka Henseling oder ihr Ehemann daheim, obwohl die Schulen prinzipiell geöffnet haben, können sie sich beruflich nicht freistellen, nicht pandemie-bedingt krankschreiben lassen, um die Kinder zu betreuen, geschweige denn zu beschulen. Heißt, wenn überhaupt: unbezahlter Urlaub, also Einkommens-Einbußen. Einsatz von Überstunden, Regelurlaub? Haben sie eben wegen der Sorge um Jannik schon jetzt quasi nicht mehr, und die Sommer- und Herbstferien sowie andere unabsehbare Ereignisse, etwa Krankenhausaufenthalte von Jannik, stehen erst noch bevor. „Und wenn mein Kind nicht so krank ist, kann und werde ich mich auch nicht krankschreiben lassen“, sagt sie.

„Auch wenn das sicher nicht für sehr viele gilt, aber bei uns lief das Homeschooling super und hat sich eingespielt.“ Schwer auszuhalten sei hingegen der Druck, selbst „täglich voller Sorge“ arbeiten gehen und sein Kind „entgegen dessen Bedürfnissen in die Schule schicken zu müssen“. Was Henseling will, ist Wahlfreiheit. Denn: „Für Jannik, aber auch viele andere Menschen ist es besser, wenn er vorerst zuhause bleibt und hier beschult wird. Damit wäre allen Betroffenen geholfen.“

Von Björn Wisker

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