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Marburg Arzt berichtet: So verhindern Bürokraten das Impfen
Marburg Arzt berichtet: So verhindern Bürokraten das Impfen
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11:58 26.03.2021
Kann impfen, will impfen, muss aber erst Behörden-Briefe beantworten und regt sich über die Bürokratie in Mittelhessen auf: Dr. Martin Bayer aus Wettenberg.
Kann impfen, will impfen, muss aber erst Behörden-Briefe beantworten und regt sich über die Bürokratie in Mittelhessen auf: Dr. Martin Bayer aus Wettenberg. Quelle: Foto: srs
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Marburg/Gießen

Martin Bayer hält ein Schreiben in der Hand und schüttelt den Kopf. Der Hausarzt, der in Wettenberg eine der größten Praxen für Allgemeinmedizin im Landkreis Gießen führt, liest einen Fragenkatalog, der in dem Brief steht, und den er hessischen Behörden beantworten soll. Von Frage zu Frage wird er wütender. Er fühle sich für dumm verkauft, sagt Bayer. Man „glaubt wohl, ich betreibe einen Bierkiosk“.

Bayer zählt zu den mehr als 200 Hausärzten in Mittelhessen, die in wenigen Wochen Corona-Schutzimpfungen durchführen sollen. Über die Kassenärztliche Vereinigung haben Bayer und Kollegen Interesse angemeldet – Interesse daran, als eine von hessenweit zunächst nur 50 Praxen Corona-Impfungen durchführen zu dürfen. Start? Im Landkreis Marburg-Biedenkopf geht man nach einem der OP vorliegenden Schreiben von nächster Woche, also noch vor Ostern aus.

Alle interessierten Praxen nehmen teil

Zunächst war geplant, dass in Landkreisen wie Gießen und Marburg-Biedenkopf probeweise nur in drei Praxen geimpft wird, um die Organisation und Abläufe der Dokumentation zu testen. Mittlerweile sollen laut Landes-Sozialministerium alle interessierten Arztpraxen eingebunden werden.

Der jüngste Brief macht Bayer so oder so fassungslos. Die Bürokratie sei symptomatisch und, so sagt er, gefährde Menschenleben. Mit der Beantwortung des Fragenkatalogs solle er nachweisen, ob das Prozedere der Impfung für seine Arztpraxis „zumut- und umsetzbar“ sei. Bayer wundert sich: Offensichtlich wolle man sich bei den Behörden „erstmal vergewissern, dass wir überhaupt impfen können“.

Fragenkatalog zu Parkplätzen, Nahverkehr und Kühlschränken

Es geht um den Nachweis von ausreichenden Parkplätzen, die Nahverkehrsanbindung, das Verfahren zum Abholen des Impfstoffes im Impfzentrum, tägliche Dokumentation nach den Vorgaben eben jenes Impfzentrums, Abrechnungsfragen und die Lagerung, die Kühlung der Vakzin-Dosen. „Wir arbeiten bereits jede Woche bürokratisch etwa 20 Stunden neben der Sprechstundenzeit“, sagt Bayer. „Wir haben Kinder zu Hause. Was soll das?“ Mit manchem bürokratischen Problem könne er noch umgehen, räumt der Hausarzt ein.

Doch diese Fragen, speziell ob die Größe des Wartezimmers in seiner Praxis so bemessen ist, dass Abstandsregeln eingehalten werden können, und die Bitte, einen Grundriss der Praxisräume vorzulegen, bringen ihn zum Schimpfen. „Wir arbeiten seit mehr als einem Jahr in der Pandemie. Tagtäglich.“ Selbstverständlich würden Abstände im Wartezimmer eingehalten. Die Frage mache eine fehlende Wertschätzung für die Leistung der Ärzte in der Krise deutlich.

„Unnötig, unflexibel, unverschämt“

Mit Unverständnis reagiert er auch auf die Erkundigung, ob die Praxis über ausreichend Kühlmöglichkeiten für Impfstoffe verfügt, so werde ein Arzneimittel-Kühlschrank benötigt. „Das ist für Arztpraxen im Qualitätsmanagement vorgeschrieben. Was soll diese Frage?“

Besonders auf die Frage, ob die Arztpraxis ein Hygienekonzept umsetze, reagiert Bayer mit Sarkasmus. „Nö, wir waschen uns nie, tragen keine Masken. Toiletten werden nicht geputzt. Handschuhe nie gewechselt.“

Schuchard: Monsterbürokratie

Dass sie entweder – wie im Modell-Fall – mit behördlicher Bürokratie überhäuft werden, oder – wie im Fall des flächendeckenden Hausarzt-Impfstarts nach Ostern – bis heute gar nichts gehört haben und dann kurz vor knapp wieder mit Schreiben, Infos und Fristen konfrontiert werden, schildern mehrere Mediziner im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

„Es ist eine Monsterbürokratie. Unnötig, unflexibel, unverschämt“, sagt der Stadtallendorfer Hausarzt Dr. Ortwin Schuchardt. Das Probe-Praxen-Modell sei „eine Totgeburt“, unabhängig davon, ob diese nun bereits nächste Woche oder wie die anderen nach Ostermontag ein paar Impfdosen geliefert bekämen. „Wir alle wollen impfen, wir alle können impfen, nur dürfen wir es nicht. Eigentlich eine Frechheit sowohl Ärzten als auch Patienten gegenüber.“

Hesse: 20 Dose sind zu wenig

Das sieht Dr. Hartmut Hesse, Prima-Vorsitzender in Marburg, ähnlich: „20 Dosen wöchentlich sind viel zu wenig. Die Impfzentren darf man nicht institutionalisieren, die müssen nicht auf 100 Prozent laufen. Die meisten wollen zum Hausarzt, dann sollten sie das auch dürfen.“

Pikant: Zunächst wird wohl keine Praxis den massenhaft verfügbaren, leicht zu lagernden, aber skeptisch gesehenen Astrazeneca-, sondern den begehrten, aber sowohl raren als auch schwerer zu lagernden Biontech-Impfstoff bekommen. Nach Auffassung von Experten bedeutet das: keine Beschleunigung des Impftempos. „Wir verimpfen, was wir kriegen. Am liebsten im Minutentakt“, sagt Hesse, der alle impfwilligen Patienten aufruft, sich bei ihren Hausärzten via E-Mail oder Fax – wegen dem Tagesbetrieb nicht via Telefon – zu melden.

Von Stefan Schaal und Björn Wisker

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26.03.2021