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Marburg „Corona kam für mich zum richtigen Zeitpunkt“
Marburg „Corona kam für mich zum richtigen Zeitpunkt“
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18:58 22.05.2021
Jan-Patrick Wallentin an seinem „Nebensache-Arbeitsplatz“.
Jan-Patrick Wallentin an seinem „Nebensache-Arbeitsplatz“. Quelle: Annika Müller
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Biedenkopf

„Und dann kam Corona ...“, sagt Jan-Patrick Wallentin mit einer Mischung aus Frust und Freude. Während seiner Schulzeit, im Studium, aber auch neben dem Job war für den Endzwanziger aus Biedenkopf die Musik immer fester Bestandteil seines Lebens. In der Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie saß der Schlagzeuger immer häufiger bei großen Musikproduktionen am Set, spielte in ganz Deutschland pro Jahr bis zu 40 Shows, und so spukte der Gedanke an einen Wechsel ins Profilager immer häufiger in seinem Kopf herum. „Aber ich gehöre nun mal zur Generation ,Safety First’ und habe dann entschieden, dass die Musik zwar die ganz große Leidenschaft, aber auch Nebensache bleibt“, erzählt Wallentin im Gespräch mit der OP: „Dadurch habe ich den Luxus, zu sagen: Diese Anfrage nehme ich an, die nicht.“

Doch da gab es eben diese Anfragen, bei denen auch ein Jan-Patrick Wallentin nicht „Nein“ sagt. Zum Beispiel 2018, Europapark Rust, Radio-Regenbogen Award. „Die Show gibt es seit 1998 und ist mit Events wie der Echo-Verleihung zu vergleichen“, erinnert sich Wallentin. 1500 Gäste aus der Medien- und Musikbranche wurden Zeugen, wie der Biedenkopfer für den US-Sänger „LAUV“ trommelte, der in dem Jahr als „bester Newcomer international“ ausgezeichnet wurde. „Es war ein krasses Gefühl, sich die Bühne mit Größen wie Johannes Oerding, Wincent Weiss oder Michael Patrick Kelly zu teilen“, erzählt Wallentin von seiner Erfahrung in Rust.

Kurze Zeit später das nächste Angebot, das man nicht einfach so ausschlägt: Hessentag in Korbach, „Planet Radio Party Attack“, 6 000 Fans erleben den britischen Songwriter Zak Abel: „Wir spielten unter anderem seinen bisher größten Hit ,Love Song’.“ Im darauffolgenden Jahr begleitete der Drummer zudem Natasha Bedingfield während eines ZDF-Auftritts in Mainz – wieder so ein Angebot, das man nicht links liegen lässt: „In der Liveshow haben wir ihren Hit ,Unwritten’ und ihre neue Single ,Everybody come together’ performt.“ Wallentin spricht beim Rückblick auf diese Zeit zwar von einem stressigen Pensum: „Aber das ist positiver Stress.“

Neu sortieren und Prioritäten festlegen

Der Kalender für 2020 war bereits entsprechend gut gefüllt und es wäre 2021 mit Sicherheit genauso weitergegangen, hätte nicht Corona die Welt auf den Kopf gestellt. „Mir ist bewusst, dass die Pandemie Existenzen gefährdet, zerstört und natürlich die gesamte Kulturbranche extrem leidet“, ärgert sich auch Jan-Patrick Wallentin über die seit mehr als einem Jahr andauernde Situation. Dennoch sagt er: „Corona kam für mich zum richtigen Zeitpunkt.“ Musik und die damit verbundenen Aufgaben seien seine absolute Leidenschaft, doch es sei an der Zeit gewesen, durchzuatmen, neue Energie zu sammeln, sich neu zu sortieren und Prioritäten festzulegen: „Ohne Corona hätte ich diese Möglichkeit zum Durchschnaufen nie bekommen.“

Wallentin, der nach seinem Germanistik- und Musikstudium in Marburg mittlerweile als Angestellter im Marketing- und Social-Media-Bereich arbeitet, hat die Pandemiezeit hauptsächlich dazu genutzt, sich in die Technik von Musikaufnahmen einzuarbeiten: „Das ganze Programm – Schlagzeugrecording, Arrangements, Videoaufnahmen.“ Die Ergebnisse sind bei YouTube, Instagram und Facebook (@jpwallentin) zu sehen: beispielsweise ein Song mit der Hamburger Sängerin Lorena Daum, die in der vergangenen Staffel von „The Voice of Germany“ durchstartete oder auch Wallentins Drumcover zum Song „Home“ von Roland Meyer de Voltaire.

Die Aufnahmen zeigen einen konzentriert arbeitenden Musiker, der auch isoliert im Studio versucht, 100 Prozent abzurufen. Sich selbst schätzt Wallentin so ein: „Ich bin noch nie der Typ Drummer gewesen, der der technisch Versierteste sein will. Ein guter Schlagzeuger ist der, der innerhalb der Band und bei jedem Song dann da ist, wenn er im Arrangement des Stückes gebraucht wird.“ Früher habe es noch eine Abgrenzung gegeben zwischen ausgesprochenen Studiodrummern und Livemusikern: „Heute muss man alles können, um angefragt zu werden.“

In Zukunft würde der frühere „Silent Seven“-Drummer gern auch Talente aus der Region unterstützen und – wie alle Musikerkollegen – möglichst bald wieder vor Publikum spielen: „Die drei großen Engagements der jüngeren Vergangenheit – das war etwas, das ich noch meinen Enkeln erzählen kann. Das sind Erfahrungen, die man nicht jeden Tag macht. Ich vermisse aber auch die kleinen und ganz intimen Kneipenshows mit 30, 40 Leuten.“

Von Carsten Beckmann