Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Ein Pleiten-Tsunami wegen Corona ist nicht in Sicht“
Marburg „Ein Pleiten-Tsunami wegen Corona ist nicht in Sicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 17.12.2020
Andreas Bartsch, Chef der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, im OP-Interview zur Corona-Pandemie. Quelle: Henrik Isenberg
Anzeige
Marburg

Was kommt nach der „Bazooka“? Andreas Bartsch, Chef der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, spricht im OP-Interview über die Folgen der Corona-Pandemie.

Nach der ersten Corona-Welle zog die Sparkasse mit Blick sowohl auf den Geschäfts- als auch Privatkundenbereich eine Blaues-Auge-Bilanz. Was ist der aktuelle Stand, die erste Winter-Prognose für die Region?

Anzeige

Andreas Bartsch: Bis jetzt im „Lockdown light“ sieht es entspannt aus. Sowohl bei Privatpersonen als auch bei Unternehmen gibt es 140, also eine verschwindend geringe Zahl an Tilgungsaussetzungen. Und beim Blick auf die Liquidität sieht es bei den heimischen Firmen ganz gut aus. Die Mittelständler in der Region haben in den letzten Jahren gut verdient und das sieht man jetzt, wirtschaften gut, haben Reserven aufgebaut und eine gewisse Krisenfestigkeit. Zumindest noch scheinen sie sich irgendwie durchzuwursteln. Das gilt aber leider längst nicht für alle Branchen. Je länger der Lockdown speziell für Gastronomie, Hotellerie, Reisebüros und Schausteller dauert, desto schlimmer und schwieriger wird es für sie, wirtschaftlich zu überleben.

Rechnen Sie – nicht zuletzt wegen der zum Jahresende auslaufenden Insolvenzschonfrist –mit Firmenschließungen?

Bartsch: Ja, einige werden es leider sicher nicht überleben. Vielleicht auch mehr und in anderen Branchen, als wir das aus der Vergangenheit kennen. Wir schauen da sehr genau auf die Entwicklung gerade in Bereichen, die es eh schon schwer hatten und im Umbruch sind. In unserer Region speziell die Automobilbranche, wo das Thema E-Mobilität durch Corona noch mehr beschleunigt wurde. Da haben einige Betriebe Druck und nicht alle werden die Kurve kriegen. Aber eine Insolvenzwelle, einen Pleiten-Tsunami, der viele Betriebe wegschwemmt, können wir in Marburg-Biedenkopf mit Blick auf unsere Kunden nicht sehen. Es werden die auf dem Markt bleiben, die genug Kraft haben. Von diesen Kräftigen haben wir zum Glück einige.

Was ist für die Bewältigung der Krise entscheidend?

Bartsch: Alle Prognosen und Berechnungen stehen unter dem Vorbehalt, dass die Impfungen zum Jahreswechsel beginnen, sie Schutz bieten, die Menschen sich in großer Zahl impfen lassen und die Krampfsituation so sich nicht über das Frühjahr fortsetzt. Was die Unternehmen neben dem hilfreichen, aber endlichen Kurzarbeitergeld brauchen: offene Kindergärten und Schulen. Klappt das nicht, kann es finster werden.

Welche Prozesse sind für Sie bereits sichtbar?

Bartsch: Die Zinsen sind weiter niedrig, der DAX liegt bei 13 000 Punkten – und es baut sich immer mehr Inflationspotential auf. Wenn die Wirtschaft, die Produktion samt der Lieferketten wieder anlaufen, wenn Flugzeuge fliegen, Schiffe und Autos fahren und dadurch Rohöl- und Energiepreise wieder steigen, drückt das aufs Gaspedal der Inflation. Dazu die Gehaltserhöhungen nicht nur im öffentlichen Dienst und auch das viele Geld, das theoretisch auf den Märkten ist und Anlagemöglichkeiten sucht. Aber selbst wenn eine Inflation kommt, wird das nicht in Bereiche von 6, 7, 8 Prozent gehen. Und auch das Zinsniveau, das zumindest nach 2021 steigen dürfte, wird weiter noch sehr lange um die 0 kreisen.

In den vergangenen Jahren haben zehntausende junge Familien Immobilienkredite aufgenommen. Droht denen künftig eine höhere Zinslast?

Bartsch: Es ist so viel Geld da, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die Zinsen in den nächsten zwei, drei Jahren in Bereiche von 5 Prozent gehen. Dass es danach elementare Steigerungen gibt, ist nicht auszuschließen, aber rein spekulativ. So recht glauben kann ich an Zinssätze jenseits von 4 bis 5 Prozent nicht.

Was beobachten Sie grundsätzlich im Immobilienbereich während der Pandemie?

Bartsch: Bei Wohnungskäufen, unserem Kreditgeschäft, gibt es in diesem Jahr keinen Abriss. Auch Grundstücks- und Baupreise sinken nicht. Immobilienpreise in Marburg steigen sogar weiter. Alles mit langfristiger Anlage, Sach- und auch Aktienwerte, zeigt sich recht unbeeindruckt von der Pandemie. Beim Mietmarkt sieht es etwas anders aus: Da gibt es weniger Nachfrage. Das spüren vor allem die, die an Studenten vermieten, die nun zuhause bleiben statt nach Marburg zu ziehen.

Die Politik scheut die Diskussion, aber rechnen Sie angesichts der ausgegebenen Corona-Milliarden mit Steuererhöhungen, gar einer den Euro infrage stellenden Währungsreform?

Bartsch: Es wird für die Corona-Hilfen eine Gegenfinanzierung geben, eine wie auch immer genannte Pandemie-Steuer kommen. Die Frage ist, welche Gesellschaftsgruppen wie viel bezahlen müssen und wie viel Geld unter Vorzeichen einer durch eine fette Delle geschwächten Wirtschaft einzunehmen ist. Grundsätzlich ist die Staatsverschuldung Deutschlands aber noch vergleichsweise niedrig, auch niedriger als zu Finanzkrisen-Zeiten. An eine Währungsreform glaube ich nicht, dafür gibt es auch weder Anzeichen noch Notwendigkeit. Die Europäische Union steht in einer Transferbeziehung, die enger ist denn je; sie ist mit Corona auch eine Schulden-Gemeinschaft. Wenn die Wirtschaft anspringt, Arbeitsplätze und Einkommen vorhanden sind, gibt es Wachstumspotentiale. Dass es aber eine große Unsicherheit gibt, sieht man an den Konten: Allein in der Sparkasse hat es in diesem Jahr einen Einlagenzuwachs von 300 Millionen Euro gegeben.

Die Menschen geben also weniger Geld aus.

Bartsch: Viele sind auf Vorsicht gepolt. Im Privatbereich fährt man, zumal in Kurzarbeit, das alte Auto lieber noch ein Jahr weiter, Firmen schauen auf die Auftragslage und investieren nicht in eine neue Halle oder Anlagen. Was man sieht: Für viele ist der Urlaub, die damit einhergehenden Kosten weggefallen. Schlecht fürs Herz, gut fürs Portemonnaie.

Wird die traditionelle Wachstumslogik, das „V“ als Corona-Erholung, mit der Klimapolitik – also Verzichtspostulaten – noch funktionieren?

Bartsch: Ich glaube nicht, dass trotz Nachhaltigkeits- und Klimafragen weniger Waren und Güter produziert werden. Die Art der Produktion, die Materialien verändern sich. Zahnbürsten aus Holz statt Plastik, andere Zutaten in Nahrungsmitteln – die Plastikkarte als Zahlungsmittel wird aus denselben Gründen eher verschwinden, vom Smartphone ersetzt als das Bargeld. Nachhaltigkeit ist mehr als ein Trend. Der Konsum, das Verhalten, auch das bei der Mobilität wird bewusster, aber nicht zwingend weniger. Ob E-Ladesäulen, Windräder oder Produkte aus Plastikrückständen: Auch das muss gebaut, hergestellt werden. Dort stecken, ebenso und zunehmend im Dienstleistungsbetrieb rund um EDV und IT Jobs und Wirtschaftsleistung drin. Es ist eine gesellschaftliche Weiterentwicklung, aber sie wird nicht Wirtschaftslogiken außer Kraft setzen.

Von Björn Wisker

Marburg Starker Mittelstand in Marburg - Bartsch geht von höheren Steuern aus
17.12.2020