Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Corona und Freiheit: Das lehrt uns die Philosophie
Marburg Corona und Freiheit: Das lehrt uns die Philosophie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:58 23.11.2020
„Absolute Freiheit gibt es nicht“, sagt der Marburger Philosoph Dr. Joachim Kahl. Und gleichsam zeige die Natur dem Menschen gerade, wie das wahre Kräfteverhältnis auf der Erde aussehe. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

In der Corona-Pandemie, während der seit Monaten andauernden staatlichen Einschränkung von in der Verfassung verankerten Grundrechten, fordern immer mehr Bürger Freiheit ein. Doch wie ist Freiheit definiert, um welchen Freiheitsbegriff geht es?

Mit welchem philosophischen Grundgedanken will man es halten – jenem von Denkern der Vergangenheit wie Immanuel Kant, Georg Hegel, John Stuart Mill oder doch Gegenwartsphilosophen wie Markus Gabriel oder dem Marburger Dr. Joachim Kahl?

Anzeige

„Wir müssen lernen anzuerkennen, dass wir frei sind. Das bedeutet, dass an unserer Freiheit, ob uns das gefällt oder nicht, einige Menschen sterben werden. Das ist schrecklich und tragisch, aber der Preis unserer Freiheit“, sagte Gabriel jüngst in einem Zeitungsinterview zur laufenden Corona-Bekämpfungspolitik.

Auch Professor Heribert Prantl, Rechtsgelehrter und Gesicht der „Süddeutschen Zeitung“, spricht angesichts der anhaltenden, gar wieder verschärften Einschränkungen vom Degradieren der Verfassungsregeln zu „Schönwetter-Grundrechten“. Freiheit sei die Grundlage der Gesellschaft.

Jedenfalls in der Moderne, denn das war nicht immer so. Für die griechisch-römische Antike war Freiheit nicht für alle Menschen bestimmt, sondern ein Privileg der Gebildeten und der Oberschichten. In Abgrenzung zu Sklaven und Unterworfenen. Bis ins 17./18. Jahrhundert hinein veränderte sich dieser Grundgedanke kaum.

1651 entwarf Thomas Hobbes dann ein neues Bild: Der Mensch soll sich mit „so viel Freiheit gegenüber den anderen zufriedengeben, wie er anderen gegen sich selbst einräumen würde“. Seine Staatstheorie sieht eine Unterwerfung unter einen Sicherheit garantierenden Staat, den „Leviathan“ vor. Dieser habe zwar per Staatsgewalt Leib und Leben zu schützen, aber unter Wahrung unpolitischer Alltagsfreiheit des Individuums.

Doch erst mit Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant (18. Jahrhundert) wurden jahrhundertealte Denk-Dogmen endgültig in Frage gestellt – und führten zu dem Freiheitsverständnis, das in der westlichen Welt seitdem bislang galt und in der Beschränkung von Staatsgewalt durch Grundrechte mündete.

Mill: öffentliche Moral gefährlicher als Gesetze

Kants Freiheitsbegriff schließt dabei reine Lustentscheidungen des Individuums – „Ich kann tun, was ich will“ – aus. Die Freiheit das zu tun, was man will, ist genau das Gegenteil von dem, was er als auf Vernunft fußende Freiheit verstand. Kant sagt: Auch wenn keine Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Wegen besteht, es also nur eine Handlungsmöglichkeit gibt, ist der Mensch solange frei, wie er selbst – und nicht fremdbestimmt – die Option als die richtige, als die gute anerkennt.

Zitat Kant: „Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, nicht Abbruch tut.“ Heißt: Wer eine Corona-Maske trägt, weil er es für richtig hält – also nicht, um sozialer Sanktion oder staatlicher Strafe zu entgehen – ist frei.

Georg Hegel bringt Jahrzehnte nach Kant nach dessen Grundgedanken ein Begriffspaar zusammen: Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit. Für ihn ist das Auswählen können zwischen vielen Möglichkeiten keine Freiheit, sondern lediglich Willkür. Freiheit werde daraus erst, wenn die Vernunft den Willen bestimmt. Wenn der Staat also aus vernünftigen Gründen Partys verbietet, dann schränkt er Hegel zufolge keine Freiheit ein, sondern nur Willkür. Also: Freiheit bedeutet nicht tun zu können, was man will.

Der liberale Denker John Stuart Mill, der im 19. Jahrhundert das „harm principle“ entwickelte, sieht die größte Freiheitsgefahr indes weniger in Gesetzen, sondern darin, dass private Lebensentwürfe einem Diktum der die Öffentlichkeit bestimmenden Moral – er nennt es „Tyrannei der Mehrheit“ – unterworfen werden. Während der Corona-Pandemie würde Mill in Anlehnung an sein Schadensprinzip wohl sagen: Jeder Einzelne soll seine individuellen Lebenspläne verfolgen, solange er niemanden damit schädigt. Kurzum: eher Modell Schweden statt Lockdown.

„Freiheit ohne Ordnung mündet im Chaos“

Der Marburger Philosoph Dr. Joachim Kahl sieht es so: Wie alles Menschliche habe auch Freiheit ihre Grenzen. „Absolute Freiheit gibt es nicht. Freiheit hat Grade und Stufen. Auch ist ihre Reichweite zu beachten. Sie ist umso größer, je mehr ich mir bewusst bin, dass sie ohne Ordnung und ohne Beachtung von Regeln im Chaos mündet“, sagt er im OP-Gespräch. Am Beispiel einer Verkehrsampel lasse sich erkennen, dass freie Fahrt über eine Kreuzung nur bei getaktetem Grün möglich ist.

Die Masken seien vergleichbar mit der Gurtpflicht im Auto: Es sei als „Selbstschutz und Schutz für andere Verkehrsteilnehmer erkannt und gesellschaftlich verankert“.

So, wie eben die Maskenpflicht. Sie diene dem Selbstschutz und dem Schutz der Mitmenschen vor Übertragung von Viren. Gurt und Maske „schränken Freiheit unbestreitbar ein, sind aber im Dienste des erstrebten Sieges über die Pandemie notwendig“.

Demut komme bei jenen ins Spiel, die angesichts von Corona „das wahre Kräfteverhältnis begreifen, das zwischen Natur und Mensch besteht. Demut klingt nach Religion und nach dem unterwürfigen Verhalten vor Fürstenthronen. Es bezeichnet aber auch eine realistische Einsicht in die bleibende Übermacht der Natur über den Menschen“, sagt Kahl.

Und was würde Niccolo Machiavelli sagen? Wahrscheinlich das, was er vor 500 Jahren sagte: „Wer an Freiheit gewöhnt war, dem ist jede Kette eine Last und jegliches Band eine Fessel.“

Von Björn Wisker